Als ich nun wieder und auch noch ein drittesmal in die Betstunde ging, war der Mann wohl da, und ich konnte zwischen vielen Leuten hindurch seinen dunkelhaarigen Kopf mit dem bäuerlichen Nacken sehen; jedoch sprach er nicht und ging am Schlusse schnell aus dem Saal.

Betrübt machte ich mich an jenem dritten Abend auf den Heimweg. Genovev war diesesmal nicht mit, und da es so schön und sommerlich und dämmerig war, machte ich noch einen Umweg durch ein paar stille, entlegene Gassen. Nach einer Weile hörte ich Schritte hinter mir und dann neben mir hergehen, und als ich den Kopf ein wenig zur Seite wandte, erkannte ich meinen Braunäugigen; er hatte wohl noch irgend etwas besorgt oder mußte aufgehalten worden sein. Er grüßte mich, wie es unter Stundenleuten so der Brauch war und mochte wohl bei meinem Gegengruß die herzliche Freude gesehen haben, denn er verlangsamte seinen Schritt, ging neben mir her und fing ein freundliches, allgemeines Gespräch mit mir an. Als wir eine Weile so gegangen waren, sagte ich ihm, daß ich die letzten Male vergeblich drauf gewartet habe, ihn sprechen zu hören und wann er es denn wieder tue.

»Ich werde überhaupt nimmer sprechen,« sagte er, und als ich ihn erstaunt um den Grund fragte, sah er mich einen Augenblick prüfend und mit einem ganz leisen Lächeln an.

»Wenn Sie Interesse dran haben, dürfen Sie es schon wissen. Bloß, – ich kann mich nicht aufhalten; meine Frau ist im Wochenbett, – es ist unser drittes Kind, – und sie wartet auf mich. Aber vielleicht haben Sie Zeit, mich ein Stück zu begleiten?«

Ich sagte gerne und dankbar zu und lief an seiner Seite weiter durch den warmen, stillen Abend. Er schwieg eine Weile, dann fing er an.

»Ich muß mich eigentlich schämen, daß ich zweiundvierzig Jahre alt geworden bin und viele, viele Male in der Stunde gesprochen habe, ehe ich zu dieser anderen Erkenntnis gekommen bin. Nun wissen Sie, ich bin vor ein paar Monaten krank gewesen und mußte viel liegen, da hatte ich Zeit, um über all das so recht nachzudenken. Und seither ist es allmählich anders mit mir geworden.

Sehen Sie, wenn einer in der Stunde spricht oder Stadtmissionar wird oder zur Heilsarmee geht oder auch nur einen Beitrag gibt zu einem Kirchenbau, so tut er es doch im Grunde deshalb, weil er die Menschen ein wenig besser machen möchte und sie mehr zum Guten bringen, auch, weil er innerlich das Bedürfnis dazu hat und es ihn froh macht, für das Reich Gottes etwas tun zu dürfen. Und wenn man das nun ehrlich und genau bedenkt, sieht man, daß es fast ein Hohn ist, wie wenig dabei heraus kommt und wie wenig man in Wirklichkeit mit diesem nützt und an den Menschen fertig bringt. Ach, so furchtbar wenig; und als ich so darüber nachgedacht habe, hat es mich namenlos traurig gemacht.

Nun habe ich das alles auf die Seite getan. Ich will zu keinem Menschen mehr sagen, er soll gut sein und in die Kirche gehen und ein Christ werden; ich will von jetzt an über das alles schweigen und alle Kräfte und alle inneren Triebe nur noch dazu anwenden, selber ein rechtes Leben zu führen, gut zu werden, und so wenig als möglich dazu und davon sagen. – Sie meinen, ich sei doch schon seither ein guter Mensch gewesen? Ach, nur so im Sinn der Leute und im ganz, ganz Groben. Wenn man das richtig machen will, dann hat man ganz unendlich viel zu tun und fleißig zu sein und an sich zu arbeiten, die dreißig oder vierzig Jahre, die ich, wenn's gut geht, noch zu leben habe, werden mir kaum dazu reichen. Sie dürfen ja nicht meinen, daß das immer so leicht sei, so auf die rechte Art sein Leben zu führen; es wird einem manchmal so schwer, daß man an sich verzweifeln möchte; freilich macht es einen dann nachher froh und glücklich, – o, man kann nicht sagen, wie. Und das dürfen Sie auch gewiß nicht denken, daß ich etwa meine, ich könne auf diese Art gerecht und sündenfrei werden; ach nein, man braucht Christi Gnade immer noch haufenweis' dazu. Ich spüre es jeden Tag, daß ich kein Heiliger werde; bloß so gut und tüchtig, wie es ein Mensch auf dieser Erde erreichen kann, möchte ich werden.«

Herr Roth war eine Weile still und schien sich zu besinnen. Dann fuhr er langsam fort:

»Sie und die meisten anderen Menschen werden das sonderbar finden, – ich glaube aber ganz fest daran, daß keine Mission und Betstunde die Welt besser macht, sondern das stille und gute Leben der Einzelnen. Und ich weiß es ganz gewiß, daß ich als armer und einfacher Mann, auch wenn ich die Gabe habe, zu reden, nichts tun kann was besser und wertvoller wäre, als mit einem festen Willen und mit Gottes Hilfe zu versuchen, ein rechter und guter Mensch zu werden.