Wenige Minuten von unserem Haus weg, weiter oben am Berg, fängt der Wald an; auf der andern Seite aber, ins Tal hinunter, geht der alte Kirchhof, der seit hundert Jahren nicht mehr benützt wird. Und mehr als das Haus und der Garten, als Mutter und Geschwister, war dieser Kirchhof mein Eigentum und meine Unterhaltung.

Wenn die Geschwister mit drüben waren, ging es wild her. Wir spielten Räuberles und rissen die Hagenbutten und Dürlitzen von den Zweigen. Auch war in des Syndikus Grünzweig Grab eine schöne, runde Lücke zum Bohnenspielen. Aber es kam mir wie eine Entweihung der stillen Heiligkeit vor, wenn die andern da so über die Gräber sprangen und lachten und sich um die Früchte prügelten; und einmal liefen mir vor Zorn darüber die Tränen herunter, und ich ging in die dunkle Chornische, um mich auszuheulen.

Oft, wenn ich wußte, daß die andern alle beschäftigt waren, schlich ich mich hinüber und freute mich, ungestört da zu sein. Ich stieg auf das Mäuerlein oder auf einen Baum und schaute ins Tal hinunter und dachte, ich wäre ein Wächter und Turmwart und focht mit unsichtbaren Gestalten, die den Frieden der mir Anvertrauten bedrohen wollten.

Oder ich stand an den Hagebutten und pflückte sie langsam und säuberlich in meine Schürze, saß mit ihnen auf ein Grab und putzte die haarigen Kernlein heraus. Dann suchte ich ein recht schönes Blatt oder einen netten Scherben, legte die roten Schalen ordentlich darauf, trug sie so an irgend ein Grab und lud den Bewohner feierlich ein, dieses Mahl mit mir zu teilen.

Im Sommer brach ich auf der Wiese Sträuße und grub sie in die Gräber ein; einmal war an einem Margritlein die Wurzel hängen geblieben; ich wußte es nicht, aber als ich im nächsten Jahr eine weiße Blume auf dem Grab blühen sah, hatte ich eine unbändige Freude daran, und holte nun ganze Büschel von Margriten und Vergißmeinnicht und Dotterblumen mit Wurzeln und einem Klumpen Wiesenerde daran und pflanzte sie ein. Das Wachsen und Blühen wollte mir nicht schnell genug gehen; ich flocht Kränze und Gewinde und steckte mit einem dürren Aestchen lange Ketten von Buchen- und Kastanienblättern zusammen und putzte die Wege, d. h. ich fegte nur das welke Laub weg, das Gras ließ ich stehen und streute frische Blumen von der Wiese und Heckenröslein darauf. Dann hielt ich einen großen Feiertag: ich blies auf einem glatten, zähen Buchenblatt meine Lieblingslieder und lief langsam und lächelnd und feierlich in den Wegen auf und ab und um die Gräber und richtete mir aus Birnen und Stachelbeeren und wildem Schnittlauch eine Mahlzeit. Am Schluß aber räumte ich alle Kränze und Verzierungen eifrig weg, rannte wie besessen in den Wegen herum, um das Gras wieder wüst zu machen und holte vom nächsten Gütlein den halben Unkrauthaufen, verstreute ihn auf dem Boden und stampfte ihn fest, daß man gar, gar nichts mehr sah von der Schönheit vorher. Denn hätte irgend jemand etwas davon gemerkt, so hätte ich mich elend geschämt.

Am liebsten auf dem Kirchhof hatte ich zwei Gräber. Sie standen ganz nahe beieinander; nur ein Streifen Gras war dazwischen. Auf dem einen stand verwaschen, daß man's kaum lesen konnte: Melitta Barbara Wonnigmacherin, und auf dem andern stand gar nichts. Da lag ich oft in der Sonne zwischen den beiden, legte auf jedes Grab eine Hand, ließ mich von den Gräsern kitzeln und konnte es wohl leiden. Ich sprach mit ihnen und gab mir Mühe, recht leis und lieb zu sein.

Die Melitta nannte ich kosend bei ihrem Namen, immer wieder, und strich ihr über den Grabstein, wie man einem bekannten, geliebten Menschen übers Gesicht fährt. Aber zu dem andern Grab wußte ich nichts zu sagen. Ich fragte einmal die Mutter darum, und sie meinte, es werde wohl ein Handwerksbursch darin begraben liegen, dessen Namen man nicht gewußt habe.

Ich hatte auch schon einen Handwerksburschen gesehen: er kam müd und langsam die Steige herauf und stand vor unserem Haus veratmend still. Die Mutter rief ihn herein und gab ihm einen Kaffee; der Mensch sah nicht gut aus, hustete oft und schauerte zusammen, und aus seinem rechten Stiefel sah eine große, rote Zehe heraus.

Am Schlusse sagte er vergelt's Gott, lächelte traurig meine Mutter an und ging leise pfeifend weiter, in den Wald hinauf.

So dachte ich mir nun, er sei gestorben und liege da; und meine erste traurig-schöne Liebe erwuchs an dem Grab neben dem der Melitta.