Und nach einer Viertelstunde saß ich drinnen im Wohnzimmer; Adolf hatte mir mit seinen weißen, zärtlichen Fingern den Mantel und die Mütze abgenommen und mir das Haar zurückgestrichen. Er machte mir einen Tee, buk mir ein Eierküchlein und lief voller Eifer ab und zu. In der Gaststube zündete er ein Feuer an, richtete das Bett und tat sogar eine Wärmflasche hinein; nur einmal kam er mit großer Betrübnis zu mir.

»Du mußt entschuldigen, Ageli; es ist neulich ein Katzenschißchen auf dein Bett gekommen, und es müffelt noch ein wenig. Es ist mir wirklich leid; aber gelt, du nimmst es nicht zu schwer –!«

Als ich nun in meine Stube ging, kam er noch einmal, sah mich voller Uebermut und Spitzbüberei an und überreichte mir meine Pantoffeln.

»Ich habe sie damals wieder von der Straße herauf geholt und sie dir aufgehoben; ich wußte ja, daß du wieder kommen würdest.«

Ich wurde rot und sah zu Boden. Und ach, da erblickte ich plötzlich, daß Fouqués Hausschuh ein Loch habe, durch das Loch guckte der Strumpf heraus, und der hatte auch eins, so daß ich ein Stücklein nackte Zehe sah. Und über dem erschien mir unverweilt jene andere blaugefrorene Zehe, die in meinem Leben so bedeutsam war; ich spürte zitternd, wie die mächtigen Ströme des Namenlos über mich hereinbrausten, und inmitten der stürmenden Bedrängnis zog ich Adolfs lockigen Kopf zu mir her und küßte ihn heiß und herzlich. Und das war damals bei Gottfried auch nicht anders gewesen.

Dann leuchtete er mir mit dem Lämpchen in meine Stube und spielte hernach auf dem Klavier eine zarte und selige Melodie, bis ich eingeschlafen war.


Darüber ist nun schon manches Jahr hingegangen. Ich muß sagen, daß ich meinen Mann herzlich liebe; wir ergänzen uns und passen ineinander, wie es prächtiger nimmer sein könnte. Ich habe selber noch zwei Kinder bekommen, und es ist stets ein farbiges, fröhliches und beglückendes Getümmel um mich herum, so, wie ich es immer geliebt habe. Des Werktags habe ich Sorgen und schaffe und lasse meine Kräfte springen; Sonntags und an manchen Abenden aber gibt's Musik und Literatur und heitere Gesellschaft bei einem Glase Wein; ja, seit ich entdeckt habe, daß mein Mann ein guter Tänzer ist, gehen wir sogar hie und da miteinander zu einem Tanze. Im Sommer aber, wenn's im Sortiment ruhig ist, wenn Breisel hinter dem Ladentisch nickt und einer neuen Zwetschgenernte entgegen träumt, machen wir alle zusammen ein Reislein auf den Gottlosen Zinken hinauf; bloß, daß Frau Finkenlohr schon lange nicht mehr da, sondern mitsamt ihrem Zuckerschleckbüchslein zur ewigen Ruhe eingegangen ist.

Mit meinen Freunden Roth lebe ich immer noch in einer warmen, ungetrübten Freundschaft; zwar habe ich Herrn Roths Lebensweisheit nicht mehr weiter bei mir angewandt; im Gegensatz zu ihm gebe ich mir in solchen Sachen keine große oder besondere Mühe, sondern lasse mich einfach von meinen innerlichen Strömen weiter treiben; aber manchmal will es mich bedünken, als liefen unsere beiden Lebenspläne und Anschauungen am Ende doch irgendwo in Einem zusammen.

Und dann ist da noch etwas, das ich sagen muß. Zuweilen, etwa in einer Sommernacht, wenn ich ein Kind an der Brust habe und Adolfs Klavierspiel durch die Nacht zu mir herüber kommt, geschieht es, daß ich die fremde, rieselnde Dichterlust meiner Jugendtage wieder über mir spüre. Sie hat jene Leidenschaft und drängende Gewalt ganz verloren; es ist nur, als ob es in meinem Gemüte leise und köstliche Wellen schlüge. Ich sitze dann still und horche in mich hinein; Verse und Lieder steigen in ruhiger und müheloser Klarheit in mir auf, und sie sind so reif und schön und selig wie keines von damals. Ich behalte es aber für mich und sage niemand etwas davon.