Du wirst schon wissen, warum ich es habe tun wollen. Aber ich fange jetzt an, es lieb zu haben. Wenn es ein Mädchen wird, heiße ich es nach Dir. In Hamburg gefällt es mir gut; ich war schon am Hafen und habe Schiffe gesehen; sie sind bloß ganz fürchterlich viel größer, als ich sie mir vorgestellt habe. Wenn ich bei der Ueberfahrt nur auch die Maschinen sehen darf! Neger habe ich auch schon gesehen und gestern einen Chinesen.
Viele Grüße und einen Kuß von Deiner Urschel.«
– Ich lachte und weinte, war halb närrisch vor Freude und las den Brief wohl hundertmal. Ach, das war sie, wie sie leibte und lebte; meine liebe, liebe Urschel!
– Sie hat mir nie mehr geschrieben.
Es ist mir, als habe ich es dazumal schon leise und dunkel geahnt, daß sie mir für immer verloren sei. Und doch war es nun, da ich sie auf einem Schiff über's Meer fahren wußte und einer neuen, begehrlich ersehnten Zukunft entgegen, lange nicht so trübe und furchtbar, und tausendmal besser zum Ertragen für mich, als wenn sie die Stangenmänner vom Flusse aufgefischt hätten.
Aber die fröhliche, helle Flamme meines Lebens fiel jäh in sich zusammen, nun, da ihr die Nahrung ausging. Es ist mir vergönnt gewesen, eine Zeitlang von eines prächtigen und schönen Menschen Leben mitgerissen zu werden und aus seinen Augen die Welt zu sehen; da war sie reich und bunt und voller Leben und Ereignis und Unerschöpflichkeit, und unser Schicksal war das der Welt, weil wir kühn mitten drin uns treiben ließen wie ein Boot auf bewegtem Wasser, selber bewegt, selber vom Wind und Sturm getrieben und dem großen, weiten Meer zusteuernd.
Und nun mit einem Schlage hatte ich mein eigenes, kleines, jämmerliches Dasein wieder, und sah mit Entsetzen, daß ich nicht Kraft und Witz und Fröhlichkeit genug hatte, es allein so weiter zu führen, wie es vorher mit Urschel gewesen war. Mein Schicksälchen lief grau und armselig weiter und wartete auf den großen Strom und das weite Meer, dem wir damals so nahe standen, und mußte noch lange warten.
In einer halb blöden Stumpfheit lebte ich die nächsten Monate vor mich hin. Einmal noch kam all der Schmerz grausam neu über mich; in der Stunde, da ich mein Erbe antrat: da ich den Schiller, Kopernikus und Zeppelin von der Wand nahm und ihn unten in meinem Koffer barg.
Tags darauf zog in einem schwarzwollenen Kleid und mit falschen Zähnen eine dicke Nane nebenan ein.