Wohl war nun der Sommer über dem Gottlosen Zinken und mein Finger heil, daß ich wieder im Felde stehen konnte und meine drängende Kraft von mir tun; die schönen, warmen Sonntagnächte waren da mit ihren schwermütigen Liedern – und doch war mein Herz nimmer so recht dabei. Ich hielt mich ein bißchen fern von den andern; oft machte ich einsame Gänge und warf mich an einem Feldrand nieder, um ungestört meinem Sinnen nachgehen zu können. Es hatten mich wunderliche Gedanken gepackt; seit Herr Bürger fort war, hatte mich eine drängende Unruhe erfaßt. Eine mühsam verhaltene, dunkel glühende Kraft lief mir durch die Glieder; es war so seltsam in diesem Sommer: nach der schwersten Arbeit war immer noch etwas in mir, unverbraucht und mächtig, und regte sich lauernd, hervorzubrechen. War ich des Abends erschöpft auf mein Bett gesunken, so erwachte ich oft jäh mitten in der Nacht und lag unruhevolle Stunden ohne Schlaf; unbezwinglich sang mir die schmerzliche Gewalt in allen Adern.

Es ging mir, so von außen betrachtet, gut und war alles in Ordnung und hätte können nicht besser sein. Ich hatte eine schöne, maßvolle Arbeit, gute Menschen um mich herum, Essen und Trinken vollauf und ein lustiges Leben ohne Sorgen. Und doch, – ich hätte es weggeworfen um einer einzigen Nacht willen, da ich hätte wieder für einen Menschen glühen dürfen und Schmerzen und Wonnen um ihn haben und dem Leben am Herzen liegen! Und da war wieder die Erfahrung von jenem abendlichen Flusse her, sie stand siegreich über mir und hatte ihr Recht behalten. Nicht das war Leben: anständig weiter zu kommen und keine Schulden zu haben, in einem guten Futter zu stehen und hie und da einen Mittag zu vertanzen; Leben war lieben, Schmerzen haben, glühen, leiden, von Wonnen sich durchtoben zu lassen und von stürmenden Gewalten gebogen und zerbrochen zu werden. Ach, ob Lust, ob Schmerzen, war einerlei; es war beides Wonne, Schönheit, Glühen und wahrhaftestes Leben.

Ich hätte gerne die bösen Nächte noch einmal auf mich genommen und mein Herz verwühlen lassen; besser, tausendmal besser, als nebendraußen zu stehen, glanzlos, glücklos, schmerzlos, nicht mittun zu dürfen und von seiner eigenen, dumpf darnach drängenden Sehnsucht verwürgt zu werden.

Die Liebe um Herrn Bürger hatte alles in mir aufgerissen, was Gutes, Großes, Glühendes je in mir gewesen war. In den warmen, schlaflosen Nächten überfiel mich wieder das drängende, bittere Weh meiner ersten Jugendtage; ich dachte an den Namenlos, an jenen Sommermorgen bei der Buche; der quellende Strom meiner Liebe war wieder wach, und ein schluchzender Jammer schüttelte mich, daß er von niemand begehrt war und ohne Ziel und Erlösung sich in schweigende Tiefen und Einsamkeiten verlor.

Wenn ich hätte in jener Zeit sterben müssen, hätte ich verlangend zu Gott geschrieen, er möge mich doch noch länger auf der Welt lassen; mein Leben könne doch gewiß noch nicht fertig sein; es habe ja noch nicht angefangen; alles bisher sei jämmerlich und nichtig und nicht zu leben wert gewesen; nun müsse es erst kommen.

Der weise, lächelnde Gott aber ließ mich nicht sterben; er gab mir, was ich gewollt; eine große, erfüllte Liebe und ein Schicksal dazu.

