Es kam eine Erkenntnis über mich, schmerzlich freilich, grausam schmerzlich, und doch wie ein göttliches Licht: ich wußte, daß ich das Leben nicht gekannt hatte bis zu dieser Nacht und daß es viel trauriger und viel schöner sei als ich je geglaubt hatte. Ich sah ein, daß man keinen Schmerz umsonst leide, ja, daß Schmerzen und Verluste sein müßten, um einen reif und weise und wahrhaft glücklich zu machen. Und ich gelobte, kein Leid und keine Sehnsucht mehr in so läppischer Ungebärdigkeit auszutoben wie die Liebe zu Frau Gunhild; was von jetzt an an Schmerzen über mich käme, wollte ich bewußt und still und eines tapferen Menschen würdig hinnehmen und tragen. Und ich war froh, daß mir das Leben stumm seine traurigen Hände bot, daß ich sie ergreife und mittue; jetzt, in Not und Einsamkeit, da ich nichts anderes mehr hatte, kam die gütige Mutter Natur selber, mich zu trösten, und ich sah in einer jähen Offenbarung ihre allmächtige Schönheit und Größe.

Es wurde dunkel um mich; die Nacht hing in vielen drängenden, unerlösten Gewittern; es fiel kein Tropfen, nur irre Lichter zuckten über den verwölkten Himmel, und der schwüle Wind fuhr durch die Uferbüsche. Und mit jedem Wetterleuchten wurde es klarer in mir und gewisser; und als ich die Füße aus dem Wasser zog, war ich ein anderer Mensch als vorher. Ich brachte es nicht über mich, meine Schuhe anzuziehen; ich mußte meine liebe Erde unter den bloßen Füßen spüren und meinte, sie damit zu liebkosen.

Und als ich nun, die Strümpfe über die Achsel gehängt, über die Brücke heimwärts lief, dichtete ich einen Lobgesang an das Leben: »O du liebes, wonniges Leben, wenn du nichts wärst als Frühling und Sommer und Winter, so wärst du dem, der dich mit offenen Augen sieht, nichts als Lust und Unerschöpflichkeit; und wärst du nichts als Lieben und Schmerzenhaben und Geliebtes wieder verlieren, so wärst du köstlich und wundersam!«

Und es fielen mir Lieder ein und Gedanken, und ich fing an zu dichten und dachte lachend, wie es schon einmal ein Fußbad gewesen sei, das mich derartig angeregt habe und beschloß, falls ich das Dichten einmal nötig hätte, mich wieder eines solchen zu bedienen. –

Am andern Morgen kündigte ich Frau Gunhild meine Stellung; sie sah mich ruhig und ein wenig mitleidig an; nun, da ich mich selbst nimmer bemitleidete, rührte es mich nimmer, und ich kam glatt über den gefürchteten Augenblick weg. Dann schrieb ich auf ein Kindermädchen-Gesuch in einer Zeitung, schickte Gunhilds Zeugnis hin und bekam die Stelle.

Am ersten Oktober reiste ich. In einer windigen Morgenfrühe fuhr ich noch einmal über den Fluß, lief über Brücke und Markt, und es war mir wehmütig und froh zugleich zu Mute. Als ich Frau Gunhild zum letztenmal die Hand gab, blickte ich sie mutig und zuversichtlich an und hatte die Freude, noch einmal jenes köstliche, liebe Lächeln an ihr zu sehen, das mir wie eine freundliche Verheißung für mein ferneres Schicksal dünkte.

Nur ganz am Schlusse, als ich schon im Eisenbahnwagen saß, übermannte mich noch einmal der Schmerz um alles, was ich hier zurückließ; der Zug fuhr langsam zum Städtlein hinaus, in der Platanenallee war es schon herbstlich kahl; ich konnte zwischen den Stämmen eine Reiterin erkennen, die in langsamem Trab daherkam und dem Zug nachschaute. Es war Gunhild; und als ich die stolze Frau noch einmal so fein und königlich auf ihrem Pferd sitzen sah, lief es mir heiß die Backen hinunter. Ich blickte nach ihr zurück, solang ich sie sah und weinte bitterlich.

Mir ist, als habe sich von jener Reise an in meinem Leben eine bedeutsame Wandlung vollzogen; war ich seither, durch Kindheit und frühe Jugend gleichsam wie von einem gemächlichen und eigentlich garnicht zu mir gehörigen Strom zumeist durch traurige oder doch sehnsüchtige und halberfüllte Zeiten weiter gespült worden, so wurde jetzt mein Fahrwasser zur Brandung, ich stand mitten drin in Wirbeln und Geschehnissen, und es wurde mir wohl bewußt, daß dies zu mir gehörte, denn ich mußte streiten und mich wehren und festhalten, daß ich nicht unterging.

Wiewohl mein Leben auch heute noch bewegt und bunt genug hinläuft, so hat es doch mit jenen Stürmen nichts mehr zu tun; das alles drängte sich damals in ein paar kurzen Jährlein zusammen. Mit jener Reise war das zarte und träumerische Vorspiel zu Ende; brausend und hinreißend brach nun die große und seltsame Musik meines Lebens über mich herein.

Zunächst ging es nun noch betrüblich und langweilig genug zu.