Wir saßen halbe Nächte lang über dem Atlas, dachten uns die Herrlichkeiten der südlichen Länder aus und litten ungebärdige Sehnsüchte darnach; wir lasen mit glühenden Gesichtern Reisebeschreibungen, Weltgeschichte und populäre Schriften über Technik und Chemie. Unermeßliche Gründe taten sich auf vor unsern Augen, Völker erstanden und zerfielen wieder, Schicksale brausten wie Stürme durch die Länder, und die Zukunft lag vor uns wie ein unendliches, schimmerndes Meer, das uns voll Größe und Ungestüm entgegenbrandete. Tausend Himmel und Welten erschlossen sich uns, von Wundern und Schönheit und gewaltigem Leben erfüllt, daß wir zitternd und scheu davor standen, und doch in der überquellenden Lust unserer jungen Jugend uns dazu berufen glaubten, alle diese Welten zu erfassen und alle Schönheit des Lebens zu besitzen, und wir spürten den Drang und die mächtige Kraft dazu in uns.
– Dieses weite, reiche Leben, das ich wie einen köstlichen Vorgeschmack meiner Zukunft genoß, zog mich so in seinen Bann und erfüllte mein ganzes Herz, daß meine unselige Schwärmerei für die schöne Gunhild bald verblaßte und ich wieder unbefangen mit ihr reden und verkehren konnte; es blieb nur eine dankbare, leise Wohligkeit zurück, die ich jedesmal empfand, wenn ich ihr nahe war oder wenn sie mich ansah. – – –
So gegen den Herbst und Winter hin wurde Urschel immer lebendiger und toller, es schäumte in ihr wie ein brausender, junger Most, und es kribbelte ihr in allen Fingerspitzen von Streichen und Teufeleien. Sie kaufte sich Feuerwerk und Frösche, die sie zu nachtschlafender Zeit in fremder Leute Gärten losließ, sie ließ mit den Buben Drachen steigen und spielte eine halbe Nacht lang unter des Dekans Schlafzimmerfenster auf ihrer Mundharmonika die gleiche Schauermelodie wohl fünfzig Mal hintereinander, um den frommen Herrn aus der Fassung zu bringen. Auf Staatsbeamte überhaupt hatte sie einen unerklärlichen Pick, in diesem Punkt war sie vollkommen Zigeunerin.
Da sie aufs Luftschiffahren vorderhand verzichten mußte, mietete sie sich ein Fahrrad und übte abends vor dem Haus mit großem Geschick. Dabei kam sie einmal zu Fall und verstauchte den Fuß. Sie schämte sich, es mir zu sagen, hinkte in ihr Bett und versuchte, sich allein zu kurieren. Als ich morgens nach ihr sah, fand ich den Fuß bös geschwollen und mit einer unheimlichen Salbe dick beschmiert.
»Was ist das?« fragte ich entsetzt.
»Hundsschmalz! Es hilft immer!« sagte sie überzeugt.
Es half aber diesmal nicht, und Urschel mußte eine gute Zeit lang im Bett bleiben. Ich habe jene Tage noch wohl im Gedächtnis; es ist mir, als habe sie sich nie liebenswürdiger, witziger und heiterer gezeigt als damals.
Manchmal lag sie den ganzen Tag still und spielte Mundharmonika oder schnitt Papierpuppen aus, mit denen sie auf ihrer Bettdecke Schillers Dramen aufführte; auch konnte sie großartig Karikaturen zeichnen; ich habe mir damals eines dieser Blätter ausgebeten und bewahre es mir noch heut. Es zeigt die schöne Gunhild und mich als schmachtende Anbeterin unter einem Regenschirm, auf dem ein Amor sitzt und uns beide am Bändel hält.
Immer aber war Urschel am Abend, wenn ich zu ihr hinaufkam, zum Platzen voll von lustigen Einfällen und Geschichten, auf die sie sich den einsamen Tag über besonnen hatte. Ach, was haben wir damals zusammen gelacht! Sie zeigte mir ihre vielen Narben und Schrammen, die sie am Leib herum trug und die sie sich alle durch ihren bodenlosen Leichtsinn auf ähnliche Weise wie den bösen Fuß zugezogen hatte; zu jeder wußte sie ein witziges, romantisches Anekdötlein zu erzählen.
»Ich habe so oft mit dem Tod gespielt, immer mit dem tröstlichen Gedanken: Unkraut verdirbt nicht! Es ist auch wahrhaftig wahr. Bis auf ein Närblein und ein Blau-Mal hat es mir nie etwas getan. Nun bin ich doch gespannt, ob ich, wenn ich einmal ernstlich den Tod suche, auch wirklich umzubringen bin! Ich glaube eben, der Tod will mich nicht. –«