Auf dem Gottlosen Zinken war in jenem Jahre wie in den vorigen ein Enkel Frau Finkenlohrs zum Besuch über die Sommerferien, und da im selben Spätsommer fast keine Kurgäste da waren, lebte er näher und vertrauter mit der Großmutter und uns als sonst. Seine Eltern waren frühe gestorben, und er besuchte in der Stadt, wo Margret wohnte, das Gymnasium. Er mochte nun etwa siebzehn Jahre alt sein, ein magerer, kränklicher Mensch mit einem Gesicht von einer erstaunlich zarten und hellen Farbe, darein ihm, sobald ihn etwas bewegte, unbezwingliche, dunkle, rote Wellen liefen. Er trug ein liebenswürdiges, kindliches Wesen zur Schau, schien auch den Humor der Großmutter geerbt zu haben, denn er war zumeist frech und lustig wie ein junger Spatz; im übrigen spielte er die mehr komische als ehrenvolle, etwas langweilige Rolle des Stadtjungen unter Bauernknechten. Doch ließ er sich von jenen, in deren Rohrstiefeln er ersoffen wäre, nie ganz unterkriegen; hatten sie ob seiner Dürftigkeit und seines zarten Häutleins ihren Spott mit ihm, so parierte er mit Witz und einer behenden Spitzbüberei, davor die ungeschlachten Kerle das Maul halten konnten.

Ich kam nicht näher mit dem jungen Menschen zusammen als die andern auch; wir liefen in vergnügter Gleichgültigkeit aneinander vorbei. Doch geschah es, wenn ich, als wir mitten in der heißen Sommerarbeit waren, in irgend einer Wiese das blonde Müßiggängerlein im Grase liegen sah, ein Buch in der Hand oder in den Himmel schauend, daß der Anblick seiner lässigen und zierlichen Glieder, der guten und unbestäubten Kleider, des Buches oder seines feinen, hellen Gesichtes in meiner eben noch vergnügten Seele eine leise, dunkle und sehnsüchtige Wirrnis erregte, daß mir der junge Blasse mehr denn irgend ein anderer als Teilhaber und Sendbote jenes höheren, geistigen Reiches erschien, nach dem in manchen Stunden meine heimliche Begierde ging. Und so oft ich ihn dann sah, wurde ich von einer wunderlichen Traurigkeit erfüllt, die mir das gegenwärtige und greifbare Schöne trübte und schal und wertlos erscheinen ließ und von einem Neid und eigentümlichen Wünschen gepackt, das nicht etwa seiner Faulenzerei oder seinem Herrensöhnchentum galt, noch weniger gar mit weiblichen und schwärmenden Gefühlen die eigene Person des Schmächtigen umfing, sondern lediglich nach jener Atmosphäre ging, daher die klugen, feinen Gesichter, die schmalen und ungebräunten Hände und die schönen Bücherrücken kamen.

In jenem Sommer nun, zu dessen Anfang die Geschichte mit Herrn Bürger gespielt hatte, war der junge Mensch absonderlich lustig und toll, so als wolle er schnelle, ehe er vollends erwachsen und ein Herr sei, nach alles Bubige und Rüpelhafte auf einmal heraus lassen. Dazumal verübte er auch jenen Streich, von dem man sich heute noch auf dem Zinken erzählt.

Es gab nämlich eine Verfügung Frau Finkenlohrs, daß sich alle Samstagabende das Gesinde, hübsch gesondert, erst die Knechte, dann die Mägde, in der großen Küche zusammen fand, um sich hier bei sicher verriegelten Türen in einer behaglichen Wärme den Staub und Schweiß der Woche von Gesicht und Leibe zu waschen, wozu es Kübel und Geltlein genug, dazu Kessel voll heißen Wassers, reichlich Seife und prächtige, große Trockentücher gab. Auch konnte man sich an einem aufgespannten Garbenseil ein Vorhänglein von Rupfentüchern und dahinter mittelst eines runden Zubers ein vornehmes und äußerst heimliches Badstüblein errichten. – Denn die weise Frau fand, daß die Sauberhaltung und Hautpflege ihrer Untergebenen auf diese Weise, zumal im Winter, bei weitem angenehmer, unterhaltsamer und vor allen Dingen beträchtlich gründlicher geschehe, als wenn dies jedes für sich auf seiner kalten Kammer besorge, wo es dann dementsprechend schnell und obenhin ginge und zu wesentlichen Teilen ganz unterlassen würde.