Ich kam in eine fremde große Stadt als Kindermädchen, und ich, die Kräfte gehabt hätte, sechs wilde Buben zu versorgen, mußte nun, ohne daß ich im Haushalt mitangreifen durfte, ein kleines, schläfriges und sanftes Mädelchen hüten. Des Abends um neun Uhr mußte ich im Bette liegen und während der Nacht sollten fein säuberlich Fenster und Läden geschlossen bleiben, da ich mit der Kleinen in einem Zimmer schlief.
Ich durchlebte Stunden voll namenloser, drängender Unruhe, in denen sich meine Jugend, Gesundheit und Schaffenslust empörten gegen dieses aufgezwungene Müßigsein, – Augenblicke, in denen alles an mir zitterte vor zurückgedrängter Kraft und Vollblütigkeit und deren unerlöste Qual mich bedrückte wie eine Krankheit. Manchmal befiel mich dieses Fieber am Tage, wenn ich Leute schwere Arbeit tun sah, manchmal abends, wenn ich im Vorübergehen aus festlichen Sälen Tanzmusik hörte, meistens aber in der Nacht, wenn ich ohne Schlaf und Müdigkeit auf meinem Bette lag und alle Sehnsüchte, aufzustehen und etwa ein Stück in die Nacht hinauszulaufen, in mir unterdrücken mußte, da ich das Kind nicht allein lassen durfte.
Und ich war es doch gewöhnt, die halben Nächte durchzuschwärmen! Nun lag ich trostlos allein im Dunkeln, durfte kaum ein Fensterriegelein offen haben, indeß doch von draußen mein liebes Leben in vielen lockenden Stimmen herein drang. Und meine wache, begehrende Seele lag wie ein gefangenes Raubtier und durfte nicht mittun, und jeder Katzenschrei in der Ferne konnte mich zum Stöhnen bringen vor Jammer.
Die langen Winterabende verbrachte ich so gut es ging mit Lesen; auch fing ich, halb aus Langeweile, halb aus wirklichem Interesse an, mein bißchen Französisch und Englisch aus der heimatlichen Realschule weiter zu treiben; doch fehlte mir hierzu die Konversation und zum ersten ein geistiges Gewecktwerden überhaupt. Wohl hatte ich mit Urschel zusammen geschichtliche Romane und Dramen mit Genuß und Verständnis gelesen, aber die moderne Literatur und vor allem Lyrik schienen mir lediglich Empfindung und Ausdrucksform einer gebildeten, mir unendlich fernstehenden Menschenklasse zu sein, davon ich mich bald im Innern unberührt abzog und deren Sinn mir unverständlich und unerschlossen war.
Im Frühsommer aber ging mir wieder ein Türlein zum Leben auf. Mein Pflegling bekam den Keuchhusten und wir verreisten zum Zwecke einer Luftveränderung in eine hochgelegene und waldreiche Gegend, um für einige Wochen in einem von allem Verkehr meilenfernen ländlichen Wirtshaus Wohnung zu nehmen. Das Anwesen lag einsam inmitten Wiesen und Wald; man ging bis zum nächsten Dorf wohl eine Stunde. Es war ein großer Bauernhof mit Knechten, Mägden und vielem Vieh; früher hatte das Wohnhaus, hart an der Landstraße gelegen, den vorbeiziehenden Fuhrleuten als Herberge gedient, nun war es zu einer Art Kurhaus umgewandelt, und man wußte nicht, machte es die köstliche Luft da droben oder die gedeihliche Sorge der alten Wirtin für das Leibliche, die es einem so wunderlich wohl werden ließ.
Mit brennendem Neide sah ich die Mägde auf dem Hof und in den Ställen ihre Arbeit tun, hörte am frühen Morgen, wenn sie aufs Feld fuhren, ihr Gelächter und ihre fröhlichen Stimmen, und an den Sonntagen stand ich mit zuckenden Füßen an meinem Fenster, wenn ich wußte, daß sie drüben in der Scheuer mit den Knechten tanzten und die dünne Drehorgelmusik mir in den Ohren war. Einmal, als man die ersten Heuwagen einführte und alles, was auf dem Hof war, mit äußerster Kraft das seine dazu tat, um vor einem heraufziehenden Wetter das Heu hereinzubringen, ließ ich das Kind allein im Zimmer oben sitzen, rannte verbotenerweise in den Hof hinunter und half diebisch vergnügt beim Abladen. Die Wirtin sah es im Vorbeigehen, nickte mir zu und lachte ein bißchen; auch sprach sie später am Abend, als wir uns im Haus oben begegneten, eine Weile mit mir, wie dies schon öfters geschehen war. Ich faßte zu der freundlichen und klugen Frau ein sonderbares Zutrauen, schüttete ihr mein Herz aus und sagte mit etlicher Verzweiflung, daß ich es in diesem faulen und untätigen Zustand nimmer lang aushielte. Sie sagte aber nichts darauf und bot mir bald Gute Nacht.
Am andern Morgen, als ich mit der Kleinen früh ein wenig spazieren lief, sah ich sie durch ihre Aecker gehen, um zu besehen, was das Wetter geschadet habe. Als wir näher kamen, rief sie uns zu sich her und sagte, sie wolle etwas mit mir besprechen. Ich sah sie erstaunt an.
»Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen,« begann sie. »Ich möchte Sie Ihrer Herrschaft nicht abspenstig machen; aber wenn Sie sich doch einmal eine andere Stelle suchen, – dann können Sie zu mir kommen. Ich bin eine alte Frau und komme mit manchem, was getan sein sollte, nimmer so recht zustande; z. B. mit dem Briefschreiben und der feinen Wäsche, Flicken und solchen Sachen. Eine Bauernmagd kann ich dazu nicht brauchen, und meine eigenen Kinder sind verheiratet und weit fort von hier. Sie sollen es gut haben bei mir, auch im Lohn; und Sie können das Kochen lernen und das Feldgeschäft, wenn Sie das doch so gern tun.«
Als sie aber meine freudige Rührung heraufsteigen sah, fügte sie schnell hinzu: »Sie dürfen sich die Sache aber nicht so leicht vorstellen; Sie müssen schaffen wie ein Ochs und was dran kommt, – man kann da bei uns keinen Unterschied machen. Auch sagt man hier nicht Fräulein zu Ihnen, wie Sie das wohl gewöhnt sind, und Sie müssen mit den andern Mägden und den Knechten in der Küche essen. Ueberlegen Sie sich's wohl; ich will jetzt noch gar keine Antwort.«
Mir schoß einen Augenblick durch den Kopf, daß, wenn Frau Griffländer damals nicht gestorben wäre, ich jetzt wohl Studentin sein könnte, auch, daß ich in der Schule einstens Englisch gelernt habe und daß mein Bruder ein gelehrter Herr sei; – und daß ich trotz alledem eben im Begriff war, als Bauernmagd auf einem weltfernen Hof zu landen, wo ich mit den Roßknechten und Säutreibern zusammen am Tisch essen mußte.