Blöde stierte ich auf den Fleck hinab, wo die beiden gestanden waren; plötzlich aber wurde ich rot und blaß und beugte mich zitternd vor. Wahrhaftig, da lag auf dem Gartenweg Herrn Bürgers schwarzes Schreibheft; es war dasselbe, in das er noch am Vormittag an einem Tisch im Garten hineingeschrieben hatte, und es mußte ihm entfallen sein, als er vorhin seine Nase geputzt hatte.

Und schon stieg ich an allen Gliedern bebend von meinem Baum herab; ich mußte es haben, ich hatte mir durch meine Liebe tausend schmerzliche Rechte dran erworben. O, seine Gedichte, – seine geliebten Gedanken und Träumereien!

Ich war unten, spähte herum, ob mir niemand zusähe und stieg dann schnell mit dem Heft wieder in die Höhe. Stöhnend preßte ich es an mein Herz. Dann schlug ich mitten drin auf und las.

»– – Projekt: Ausflug nach Unterbutzenbach. Wecker geht 5 Uhr 30 herunter. Sofortiges Aufstehen. Blick aus dem Fenster: Schnee. Westliche Hälfte des Himmels etwas bewölkt, östlich jedoch klar. Sterne. – Toilette. Zahnputzwasser etwas zu kalt, was jedoch zu entschuldigen ist, da Bedienung eine Stunde früher aufstehen mußte. Aus dem Kamm bricht ein Zinken; nach dreiwöchentlichem Gebrauch schon der zweite. (Kamm wurde bei Umschneider & Co., Blumenstraße 7, gekauft; genannte Firma ist also künftig zu ignorieren.) Vorbereitungen; an Mundvorräten: ......«

Blaß und verstört blätterte ich vorwärts; das konnte doch wohl nicht das rechte sein. Ich las an einer andern Stelle des Hefts.

»– – – Mittags 12 Uhr 40. Fräulein Söderblüm erscheint in einem gemusterten Kaschmirkleid. Muster: grünlichblaue Quadrate mit gelblichweißem Grund. Darüber weiße Sportjacke. Mittagessen. Ausgezeichnete Nudelsuppe; Schweinskotelette, schwach geschätzt etwa 12 auf 15 Zentimeter groß – – – –«

Das Buch entfiel meinen Händen, kollerte durch den Baum hinunter und blieb auf dem Wege liegen.

– – – Es wurde Abend; längst hatte Herr Bürger sein Heft wieder geholt. Der Himmel überzog sich trübe, und es fing zu regnen an. Ich saß noch immer mit krampfig steifen Gliedern auf meinem Baum, einen schweren, blöden Druck im Hirn. Als der Regen stärker kam, ging ich willenlos vom Baum herunter und wollte ins Haus zur Abendsuppe, da mir schwach und elend vor Hunger war. Und da fing in meinem Innern etwas an, in einem solch starken und wunderlichen Gewoge auf und nieder zu gehen, wie ich es nie mehr in meinem Leben verspürt habe; Scham und schüttelnde Heiterkeit, Glück, Erleichterung und tiefe Beklommenheit liefen mir in mächtig bewegten Wellen durch die Seele, und ich vermochte kaum dem tollen Wirbel standzuhalten und die Augen noch offen zu haben und weiter zu gehen. Aus Frau Finkenlohrs Schlafstube schien ein helles Licht in die Nacht hinaus. Da saß sie wohl und wartete, daß ich wie allabendlich zum Verbinden hinaufkäme. Ach ja, ich wollte zu ihr; es dröhnte mir im Kopf, in Schwindel und Schwäche kämpfte ich mich die Treppe hinauf, droben brach ich in ihren Armen zusammen und wußte nichts mehr von mir.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich in Frau Finkenlohrs Bett; sie beugte sich über mich, sagte, ich hätte Fieber und ließ mich an jenem Abend nimmer von sich. Sie zog mir sachte die Kleider aus, brachte mir zu essen, und gab mir ein Schlafmittel. Auch ließ sie mich in ihrem eigenen Bett liegen; sie selber rüstete sich daneben ein Lager, und als ich ihr ruhiges und heiteres Schnarchen hörte und das wohlige Gerüchlein ihrer Kissen spürte, verwogten allmählich die hohen Wellen in meinem Gemüt; es ergriff mich das Gefühl eines ungeheuerlichen Erlöstseins, und in einer Müdigkeit ohne Grenzen schlief ich trotz der quälenden Schmerzen in meinem Finger schnelle ein.

– Am andern Morgen ließ Frau Finkenlohr anspannen und fuhr mit mir zum Doktor in die Stadt. Es war schlimm, und ich mußte eine Zeitlang dort bleiben.