Ich gestand beklommen, daß ich weder von Mörike noch andern Dichtern viel wisse; doch glitt er allsogleich zart und schnell über das hinweg, was mich beschämte, und strahlte mich in heller Freude an. »O, ich habe ein ganzes Kistlein voll Bücher da. Homer und Hölderlin und ein paar Bände Goethe und viel Moderne. Sie können alle, alle haben. Kommen Sie doch heute Abend in meine Stube; ach ja, Sie müssen kommen. Es ist auch eine Literaturgeschichte da. O Fräulein, ich möchte so gern Ihr Freund sein.«

Ich kann mich jenes Abends noch mit seltsamer Deutlichkeit erinnern. Da der junge Mensch nicht abließ, mit Bitten und Drängen zu betreiben, daß ich auf den Feierabend in seine Stube käme, so versprach ich's endlich zögernd und widerwillig. Ich drückte mich den ganzen Nachmittag unmutig herum, besann mich noch im letzten Augenblick auf eine Ausrede und ging endlich doch zur verabredeten Zeit zu ihm hinüber. Dann saß ich steif und feierlich auf einem Stuhle, schämte mich in meinen Kleidern, die nach Dung und Kuhstall rochen, elend vor dem noblen, jungen Herrn, dazu hatte ich ein Hühnerauge, das mich übel plagte, und hielt mühselig die schläfrigen Augen offen; es war alles unbehaglich und beschämend und lächerlich, und das Unbehaglichste und Widersinnigste war, daß ich dachte, ich müsse nun inmitten dieser komischen Situation von meinen Empfindungen und geheimen, innerlichen Angelegenheiten reden, was mir überaus abgeschmackt und widerwärtig erschien.

Doch war der junge Mann in denkbar bester Laune und einer freudigen Erregung, nahm von seinen aufgestapelten Büchern eins und fing an, mir daraus vorzulesen. Es waren Gedichte; und indem der feine Junge so am Fenster stand in einer schönen, abendlichen Helle und ihm die blonden Haare leicht und lässig und kindhaft in sein weiß und rotes Gesicht fielen, überkam mich die Begier und dunkle Sehnsucht, in jenem andern, höheren Reiche zu leben, das unsichtbar und köstlich und edel alle diese Leute zusammen hielt, so stark und mächtig, daß jäh alle Schläfrigkeit und alle Pein und Komik von mir abfielen, und ich mit dürstender Gespanntheit und Begierde Sinn und Worte und Schönheit dieser Stunde in mich aufnahm. Mein Geheimstes und Innerlichstes, das eben noch voller Scham zurückgedrängt war und vieles davon mir selber noch kaum bewußt, lag nun frei und offen zutage, der Dichter sprach in seinen Versen so groß und glühend und hinreißend von solchen Dingen, daß es mir Wonne erschien, mein eigen Teil daran zu haben, und daß ich nun ohne Scheu dachte, daß man in einem guten Ernste auch davon reden könne. Und als ich den jungen Menschen in seiner ganzen liebenden, jugendlichen Inbrunst diese Verse sagen hörte, war mir jene Welt, die mir bisher tot und unzugänglich und fern gewesen war, urplötzlich nahe gerückt, goldene Tore und ungeheure, schimmernde Reiche waren vor mir aufgetan, und ich gab mich voll tiefen Beglücktseins hin, sie zu erfassen.

Als es dunkel wurde, legte der junge Mensch das Buch weg, und wir waren eine Weile still. Dann fing er an, in die dämmerige Stube hinein zu sprechen.

