Aber es brachte mich bloß zum Lachen; ich streckte der alten Frau, rot vor Freude und Dankbarkeit, die Hand hin: »Ich kann es Ihnen jetzt schon sagen, Frau Finkenlohr; ich weiß es heut so gut wie in einem Vierteljahr: ich komme, sobald ich kann!«

Somit war der Bund geschlossen; wir lachten eins das andere an, und nach sechs Wochen hielt ich in einer stillen, niedlichen Stube des alten Wirtshauses meinen Einzug.

Drittes Buch

Das Haus hieß »Zum gottlosen Zinken«; und wenn dieses sich auch aus seiner ruhmreichen Vergangenheit, wo es allem fahrenden Volk und Gesindel zum Unterschlupf gedient hatte, schon einigermaßen erklären ließ, so kam mir der Name zu Anfang doch mächtig befremdlich und lächerlich vor. Hör ich ihn aber heute, nach all den vielen Jahren, einmal nennen oder ist er mir selber auf den Lippen, so kommt mir eine Innigkeit und quellende Wehmut zum Herzen, als ob man von einer vergangenen Liebschaft, einer seligen Kindheit oder etwas ähnlichem Schönen und Köstlichen spräche. Ich habe die glücklichste Zeit meines Lebens dort oben zugebracht; es war, als sei mir dort der Boden geschaffen, für den ich geboren sei und die Luft, in die ich gehöre und das Leben grad so, wie es für mich am herrlichsten war.

Das Land war eine Hochebene, von sanften Hügeln unterbrochen und an ihrem Ende gegen waldige Flußtäler steil abfallend. Der Winter war lang und rauh, von ungeheuerlichen Stürmen begleitet, die in rasender Wucht über das freie Land hinfuhren und deren ähnliche ich anderorts nirgends erlebte. Sie tobten Tage und Nächte lang ununterbrochen; als sie in meinem ersten Herbst droben einsetzten, schlief ich die Nächte nicht vor Zittern und jämmerlichem Elendsgefühl und lief bei Tag herum wie ein verwehtes Blättlein. Die Knechte hatten ihren Spott mit mir; ich gewöhnte mich aber bald daran; später hatte ich die Stürme gern und liebte besonders die föhnigen, warmen, feuchten im April und Mai.

Zwischen dem sich endlos hinziehenden, herben Winter lag, kaum, daß Frühling oder Herbst gewesen wäre, ein kurzer, glühender Sommer. Die Sonne hatte eine wunderliche Kraft dort oben, sie schien mir stärker zu brennen als in meiner Heimat und an allen Orten, die ich kannte; man meinte, ihr näher zu sein, als im Tal drunten. Das Köstlichste aber war die Luft droben, im Winter und Sommer gleich klar und rein und würzig vom Wald her. Auch in sturmfreien Zeiten war sie leise bewegt, sodaß selbst in die glühendsten Tage ein Hauch von Frische und Kühle kam.

Zu Anfang war ich auch bei der mäßigsten Arbeit sterbensmüde, matt und abgeschlagen in allen Gliedern; Frau Finkenlohr aber lachte dazu und meinte, es ginge allen Fremden so in der ersten Zeit; man müsse die gute Luft erst ertragen lernen. Und es war so; wie sich meine Seele mit den Stürmen vertraut machte, so gewöhnte sich mein Körper an Luft und Sonne und was es an Gutem droben noch gab. Ich ging in die Höhe und Breite und war am Ende des Sommers braun wie eine Haselnuß.

Die Leute dort oben paßten zu ihrem Land; sie waren rauh, derb, außen und innen und ihren Stürmen und Wettern gewachsen; aber es war, als sei von der Glut ihrer Sonne ein Teil in sie übergegangen; selten hab ich so ein lebenslustiges und leichtsinniges Völklein beieinander gefunden, wie im gottlosen Zinken droben. Mir war es recht. – Auch die Wirtin stammte von der Gegend; sie war eine Bauerntochter, hatte aber einen Geschäftsmann geheiratet und ihr Leben im Unterland zugebracht. Erst im Alter und als ihr Mann gestorben war und die Kinder versorgt und verheiratet, war sie wieder heraufgezogen und hatte den gottlosen Zinken gekauft, der damals in einem bösen, verlotterten Zustand war.

Diese Frau genoß ein Ansehen in der ganzen Gegend wie ein König. Es waren eine Menge Anekdötlein und absonderlicher Geschichten über sie im Umlauf, da sie schon als Kind ungemein klug und willensstark gewesen sein mußte. So habe einst ihr Vater mit einem Nachbarn in einem bösen Streit und Prozeß gelebt; kein Advokat und kein Richter der Umgegend habe zu ihrem Vater geholfen, obwohl das Recht auf seiner Seite gewesen sei; denn der Nachbar war der reichste und mächtigste Hofbauer weit und breit. Da sei sie kurzer Hand eines Morgens auf einen Gaul gestiegen und gerades Wegs zum Herzog in die Residenz geritten und habe ihm und seinen Räten die Geschichte vorgetragen. Worauf der Herzog, der an dem kühnen und wohlgestalteten Bauernmädchen, das kaum zwanzig Jahre alt war, seine Freude hatte, denn auch für eine glänzende Abhilfe sorgte.

In ihrem Alter nun machte sie keine solchen abenteuerlichen Sprünge mehr. Als ich sie kennen lernte, war sie schon über siebzig; sie war ein bißchen dick und ihr freundliches Gesicht von einer Menge winziger Fältchen bezogen; auch saß auf der linken Seite ihrer Nase eine komische, kleine, braune Warze gleich einem unverschämten Witzlein. Sie arbeitete von früh bis spät in einer geruhsamen und vergnügten Art, die es einem unendlich wohl machte, um sie zu sein. Im übrigen bestand ihr Wesen aus vielen wunderlichen, halb gütigen, halb heiteren und spassigen Eigenheiten. Wenn sie ins Dorf ging, führte sie in ihrer Rocktasche stets eine Schnupftabaksdose voll gestoßenen Zuckers mit sich; schon von weitem sprangen ihr dann die Kinder entgegen und zeigten ihre Hände her. Wer aber eine sauber gewaschene Hand hatte, durfte seinen Zeigefinger ablecken und damit in die Dose fahren, sodaß er um und um mit Zucker behangen war.