Von der ganzen Gegend kamen die Leute zu ihr, um sich Rat und Beistand zu holen. Sie wies nie einen ab und gab einem jeden freundlich und so gut sie konnte Bescheid; nach einer Weile aber streckte sie ihm vergnügt die Hand hin: »Ich will Sie jetzt nimmer aufhalten; Sie werden pressieren!« und geleitete ihn mit sanfter Entschiedenheit zur Tür.
Hängte sie Wäsche auf, so war, wie auf Kommando, fast stets der strahlendste Sonnenschein; darob war Frau Finkenlohr weit und breit berühmt. Im Heuet schickten die Bauern ihre Mägde, zu fragen, wann im gottlosen Zinken gewaschen werde, damit man sich mit dem Heuen darnach richten könne. – Hatte man einen bösen Buben, so schickte man ihn auf den Zinken als Knecht; Frau Finkenlohr brachte ihn zurecht. Hatte man ein Geldlein nötig, so lieh es Frau Finkenlohr; war eine Kuh krank, wußte jene mehr als der Tierarzt, und kam einer zum Sterben, so schickte man zur Zinkenwirtin vor dem Pfarrer.
Dazu trug sie Sommer und Winter Kleider von einer fröhlichen rötlichbraunen Farbe mit einem sanft abtönenden Geflimmer schwarzer Strichlein drin; zum Ausgehen einen kühnen und leise wippenden Kapotthut nach längst entschwundener Mode, zum Arbeiten aber eine blaue Schürze dazu, sodaß sie, wenn man noch das graue Haar und die roten Bäcklein ansah, allezeit einen vergnüglich farbigen und aufheiternden Eindruck machte.
Was es auf dem Hof an Gutem, Schönem, Wertvollem und Heiterem gab, sei es an Arbeit oder Genuß gewesen, das ging fast alles von dieser Frau aus; und je mehr ich mich diesem wonnigen Leben hingab, desto tiefer wurde in mir die Verehrung und Liebe zu ihr. Ich war noch gar nicht lang im gottlosen Zinken, als ich in einen verwunderlichen und komischen Zustand geriet: ich spürte mit einemmal, daß ich in die dicke alte Frau verliebt war – verliebt mit allen Finessen und zu diesem Zustand gehörigen Stimmungen und gelegentlichen Nöten, wie ich es etwa in einen schönen jungen Herrn hätte sein können. Nahm ich mir voller Ernst und Energie des Morgens vor, ihr nicht den ganzen Tag lang nachzulaufen wie ein Hündlein, so war ich, kaum sah ich die blaue Schürze hinter irgend einem Stall oder Wiesenhang auftauchen, unversehens an ihrer Seite, um zornentbrannt über mich selber und beschämt wie ein armer Sünder alsobald wieder wegzulaufen, wenn sie mich fragend und verwundert ansah. Ihr wachstuchenes Brillenfutteral auf der Fensterbank der Wohnstube, ihre grauwollenen Schlupfpantoffeln unter dem Ofen erfüllten mich mit sonderbar zärtlicher Wonne und Innigkeit, sobald ich sie erblickte; rief sie mir oder nannte meinen Namen, so lief es mir wie ein süßes Gestreichel über den Leib; und zeigte sie mir in der Küche etwa, wie man einen Hasen abzog und spickte und stand dabei so dicht hinter mir, zusehend, wie ich Speckstreifelein schnitt und durch das Fleisch zog, griff auch zuweilen über meine Schulter, indem sie mirs besser wies, so stieg mir das Blut zu Kopfe vor seliger Beklemmung, so nah und vertraulich bei ihr zu sein. Auch ergriff mich manchesmal ein kindischer Neid, wenn ich sie ein Bauernbüblein streicheln sah, das von ihrem Zucker bekam, und ich hätte selber noch klein sein mögen und aus ihrer Dose schlecken.
Je länger ich aber um sie war und ihr einfaches und gesundes Wesen auf mich wirkte, je öfter ich ihr in die lieben, vergnügten Augen guckte, um so mehr fielen meine hanswurstigen Gefühle von mir ab; ich begann sie ohne alle sentimentalen Abschweifungen und Verwirrungen allmählich gerade heraus und ohne viele Worte einfach von Herzen lieb zu haben; und das so unabänderlich und ohne jede Trübung wie außer meiner Mutter wohl keinen Menschen mehr.
