Es gab nichts kurzweiligeres und unterhaltenderes als ihre Stube. Sie war größer als meine und hatte zwei Fenster, die auf die Dachrinne hinausliefen, wo Urschel in alten Milchhäfen, Schnittlauchkisten, an Schnüren und Stäbchen einen unglaublich üppigen Blumenflor zog. Die Wände waren von oben bis unten mit Bildern, Photographien, Zeichnungen und Postkarten tapeziert, was dem Raum ein ungemein reiches, buntes Aussehen gab. Die Bilder waren meist Ausschnitte aus Zeitschriften: südliche Landschaften, Vögel, Blumen, Schmetterlinge, die mit mehr Vorliebe für prächtige Farben als mit gutem Geschmack ausgewählt waren. Ueber dem Bett hingen in verblüffender Zusammenstellung die drei erklärten Auserwählten Urschel's: Kopernikus, Schiller und – Zeppelin. Woher sie den Kopernikus hatte, weiß ich nicht; es war ein schöner, alter Kupferstich und ihren Andeutungen nach vermute ich, daß sie ihn einer früheren Herrschaft, bei der er unbeachtet in einer Bühnenkammer lag, gestohlen hatte. Die drei Herren sahen urkomisch aus, wie sie so einträchtig über dem Mägdebett hingen; Kopernikus in der Halskrause, Schiller im offenen Kragen, Zeppelin modern geschnigelt. Ihn verehrte sie wohl am heißesten; sie interessierte sich glühend für Flugtechnik und zeigte mir verschämt in einem verborgenen Schächtelchen den Grundstock zu einer Luftschiffreise, die zu ihren glänzendsten Zukunftsplänen gehörte. Es waren, glaube ich, damals sieben Mark und zweiundzwanzig Pfennige. Auch hing an einem Faden von der Decke herab ein kleines Flugzeugmodell, wie es Knaben zum Spielen haben und sie strich oft zärtlich versunken über die Räder und Propeller. Auf ihrem Tisch lag stets aufgeschlagen der große, schöne Atlas, der mit dem Globus zusammen wohl ihr wertvollstes Besitztum bildete. Auch hatte sie eine Masse loser Landkarten und eine Sternkarte, die ihr aber später einmal, als sie nachts bei einer astronomischen Betrachtung unter dem Fenster saß, entfiel, im Fluß versank und durch keine andere ersetzt wurde.
Vom ersten Frühjahr bis in den Winter hinein hatte sie das ganze Zimmer voller Blumensträuße stehen, deren Pflege und Erneuerung ihr viel Arbeit machte, da sie nie einen welken duldete. Daneben versorgte sie noch eine Schildkröte, einen Raupenkasten und einen Stieglitz, der zwischen den Fenstern in einem grünen Käfig hing; und weil ihr die Stube immer noch nicht voll und belebt genug war, hatte sie ihre volkstümlichen Musikinstrumente fein malerisch auf Tischen und Stühlen ausgebreitet: Laute, Zither, Ziehharmonika und ein Piston mit schauerlichem Ton, das sie aus Pietät für ihren Großvater, der es geblasen hatte, als einziges Andenken von zu Hause mitgebracht hatte.
Am kuriosesten waren ihre Bücher, auf drei, vier Kistenbrettern stand da, neben Schillers schön gebundenen Werken, eine zerfetzte, dreckige Indianergeschichte: der letzte Mohikaner oder Rosa, die Prärieblume; neben Tacitus' Germania ein modernes Experimentierbuch für Knaben, sowie die Sagen des klassischen Altertums und ein naives, schwäbisches Liederbüchlein mit derartigem Inhalt:
»Was nützet mir mei' neus Paar Stiefel,
Wenn's andere drin spazieren gehn!
Und treten's mir die Absätz' ab –
Vallera, vallera!«
Geschichtliche Erzählungen las sie am liebsten; sie konnte oft ihren ganzen Monatslohn ausgeben, um neue zu kaufen, wie denn überhaupt Geschichte ihre gründlichste und ernsteste Liebhaberei war. Ich lieh ihr einmal ein Buch, das ich mir um zwei Mark gekauft hatte: ein süßlich modernes, äußerst heikles Werkchen eines anerkannten Schriftstellers, das mir sehr gefiel und schon halb in Fleisch und Blut übergegangen war.
Sie brachte es mir mit verächtlicher Miene zurück. »Blech!« sagte sie, »weißt du – das war früher doch noch eine andere Schreiberei als jetzt. Da schrieb man Geschichten und Schicksale der Völker und Stämme und allein Helden und Könige wurden es gewürdigt, einzeln hervorgehoben und beschrieben zu werden. Und heutzutage befaßt sich so ein Kerl da seitenlang mit den Gefühlen eines Kindes im Mutterleib! Ach, ich kann das gar nicht leiden!«
Und in der hellen Teufelei warf sie das Buch zum Fenster hinaus in den Fluß, rief feierlich: »fahr wohl!« nach und rannte lachend zur Tür hinaus.