»Ach Fräulein, wenn Sie wüßten, wie sehr ich Sie darum beneide, daß Sie dichten können! Es ist gewiß nicht wegen dem Ruhm oder weil Sie vielleicht später Geld damit verdienen können; bloß deshalb, weil Sie das Alles so in sich verschaffen können, und die Macht haben, es mit einem Lied oder Vers wieder von sich zu tun. Sie haben es unverschämt gut, wissen Sie, daß Sie Ihre Leidenschaften und Ueberschwänge so ableiten können, wenn sie Ihnen zu viel werden. Wenn Sie mir bloß ein bißchen davon geben könnten! Sehen Sie, das ist bei mir sicher eine Krankheit und nicht in Ordnung so; ich kann alles Große und Schöne nur in ganz mäßigen Grenzen ertragen; wenn es darüber hinaus geht, bin ich einfach am Ersticken und am Verrücktwerden!«

Er lief zum Fenster hinüber. »Da ist nun bloß ein Himmel in der Nacht und ein dunkles Feld darunter; und das ist überall so und schon millionenmal so gewesen, und alle andern Leute sehen's auch, und die wenigsten sagen was drüber. Mich aber kann schon dieses, weil es so schwermütig ist und so still und so unsäglich schön, vor Wonne zum Stöhnen und Rasen bringen. Und ich stehe stumm dabei und kann es in kein noch so armseliges Reimlein und Tönlein bringen, und es erdrückt mich doch fast! Wenn nun einmal irgend etwas Großes und Gewaltiges über mich kommt, – o, ich weiß nicht, was dann draus wird!«

»Goethe sagt das auch manchmal,« fuhr er traurig fort; »es ist im Werther; hier, hören Sie.« Er nahm ein Buch, holte eine Kerze her und zündete sie an. – »Die menschliche Natur hat ihre Grenzen: sie kann Freude, Leid und Schmerzen bis auf einen gewissen Grad ertragen und geht zugrunde, sobald der überstiegen ist. – – Und hier, ein paar Seiten vorher, als er von jenem Frühlingsmorgen schreibt: – ich gehe darüber zugrunde, ich erliege unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser Erscheinungen.« –

»Ach, wie ein Anderer sich vor Schwermut und Kummer das Leben nimmt,« sagte Gottfried, »so könnte ich's vor Lust und Ergriffenheit tun; wie selbiger seine Trauer einfach nimmer ertragen kann, so geht mir's mit der Schönheit; ich empfinde sie in manchen Augenblicken so übermäßig stark, daß meine Nerven dann völlig versagen!«

»Aber können Sie denn nicht doch etwas tun, um das in sich zu verschaffen?« meinte ich; »etwa Klavier spielen oder singen oder zeichnen, oder schließlich tanzen – –?«

»Das geht alles nicht; ich bin talentlos wie ein Sägbock. Und mit der Musik steh' ich überhaupt verschroben. Ich habe keine Ahnung von Gehör; Musik ist mir meistens bloß ein Geräusch, dem ich nichts abgewinnen kann. Als Kind habe ich geheult, wenn jemand sang oder Klavier spielte; dann kam eine Zeit, wo ich mir wirklich Mühe gab, etwas Schönes an der Musik heraus zu finden, und wenn jemand Klavier spielte, strich ich drum herum wie um ein verschlossenes Gartentürlein. Aber ich lief meistens betrübt wieder davon, denn es war so wie vorher auch. Und ich konnte ungeheuer wütend werden, daß es etwas gibt, wo jeder sich umsonst Genuß und Schönheit und Erquickung holen kann, und ich allein kapiere es nicht und habe nichts davon! – – Jetzt bin ich manchmal froh dran, daß es so ist; wenn ich auch noch Musik empfände, könnt ich vollends ganz umschmeißen. Sehen Sie, ich gehe so leidenschaftlich gern ins Theater, wenn nun ein wirklich großes, schönes Stück gegeben wird, habe ich immer Angst, ich müßte etwa einmal stöhnen oder heulen, oder ich könne nicht bis zum Schlusse still sitzen, oder es sonstwie nicht ertragen; da ist es mir immer recht, es ist ein bißchen Musik dabei, oder es ist eine Oper; das Geschätter und Getöne hält mich dann so angenehm nüchtern und kühlt mich ab. – Gelt, Sie sind entsetzt –; es ist aber leider wahr.