Schon von meiner Kindheit an war ich gewöhnt, mit irgend jemand in herzlicher Vertrautheit zu leben und alles zu bereden, was mir auf der Seele lag. An Margret und an Elsbeth hatte ich mit der gleichen, warm erwiderten Liebe gehangen; und nun, da durch Urschels wundersame Freundschaft alle Hingabe und Liebe und Neigung in mir geweckt und erwartungsvoll war, stand ich allein, suchte vergebens nach einem Menschen, dem ich meine Liebe schenken könnte, und das schwere Blut meines Vaters regte sich in mir dunkel und drängend.
Und da war es wieder die Neigung zu der schönen, kühlen Frau Gunhild, die mich packte wie ein toller, ungebändigter Sturmwind, und es war keine Urschel mehr da, die mich mit treuen, fröhlichen Händen davor bewahrte.
Wenn sie an mir vorüberging, klopfte mir das Herz vor Beklemmung, ich zitterte, wenn sie mich rief oder ansah und wenn sie mit mir sprach, kamen mir Tränen in die Augen. In den einsamen, schwülen Sommernächten machte mich die Leidenschaft halb verrückt; ich küßte im Flur ihren Hut und ihre Schuhe, manchmal schlich ich mich lautlos vor ihre Schlafzimmertür, warf mich auf den Boden und krampfte meine Finger in die Matte. Und ich dachte oft in schmerzlicher Verwunderung, wie es denn möglich sein könne, daß diese ungeheure Kraft so ganz verloren und ohne Widerhall bleiben könne; ob es da nicht geheime Strömungen gäbe, Fernwirkungen, die Träger und Ueberbringer solcher stummer Sehnsüchte wären. Ach, sie mußte es doch spüren, daß ich sie lieb hatte!
Schließlich wurde ich mager und müd und kam in der Kraft und Gesundheit herunter; ich vernachlässigte meine Pflichten, und eines Abends, als ich den Tisch vom Nachtessen abräumte, stellte sie mich zur Rede.
»Was ist mit Ihnen, Agnes? Sind Sie krank?«
Da sagte ich ihr mit abgewandtem Gesicht alles, wie ich sie lieb hätte und die Not meiner Nächte. Ich fragte sie traurig, ob sie es denn nicht gespürt habe, daß ich ihr leidenschaftliche Liebe entgegenbringe und Tag und Nacht sehnsüchtig an sie denke.
Sie schwieg lange, wie es so ihre Art war. Dann sprach sie langsam: »Nein, ich habe nichts gespürt. Und dies kommt daher, weil ich nichts spüren will! Sehen Sie, ich kann so etwas nicht verstehen. Kämpfe und Schmerzen hat ein jeder Mensch, auch ich; aber es ist etwas in mir, das mich davor behütet, von einer Leidenschaft so jämmerlich haltlos gemacht zu werden, wie Sie. Ich bin mir einfach zu gut dafür; ich habe es nicht nötig, jemand nachzulaufen, der meine Liebe nicht möchte. Und ich will es Ihnen offen sagen: die Leute, die so wenig Stolz und innere Kraft haben, daß sie nicht Herr über sich selber werden, die verachte ich; eine solche Liebe ist keines rechten Menschen würdig, und ich möchte nicht, daß mich – so – etwas – berühre.« –
Dann faltete die stolze Frau ihre Serviette zusammen, verließ das Zimmer und ließ mich unsagbar verwettert und keines Wortes mehr mächtig zurück. Wie betäubt starrte ich auf ihren leeren Stuhl und als ich mich endlich wieder gefaßt hatte, schlich ich mich leise hinaus und die Treppe hinunter, um meinen Jammer an den Fluß zu tragen. An einer Stelle, unweit des Wehres, wo ich oft mit Urschel gesessen hatte, und wo man weit über das Tal sah, setzte ich mich ans Ufer, zog meine Schuhe und Strümpfe aus und hängte die Füße ins Wasser, – und bedachte, daß es wohl das beste wäre, ich tue das, was meine Urschel nicht fertig gebracht hatte.
Es war ein schwüler, von einer seltsam bangen Unruhe erfüllter Abend; ein schweres Wetter stand am Himmel, im Westen schoben sich die Wolken über einem verhaltenen Leuchten, und in wunderbarer, bläulicher Klarheit und Nähe lagen Berge und Tal und Fluß in der fahlen, dünnen Gewitterluft. Dicht über dem Wasser aber strichen zahllose Schwalben, wie in angstvoller Hast mit sausendem Schwirren hin und her; dazu hörte man neben dem Rauschen des Wehres hie und da einen dumpfen Donner über das Gebirge her in die gespannte, lauernde Stille hinein.
Und wie ich nun in Elend und Trauer daran dachte, daß gerade ich, die das dürstende, begehrende Blut meines Vaters hatte, das mir schier die Adern sprengte vor drängender, sehnsüchtiger Gewalt, alle Menschen, die mir lieb waren, wieder verlieren müsse, – da ich Elsbeth und den Vikar, Urschel und die schöne Gunhild im Geiste vor mir sah und wie heiß und echt ich sie liebte und Schmerzen um sie litt und Leidenschaften verwürgte, und nun erkennen mußte, daß mir keines von ihnen mehr blieb, – da ich das Leben, das ich glaubte in Tanz und fröhlichen Nächten verstanden und besessen zu haben, so nackt und unverhüllt in seiner eigenen, nächtigen Unruhe und stummen Sehnsucht sah, da fiel es mir urplötzlich wie ein Schleier von den Augen; es erging mir wie Urschel, da sie sagte: ich bin so grausam gescheit; ich weiß jetzt alles!