»Weißt du,« fuhr sie fort, »wenn ich mir einmal das Leben nehmen will, steige ich an einem schönen Tag auf einen Kirchturm, ganz hoch hinauf auf die oberste Brüstung, tue die Arme auseinander und springe hinunter. Dann habe ich mein Gelüste gebüßt.«

Von ihrer Kindheit wußte sie in so glühenden Farben zu erzählen, daß mich nachträglich noch der helle Neid stach, weil ich nichts dagegen aufzuweisen hatte, als etwa den alten Kirchhof. Als ich ihr's sagte, zog sie mich zu sich aufs Bett und streichelte mich.

»O du armer, armer Tropf du! Hat einen Kirchhof voll Begrabener zur Unterhaltung gehabt! – Der Herrgott sollte dich nachträglich noch um Verzeihung darum bitten, daß er dich um das alles, was du damals hast entbehren müssen, betrogen hat!«

Damals haben wir auch zusammen Scheffels Werke gelesen. Urschel war außer sich vor Freude darüber. Der Ekkehard lag von da ab immer unter ihrem Kopfkissen, und ich kann sie mir nie schöner und seelenvoller denken, als wenn sie mit mir durch den Wald lief und ein Lied dieses ihres Lieblingsdichters in die Bäume hinaufsang.

Im Winter liefen wir Schlittschuh und schlittelten verbotene steile Steigen hinunter. Einmal wurden wir ertappt und von einem Polizeidiener gehörig heruntergeputzt. Urschel lachte ihn aus und fuhr am nächsten Abend wieder dort; da kam sie in des Polizeidieners Buch und mußte zehn Mark Strafe zahlen. In der hellen Wut stieg sie in des dicken Amtsrichters Garten und schuf von dem frisch gefallenen Schnee ein köstlich getreues Abbild des gestrengen Herrn mit einem gewaltigen Bauch und setzte ihm ein Narrenkäpplein auf. Sodann aber sammelte sie die zehn Mark in einzelnen Pfennigen, packte sie säuberlich zusammen und schickte sie aufs Rathaus.

»Ich möchte dabei sein, wenn sie's zählen,« rief sie grimmig vergnügt.

– Am Sylvesterabend saßen wir in meiner Stube, die einen Ofen hatte; wir tanzten, brauten ein Pünschlein, und als es gegen Mitternacht ging, gossen wir Blei. Zuerst kam ich: ein längliches, dünnes Stücklein schwamm in der Schüssel.

»Ein Wanderstab,« meinte Urschel.

»Es kann auch ein Federhalter sein,« sagte ich nachdenklich.

»Laß das Dichten, sag's in Prosa!