Nun brach eine böse Zeit über mich herein. Jeden Tag ging ich mit Herrn Bürger ins Dorf zum Orgeltreten, und die stille, kühle Kirche wurde mir zum Orte stürmendster Not und Bedrängnis; Musik, dunkel glühendes Licht und meine junge, sich schmerzvoll bäumende Liebe rissen mir am Herzen in stöhnender Lust und Qual. Da stand ich, betörend nahe dem geliebten Menschen, auf meinem schwankenden Brettlein, zitternd vor sehnlicher Begier, daß ich den armen, müden Kopf hätte an mein Herz nehmen mögen und ihm Liebes tun.

Sprach er irgendwann mit mir in seiner gewohnten, freundlichen Weise, so schoß mir eine strömende Röte ins Gesicht, es machte mich schwach und elend, und oft wandte ich mich ab und lief davon, damit er nicht sähe, wie mir das Wasser in die Augen kam.

Ach, jene Liebe spielte mir übel mit; dazu wurde der Finger immer schlimmer, sah bös und dick und geschwollen aus und tat mir Tag und Nacht weh. Frau Finkenlohr meinte, man könnte nun allerhöchstens noch einen oder zwei Tage zuwarten, dann aber müsse ich zum Doktor. Wenn ich des Morgens in ihrem weichen Sessel saß und sie mich unendlich zart und behutsam und geschickt verband, dann mußte ich allen Willen zusammennehmen, daß ich nicht aufheulte und mich an ihre Brust warf und ihr das erzählte, wozu ich ihre Liebe und Zartheit noch viel nötiger gehabt hätte. Aber das durfte man nicht; man mußte alles allein ausfressen.

Sobald es dunkel wurde, fing es in dem bösen Finger an, ohne Unterlaß quälend, peinigend zu klopfen und mit einem stechenden Schmerz gegen den Unterarm hinauf zu ziehen. So ging es bis zum andern Morgen immerfort; aufs letzte hin waren es schlimme, schlimme Nächte. Ebenso unaufhörlich aber, glühender und böser trieb die Liebe mit mir ihr stummes grausames Spiel. Es wäre mir Seligkeit gewesen, im Dunkeln an seine Stube zu gehen und gleich einem Hund, wie damals bei Frau Gunhild, vor seiner Türschwelle zu liegen, und ich hätte dann viel Schmerzen nimmer gespürt. Und doch, wenn ich nur an so etwas dachte, so schüttelte mich die Scham und ekelte mir vor mir selber. Schlaflos lag ich auf meinem Bette, warf mich gequält hin und her und sah Herrn Bürgers Gesicht mit hohnvoller Deutlichkeit vor mir schweben, spürte Gewalten in mir, die ihm hätten helfen mögen und ihm Ströme von Liebe schenken und durch tausend Feuer für ihn gehen. Und ich durfte es ihm mit keinem Blicke zeigen!

Dann sprang ich auf und rüttelte in blinder Wut an meinem Türpfosten und biß die Zähne in das harte Holz, daß ich nicht schrie vor Traurigkeit. Höhnisch erschien vor meinen Augen jener Abend am Flusse, da ich gemeint hatte, auf alles ein Sprüchlein zu finden und mein Herz gefeit zu haben gegen jegliche Not und Verzweiflung; und nun war die ganze Weisheit zerronnen wie Nebel, ich war trauriger und verzweifelter als je, suchte vergebens nach einem Sinn, nach einem Funken von Erhabenheit und Größe in diesem hündischen Elend. Die Natur, die mir damals voller Liebe ihr unverhülltes Gesicht gezeigt hatte, blieb mir heute stumm und fern; vor meinem Fenster hing die Nacht, schwarz, tot, reglos, ohne Stürme, ohne Sterne, und es war alles blind und blödsinnig.

So trieb ichs die langen, schweren Nächte hindurch, stöhnte, weinte und litt Schmerzen, und es kam kein Schlaf in meine Augen. Am Morgen lag ich erschöpft und zerschlagen auf meinem Bett, und in allem Elend und in aller Müdigkeit war mir gleichsam als bitterer Trost das eine bewußt, daß es so nicht lang mehr weiter gehen könne, weil ich am Ende meiner Kraft sei; auch war eine lauernde Spannung in mir, wie dies alles wohl ausgehe und sich lösen könne.

Als sich Frau Finkenlohr etwa am achten Tage, da Herr Bürger wieder im Hause war, in der Frühe beim Verbinden meinen Finger besah, meinte sie, es sei nun soweit und ich müsse anderntags zum Doktor in die Stadt, und als ich nach dem Mittagessen müde und verheult in der Küche hockte, schickte sie mich in meine Kammer; ich solle zu schlafen versuchen, Herr Bürger gehe heut nicht zum Orgeln.

Stumm lief ich aus der Küche; vor der Kammer aber graute mir, als warteten dort alle Nöte meiner nächtlichen Kämpfe auf mich; so stieg ich denn im Garten auf meinen Birnbaum und geriet in einen wunderlichen reglosen Dämmerzustand, da ich vor Müdigkeit wie betäubt und doch zum Schlaf zu unruhig, gequält und zu traurig war; nur eins war mir klar bewußt, – daß es bald irgendwie ein Ende geben müsse.

Aus diesem dumpfen Hindämmern weckte mich am späteren Nachmittag ein Geraschel im Laub des Gartens unter mir; hinabspähend gewahrte ich Frau Finkenlohr in der blauen Schürze, wie sie geruhsam auf dem Boden hockte und ihre Erbsen an Stöcklein band. Ihr grauer Scheitel sah durch das Grün herauf; ich hielt mich aber lautlos stille, und als ich sie so vergnügt und mit Behagen ihre Arbeit tun sah, ergriff mich ein Gefühl von Neid und Bitterkeit, und es gelüstete mich, ihr eine der harten Holzbirnen an den Kopf zu werfen, – zu sehen, ob auch sie einmal aus ihrer über alles erhabenen Gelassenheit und ihrem vergnügten Frieden zu bringen sei.

Nach einer Weile kamen Schritte den Garten herauf; es war Herr Bürger; er gesellte sich zu Frau Finkenlohr und fing ein Gespräch mit ihr an. Und als sie mit ihren Erbsen fertig war, ging er mit ihr weg, dem Haus zu.