Da legte mir Gunhild ihre Hand auf den Kopf, ganz fest und schwer. Ein anderes wäre mir vielleicht übers Haar gefahren oder hätte mich gestreichelt, aber es war wohl ihre Art so, und in ihrem Gesicht war wieder das schöne, verzeihende Lächeln, daß es mich heiß und selig überlief.

»O, Kind,« sagte sie, »ich glaube, Sie sind ein kleiner Dichter und Schwärmer, und Ihnen ist nicht zu helfen; solche Leute macht man nimmer anders!«

Dann nahm sie ihren Leuchter und nickte mir zu. »Gute Nacht! Und schlafen Sie gleich, ich will es auch so machen!« – Ich lief wie im Traum die Treppe hinauf, legte mich ins Bett und schlief wundervoll fest. Und am Morgen war ich noch im gleichen Traum befangen; immer meinte ich, Gunhild's Hand auf meinem Kopf zu spüren und sah in einem seltsamen Geflimmer ihr schönes, lächelndes Gesicht deutlich und nahe.

Drei oder vier köstliche Tage ging ich in dem seligen Rausch und Halbschlaf, bis ich jäh und traurig davon erwachte. Es war an einem Abend; ich saß mit Urschel unter dem Kammerfenster, träumte vor mich hin und hörte dabei vergnüglich mit halbem Ohr auf ihre munteren Schnurren hin, bis sie auf einmal, über den Fluß hinüberdeutend, sagte:

»Guck einmal, da kommt deine Schneegans – Schneekönigin wollte ich sagen.« –

Da drüben ging Frau Gunhild unter den Kastanien, es war nahe und noch hell genug, um ihr blasses, vornehmes Gesicht zu erkennen, das mir nie so kühl und fremd und abweisend schien wie in diesem Augenblick. Sie trug ein reiches, weißes Kleid, und wie sie so allein mit ihrem sonderbar langsamen Gang durch die abendliche Allee schritt, hatte sie etwas unheimlich Gestorbenes, fast Gespensterhaftes an sich.

Ich weiß nun nicht, was es war: Urschel's blöder Witz oder der Fluß, der so dunkel und tief und trennend zwischen mir und der geliebten Frau war oder ihr verändertes Wesen – mit einemmal zerstob der schöne Traum von dem Lächeln, es wurde mir unnennbar beklommen und jammervoll elend zu Mut, ich stöhnte und lief aufheulend aus der Kammer.

Plötzlich begriff ich, daß ich dieser Frau niemals nahekommen konnte; sie würde mir nie, nie von Herzen zugetan sein, so wie es mein brennender Wunsch war; und ich liebte sie doch so zäh und unablässig und leidenschaftlich, so – wie es nur ein Kind meines Vaters tun kann.

Ich lag ein paar Stunden in einem Winkel unter dem Dach, ganz verstört und zerschlagen, mein Liebesjammer schüttelte mich wie ein körperlicher Schmerz, dazwischen stöhnte ich und schrie leise ihren Namen, bis ich endlich erschöpft und still und todestraurig zu Bette ging.

– Ich mochte vielleicht eine Viertelstunde gelegen sein, als leise meine Tür aufging und Urschel hereinkam. Sie setzte sich stillschweigend zu mir aufs Bett und fing an, ganz sanft und tröstend einschläfernd auf ihrer Mundharmonika zu spielen.