Das war mir zu bunt, ich rief ihr zornige, empörte Worte nach; ich kaufte mir meine Bücher, weiß Gott, auch nicht gerade zum ins Wasser schmeißen; sie nahm mir's übel, und wir bekamen bittere Händel; bis sie nach ein paar Tagen, wie es so ihre Art war, mitten in der Nacht halb angekleidet plötzlich vor meinem Bett erschien, mich umarmte, küßte, streichelte und mit einer Nelke, die sie an langem Stiel zwischen den Fingern hielt, halb tot kitzelte.
»Filzläusle, Herrgottskäferle, Schweinebrätle!« sagte sie zärtlich, »bockst du immer noch?« – und dann küßte sie mich aufs neue.
»Agnes, ach Agnesle, mög' mich doch wieder! Ich will's nimmer tun. Komm, ich will dir eine Geschichte erzählen: In Stuttgart war einmal einer Soldat, der hatte fünf Schätze; eine Köchin, eine Kellnerin, eine Zimmerjungfer, die ihm seine Wäsche wusch, eine Näherin, die sie ihm flickte, und eine Nette, Kleine – zum Gernhaben. Getreulich alle fünf Sonntage besuchte er wieder die gleiche und entschuldigte sich mit Wache und Stubendienst. Als nun seine zwei Jahre herum waren, kam er in eine große Verlegenheit und hätte sie gern alle wieder losgehabt. Da bestellte er sie am letzten Sonntag alle miteinander auf den Alten Postplatz vor die Kaserne an das ganz gleiche Plätzchen.
Erst stehen sie wohlwollend beieinander und fragen einander nach ihrem Schatz; – da kommt die ganze Geschichte heraus, sie fahren einander in die Haare, und zornwütig schieben sie ab, die eine die Rotebühlstraße hinauf und die andere hinunter, eine die Poststraße hinunter und eine die Calwerstraße hinüber, die fünfte aber die Gartenstraße hinauf, dieweil nämlich der Alte Postplatz in Stuttgart, just wie dafür geschaffen, fünf Ausgänge hat. Der ungetreue Schatz aber sah es von der Kaserne aus und lachte sich die Haut voll.
Magst du mich jetzt wieder? Immer noch nicht? – Ich will dir noch etwas erzählen. Wir haben zu Haus einen Tisch, bei dem das eine Paar Füß' kürzer ist als das andere. Mein Großvater wollte partout immer am kurzen Ende sitzen und endlich gestand er uns den Grund. »Wisset ihr, Kinder,« sagte er, »wenn's Welschkornbrei gibt, lauft alle Schmälze auf meine Seit'!«
Was, du lachst? Wart, es ist mir noch etwas eingefallen! In der Kochschule seinerzeit hatten wir eine Lehrerin, die hochdeutsch sprechen wollte und es nicht konnte. Etwa so: »Urschula, hannen Sie den Spatzenteig jetzet fertig? – Urschula, es ischt Ihnen ebbes nagefallen! – Urschula, mit Ihnen muß man sich z'tot ärgren!«
Einmal sollte beim Nachtessen eine Wurst übrig bleiben, wurde aber aus Versehen scheint's mitgegessen. Da schnaufte sie wütig an den Tischen auf und ab: »Wer hat zwei Wurschten gegessen? Es muß ebber zwei Wurschten gegessen han!« Das schlimmste aber war, daß wir's ihr nachmachten und zwar so arg, daß wir bald nimmer anders konnten und uns die Fräulein-Schneider-Sprache herausfuhr, wo wir besser anders gesprochen hätten! Es hat mich nämlich einmal ein Herr um den Weg gefragt, und ich sagte, ohne etwas dabei zu denken: »Gangen Sie nur selle Stafflen dort na!«
Dabei kitzelte sie und zwickte sie mich fortwährend und fuhr mir mit der Nelke im Gesicht herum, daß ich fast erstickte vor Lachen.
»Hast du mich jetzt wieder lieb, Agnesle?« fragte sie sanft und hielt mir die Nase zu. »Ja,« schnappte ich, und sie ließ sogleich fahren, küßte mich herzlich auf den Mund und rannte fort, ihre Ziehharmonika zu holen, auf der sie mir dann noch bis spät in der Nacht Volkslieder vorspielte und mit ihrer weichen, schönen Stimme dazu sang. Sie saß auf meinem Bettrand und ihre bloßen Füße wippten den Takt dazu.
– Wir gingen an den hellen Sommerabenden oft noch hinauf in die Wiesen und Felder, brachen Sträuße von Kornblumen und lagen an rot versonnten Hängen, lachten, sprachen, sangen oder waren still und sahen die Sonne untergehen. Dann liefen wir in der lauen Dämmerung ins Städtlein hinunter, bummelten durch die Gassen und Alleen, standen oft lange auf der Brücke und träumten den ziehenden Wellen nach oder fuhren still im Nachen noch ein Stück weit den Strom hinunter, bis die Nacht gesunken war. Daheim in Urschels bunter Stube begann dann erst das rechte Leben; wir misteten den Tieren, besorgten die Blumen, sprangen in der Stube herum, rauften wie die Buben und seiltänzerten in der Dachrinne, und wir tanzten, sangen und musizierten, erzählten einander Geschichten und schauten in den weiten gestirnten Himmel hinaus.