– Im Sommer fuhr ich zumeist mit aufs Feld; man blieb die ganzen, langen, heißen Tage draußen und kam des Abends todmüde heim, wo man denn auch ohne viel Feierabend gleich nach dem Abladen in seine Kammer zum Schlafen ging; kaum, daß die Mägde beim Heimfahren ein Lied vor sich hinsangen oder die Knechte nach der Abendsuppe noch eine Pfeife rauchten. Aber selig, schön und wie lauter strahlende Feste standen jeweils zwischen den schweren Wochen die Sonntage. Frau Finkenlohr litt es nie, daß man am Sonntag aufs Feld ging oder etwas auf dem Hof schaffte, wie es die Bauern in den Dörfern auch meist am Sonntag taten; und mochte es noch so dringend sein. Nach dem Mittagessen ging man auf seine Kammern und hielt einen langen herrlichen Schlaf, darein einem kein Kurgast schellen durfte; die späten Nachmittage aber vertanzte man in einer leeren Scheuer hinter dem Haus. Es kamen noch junge Leute vom Dorf dazu; die Mädchen hatten helle und sonntägliche Kleider an, die Knechte und Bauernburschen aber tanzten in ihren weißen Hemdärmeln. Zumeist waren es große und kraftvolle Leute mit braunen, schönen Gesichtern; sie waren oft wie rasend vor ausgelassener Fröhlichkeit, rochen nach Heu und nach Sonne und man hing beim Tanze köstlich leicht und sicher in ihren starken Armen. Ein barfüßiger Bub saß auf einem Strohhaufen im Eck und spielte uns auf einer Ziehharmonika; je und je sah uns ein Kurgast zu, der draußen vorbeiging oder trat Frau Finkenlohr vergnüglich lachend unter die Tür, freute sich an uns und stellte uns ein paar Schüsseln mit Küchlein hin oder einen Korb voll Birnen und einen Krug mit einem kühlen Wein. Wurde es dunkel, so ging man auseinander; die Knechte besorgten das Vieh, die Mägde gingen zum Melken, taten die Hennen ein und kochten zu Nacht. Hatte man aber gegessen, so war man noch lang in die Nacht hinein beieinander. Es waren im Hof dicke, tannene Stämme zum Trocknen hingelegt, darauf saß es sich bequem und wer keinen Platz mehr bekam, hockte auf die Küchenstaffel oder auf den Brunnenrand. Die, die einander gut waren, küßten sich ohne Scheu und hielten sich umschlungen; und die Jungen unter den Mägden, die noch keinen Schatz hatten, taten kaum minder zärtlich miteinander, wisperten, schäkerten und lachten in die Nacht hinaus. Man trieb allerlei Spässe miteinander, sang Lieder mit vielen schwermütigen Versen und einer zog die Harmonika dazu; auch erzählte man Geschichten, war einmal fröhlich, einmal traurig und ging oft erst um Mitternacht in seine Kammern.
Im Winter war es nicht so schön; fiel auch die strenge Feldarbeit weg, so ließ doch die herbe Jahreszeit die ausgelassene Fröhlichkeit der warmen Tage nicht aufkommen. Doch war an den langen Abenden alles in der großen warmen Küche beieinander; die Knechte kamen vom Holzfällen im Wald heim, stellten die vereisten Rohrstiefel gegen den Herd, daß Wasserbäche davon liefen und zündeten sich die Pfeife an. An der niedrigen Decke liefen köstliche Gerüchlein hin vom Gansbraten und Butterkuchen der Kurgäste sowohl wie von der geschmälzten Abendsuppe und dem geräuchten Speck des Gesinds. Im Backofen lagen mit lieblichem Gebrutzel die roten Winteräpfel, von denen Frau Finkenlohr allabendlich eine Schürze voll für uns hineinschob. Die Kittel der Knechte tauten allmählich auf; man saß in einem warmen Dampf, untermischt mit dicken Pfeifenwolken, rings um einen herum war ein heiteres Gesumme und Gespräch, und hörte man noch dazu von draußen den Schneesturm ums Haus gehen, so wurde es einem ohne Grenzen wohl und geborgen zu Mut.
Zuweilen hatte ich freilich eine unbestimmte Sehnsucht nach etwas, das hier auf dem Gottlosen Zinken nicht Brauch und Sitte war. Ich wußte es selber nicht so recht; aber es war etwa danach, ein schönes Buch zu lesen, von alter Zeit oder von fremden Ländern, oder eine feine, kluge Freundin zu haben, oder – wenn ich mich sehr hoch verstieg, einmal mit einem zu tanzen, der kein Bauernknecht war. Besonders packten mich solche Gelüste, wenn ich je und je einen Brief von den Geschwistern bekam. Meinem großen Bruder hatte ich zu irgend einem bestandenen Examen ein Stück Speck und einen saftigen Bauernkäs geschickt; nun sandte er mir zum Dank dafür eine Photographie, darauf er mit ein paar Freunden zu sehen war. Das waren feine und vornehme Leute, und es packte mich ein leiser Neid, daß er mit solchen zusammen sein durfte, ich aber eine Bauernmagd war, – und wir waren doch einer Mutter Kinder.
Die Regine war auf einem Lehrerinnenseminar; die Margret aber seit ein paar Jahren verheiratet. Er sei Buchhändler, ein gebildeter und gescheiter Mensch und spiele wunderbar schön Klavier; die Schwestern schrieben, die beiden seien ein prächtiges Paar; Kinder hatten sie auch und wohnten in einer Stadt, wo es sehr schön sei und sie viel Verkehr hätten.
Wenn ich solche Briefe las, wußte ich traurig, wohin meine Sehnsucht ging. Warum war ich nicht auch ein Mensch, der in einem solchen Leben mittun durfte, das mir sonderlich höher, inhaltsvoller und erstrebenswerter dünkte als das Dasein auf dem Gottlosen Zinken?