Ich mußte in all meiner Betrübnis lächeln. Der Tollpatsch konnte doch rührend lieb sein! Ich ließ sie eine Weile spielen; das Dunkel der Nacht, die warme Nähe eines Menschen, der mich zu trösten versuchte und die sanfte Musik gingen mir streichelnd über die erregte Seele, bis ich langsam ruhiger wurde.

Als sie aufhörte, zog ich sie neben mich aufs Kissen und erzählte ihr leise meine ganze Liebe zu Gunhild, vom ersten Blick an bis dahin, wo sie zu mir sagte, ich sei ein Dichter und gehöre somit zu einem Menschenschlag, bei dem eben in Gottesnamen das Schwärmen und Spinnen und Sinnieren zum Handwerk gehöre und nichts dagegen zu tun sei. Da unterbrach sie mich.

– »Die Gunhild ist ein Ladstock! Bilde dir nur ja nicht ein, du seist etwas Besonderes oder gar etwas Rechtes. Du bist so ein kreuzfades Gestell, daß du einem bloß leidtun kannst. Ich kann's jetzt nimmer länger mit ansehen, du wirst ja krank dabei. Von jetzt ab gehst du alle Sonntage mit mir in den Wald, – abends will ich dich tanzen lehren und morgen früh wecke ich dich um fünf Uhr zum Nachenfahren und Baden, daß deine Grillen versaufen, und im Winter laufen wir Schlittschuh und fahren die Steige hinunter, bis dir der Dusel vergeht. Kannst du schwimmen? Ja? – Ach, das ist dein erster gescheiter Gedanke!« – – –

Am Morgen gingen wir in einer tauigen, kühlen Frühe vor die Stadt hinaus, Urschel pfiff durch die stillen Gassen, daß hie und da ein verschlafener Kopf spähend an den Scheiben erschien. Hinter einem Weidenbusch zogen wir uns aus; mit einem hellen Juchzer warf sich Urschel in das Wasser und war mit ein paar Zügen mitten im Fluß, indes ich noch langsam vom Ufer abstieß. Ein herbes Lüftlein wehte vom Wald herunter, der blauschwarz zu Seiten des heiteren Tales stand; die erste Sonne lag wundervoll in glänzenden, wogenden Lichtern auf dem Fluß, die Tropfen glitzerten und Urschel kam vom anderen Ufer herübergerudert mit einem gestohlenen Nachen, frisch und lachend wie der junge Tag.

Da lief mir das Herz über von einer lang verhaltenen Fröhlichkeit, meine ganze zurückgedämmte Jugend schoß mir wie ein toller Uebermut in alle Glieder; ich kletterte zu Urschel ins Boot und sang mit Macht ein Schifferlied in den wonnigen Morgen hinaus. Wir schnellten über das Boot hinunter wie die Fische, daß das Wasser hoch über uns zusammenschlug, wir pusteten in die Höhe, strampelten springende Tropfen gegen die Sonne, spazierten über das Wehr, wo uns das Wasser reißend über die Füße lief, und als die Sonne kräftiger wurde, lagen wir faul im Boot, ließen uns sachte stromabwärts treiben und sahen helle Wolken über den Himmel gehen.

Auf dem Heimweg stiegen wir über einen Gartenzaun, stahlen zwei taufrische Rosen und steckten sie uns an die Blusen. Wir machten uns über die Weckensäcklein lustig, die an den verschlossenen Haustüren hingen, sahen den Briefträger die Postkarten lesen, ehe er sie in den Kasten warf; wir schellten Sturm an fremden Glockenzügen und verschwanden ungesehen in verschwiegenen Gassen.

Und am Abend trugen wir das Licht auf die Bühne hinauf, Urschel fing an zu pfeifen, einen Walzer nach dem andern, tanzte großartig und riß mich in einen prachtvollen Schwung hinein.


Als ich an jenem Abend endlich im Bette lag und mir das Herz noch klopfte von Tanz und Leichtsinn, als ich noch einmal den ganzen köstlichen Tag überdachte von dem morgensonnigen Wasser an bis zu dem nächtigen Freudenfeste, da war es mir, als sei ich der Welt urplötzlich nahe gekommen und liege dem lieben, reichen, warmen Leben selig an der Brust.

Und ich konnte mein Gefühl nicht anders unterbringen, als in einer großen Dankbarkeit gegen Urschel, der ich von dem Tage an nachlief wie ein Hündlein.