»Ah, Agnes, hier sind Sie! Nicht wahr, Sie mußten warten? Das tut mir leid, ich kann nichts dafür!«
»Oh,« sagte ich beglückt, daß sie so lieb zu mir war, »die Zeit ist mir nicht lang geworden. Ich habe an etwas sehr Schönes gedacht.«
»An was denn, darf ich's wissen?«
Da sagte ich ihr, daß ich wünsche, es möchte wieder regnen; und wie schön ich es mir dächte, mit ihr zusammen unter einem Schirm durch die dunkle Allee zu gehen.
Und als ich es gesagt hatte, kam ich mir auf einmal maßlos frech vor und war erschrocken und verlegen. Gunhild aber streckte ihre Arme aus, stand einen Augenblick prüfend still und sagte dann heiter: »Ich glaube, ich habe einen Tropfen gespürt.«
Und wie sie den Schirm aufspannte und sich zum Gehen wandte, fiel das Licht vom Hause her noch einmal hell über ihr Gesicht: ich sah, daß sie lächelte, ein wenig belustigt, aber strahlend gütig und lieb; dann gingen wir durch die Allee, über die Brücke und in einer stillen, dunklen Straße nach Hause. Und keines sprach ein Wort; aber ich meine, es sei mir nie reiner und wohler zu Mut gewesen als bei jenem stummen nächtlichen Gang, da meine Liebe so reich und erfüllt war durch Gunhild's Lächeln und ihre köstliche Nähe.
Als ich die Haustüre aufschloß, trat sie plötzlich neben mich, faßte mich unter dem Kinn und bog mein Gesicht zu ihrem herauf, indem sie warm und leise fragte: »Sind Sie nun glücklich?«
»Ja,« sagte ich, und suchte im Dunkeln das Licht ihrer Augen zu sehen, »ich bin sehr, sehr glücklich!«
Dann gingen wir ins Haus.
– Am nächsten Tag war Frau Gunhild kühl, vornehm und ruhig wie immer. Das tat mir weh und wenn ich in ihre Nähe kam, war ich verwirrt und befangen. Ich wurde nicht klug aus ihr. Was war nun ihr wahres Wesen – ihre zurückhaltende Herbe oder die zarte, hingebende Güte jener Nacht?