Diese Zwiespältigkeit warf mir einen bösen Schatten über ihr Bild und quälte und bedrückte mich besonders abends stark, so daß ich der lustigen Urschel oft unmutig weglief, ihre Witze blöd und geschmacklos fand und dann noch stundenlang jämmerlich einsam in meiner Kammer saß und schließlich traurig zu Bette ging.

Und da geschah es oft noch spät vor dem Einschlafen, daß ich in einer plötzlichen Klarheit das Bild der lieben Frau vor mir schweben sah, ungetrübt, tröstlich süß und heiter lächelnd; ich hörte ihre Stimme wie damals in der Nacht: »Sind Sie glücklich?« – Ich spürte ihre Nähe, ich atmete ihre Luft, und ich lag still und beseligt in ihrem Lichte. Und ich nahm gern den ganzen verquälten Tag auf mich, um dieser flüchtigen, wonnig schönen Augenblicke willen.

Einmal lag ich mitten in der Nacht wach und meinte plötzlich, unten im Hause ihre Schritte gehört zu haben, eilte hinab und sah sie aus der Küche kommen, in einem langen, weißen Nachtkleid, ein Tuch und ein brennendes Licht in der Hand. – Sie erschrak, als sie mich sah. »Agnes! Warum schlafen Sie nicht?«

Ich fragte, ob ich ihr nicht irgend etwas tun könne, ob sie nicht wohl sei, und ich sah sie voller Angst an und konnte nicht hindern, daß mir ein Zittern über die Glieder lief. –

»Ich habe ein wenig Kopfweh gehabt und konnte nicht einschlafen. Nun habe ich mir ein nasses Tuch geholt, das ist alles!«

Sie stellte den Leuchter weg und sah mich klar und lieb, aber ohne Lächeln an. – »Ich muß einmal mit Ihnen reden, Kind. Sehen Sie, Sie meinen wohl, ich merke nicht, wie Sie mich liebhaben und an mich denken und einen Engel oder Halbgott oder sonst irgend ein vollkommenes Wesen in mir erblicken. Nicht wahr? – Ich sehe und merke und spüre das alles, und es ist mir leid. Es freut mich immer, wenn ein Mensch mich gern hat; aber so wie Sie mich lieben, ist es nicht recht. Sie vergeuden ihre besten Kräfte und Gefühle ohne Nutzen und Ziel mit dieser törichten Schwärmerei, und im Grunde haben Sie gar nichts davon. Das müssen Sie sich selber sagen!

Ich meine, wenn man jemand liebhaben will, muß man erst in sich selber fest geworden sein und gelernt haben, auf eine gute Art seine Kämpfe und Leiden zu verschweigen und zu verwinden. Sehen Sie, Agnes, Sie sind noch so jung und so gewöhnt, Ihren Stimmungen und Neigungen nachzugeben und sie wichtig zu nehmen, es geht ja allen jungen Leuten so. Aber wenn man älter wird, sieht man ein, wie töricht und egoistisch das ist. Man muß immer mehr lernen, an allem Schicksal nur das zu sehen, was einen gut und tüchtig macht, und sich mit dem andern, Haß und Verdruß und überlaufende Freude oder Schwärmereien, still und ruhig abzufinden, bis man es bezwungen hat und darüber steht. Im Grunde ist das Leben auch einfach und gar nicht so viel dran wie wir oft in der Jugend meinen!« – Sie fuhr sich müde über die Stirn.

Wir waren eine Weile still.

»Ach, gnädige Frau,« sagte ich, »so wie Sie das meinen, werde ich's niemals können. Wenn etwas schön ist, muß ich mich halt dran freuen und wenn ich traurig bin, kann ich's nicht verbergen. Und – ich habe Sie eben so sehr lieb und weiß mir nimmer zu helfen!«

Das letzte sagte ich ganz leise und fast ungewollt und die Augen standen mir voll Tränen.