Zwischen jetzt und meiner Kinderzeit liegen mir so viele Erlebnisse und starke Eindrücke, soviel mit einem hellen Bewußtsein empfundene Stunden, daß mir die Dinge damals unendlich ferngerückt sind und gleichsam in einem dämmerigen Vorleben und in fremden Ländern geschehen erscheinen.

Wäre meine Jugend glücklich und heiter gewesen, mit vielen hellen Augenblicken, so hätte sich mir das doch einprägen müssen und wäre mir jetzt leicht und fröhlich in Erinnerung. Es müßte sein, wenn ich jetzt einmal durch unser Haus liefe, daß ich auf einmal lächelnd stehen bliebe und meine Mutter fragte: »Gelt, es ist da gewesen, wo wir als Kinder die Undine aufgeführt haben? Da, vom Kasten bis zur Küchentüre ging der geteilte Vorhang; das waren zwei aufgetrennte Rupfensäcke. Die Margret war der Ritter Huldbrand, die Hosen waren ihr zu lang und sind gerade bei den rührendsten Stellen manchmal heruntergerutscht. Dem Oheim Kühleborn ist jemand auf den weißen Mantel getreten, so daß er sich nachher hat verantworten müssen wegen dem zerrissenen Leintuch. Es war wunderbar schön, dir sind die Tränen gekommen vor Rührung, als Undine den Ritter umschlang, und der Vater hat zwanzig Pfennige Eintritt bezahlt.«

Oder wenn ich in der Kammer droben nach einem Flicken suchen würde und mein Aug' fiele auf des Greiners alten Holzgaul, der nie einen Schwanz gehabt hat, so müßte da plötzlich ein ganzer schimmernder Christtag mitsamt den farbigen Kerzen und den Springerlein und den großen Puppen und dem Kaufladenglöcklein dahinter auferstehen. Ich müßte eine Viertelstunde lang still versunken dasitzen, und es müßte mir ordentlich weich und weit ums Herz werden vor lauter unaufhörlichem Erinnern an einen schönen Kinderchristtag.

Ich müßte es mir noch denken können, wie mich mein Vater auf den Knieen reiten ließ, und es müßten tausend Plätzlein im Haus und ums Haus herum sein, bei deren Anblick in mir ein vertrauliches Licht und eine liebe alte Erinnerung hell würde. Aber es ist nichts da. Wenn ich mich auch noch so sehr besinne – es ist fast alles dunkel und tot. Und wenn es so war, wie meine Geschwister erzählen, daß ich als Kind viel geweint habe und die meiste Zeit still und bockig und verschlossen war, so bin ich froh, daß ich es vergessen habe und es nicht quälend oder mit Neid auf glückliche Kinder mit mir herumtragen muß.

Ich habe ja gewiß auch viele Freuden und Freudlein genossen. Und wo sechs Kinder sind, gibt es Dummheiten und etwas zum Lachen, Händel und Friedensschlüsse und ein unterhaltendes, buntes Leben, und wenn sich alle finsteren Mächte dagegen verschworen hätten.

Aber daß das nicht stark und tiefgehend war, bezeugt, daß es in meiner Erinnerung ausgelöscht ist. Ich weiß von meiner Jugend nur, als von einem wirren, traurigen, mir kaum bewußten Zustand mit einer dumpfen Sehnsucht nach einem schönen, glücklichen Leben.

Es ist mir wie ein Traum und ein langer unruhiger Schlaf; nur ein paar helle, deutliche Ereignisse heben sich davon ab, an die ich oft lächelnd zurückdenke, und von denen ich manchmal meine, daß sie mir lieber und werter waren, als eine ganze reiche, glückliche Kindheit. Ich will versuchen, alle Verklärung und verschönende Veränderung, die sich etwa im Lauf der Jahre darüber angesetzt hat, wegzutun und sie so aufzuschreiben, wie ich sie damals erlebt und aufgenommen habe.


Unser Haus liegt auf der Höhe über der Stadt; es hat drei geräumige Stuben, die Werkstatt und etliche Dachkammern; auch ist ein Geißenstall hinten angebaut, und ein kleiner Garten darum samt einer Wiese mit ein paar Obstbäumen, die uns das Gras für die Geißen liefert.

Das schönste daran ist aber der alte, steinerne Brunnen; er steht neben dem Haus an der Straße und ist so groß und wasserreich wie weit und breit keiner mehr und ein Labsal für Mensch und Vieh.