Und sehen Sie, es führt am Ende doch noch eine Brücke zu den anderen Menschen. Wenn meine Frau jeden Tag sieht, wie ich lebe und wie es mich froh macht, so gefällt es ihr vielleicht, und sie versucht es auch. Wenn wir nun unsere Kinder so in unserem Sinne erziehen, und sie ererben und sehen von uns nichts als Gutes und Lauteres, so werden vielleicht auch sie fest darin, und wenn am Ende meines Lebens dann doch durch mich auch nur zwei oder drei gute und frohe Menschen in der Welt wären, so wäre ich unsäglich glücklich.«

Unterdessen waren wir vor Herrn Roths Haus angekommen; es war ein kleiner Garten davor, und als ich die prachtvoll blühenden Rosen bewunderte, meinte er: »Ich möchte Ihnen gern ein paar davon schneiden; wenn Sie derweil meiner Frau Grüß Gott sagen wollen, so wird es uns freuen.«

Er ging mit mir hinein, die Kinder sprangen uns entgegen, und in einem weißen Bett lag eine saubere und vergnügte Frau und hatte ein winzig Kleines an der Brust. Ich gab ihr die Hand und bestaunte das Kindlein; wir sprachen ein wenig miteinander und merkten sogleich, daß wir einander verstanden und schon gleich ein bißchen lieb gewannen. Als dann Herr Roth mit den Rosen kam, luden sie mich ein, bald einmal wieder zu kommen, und ich versprach es Ihnen und wunderte und freute mich.

Dann ging ich durch den immer leise hellen Sommerabend heim; die warme Luft war je und je voll einem starken und süßen Geruch aus den Gärten, und indem ich über den seltsamen Menschen nachdachte, meinte ich, dies alles schon einmal gehört zu haben, bloß viel kürzer und noch schöner, dann fiel es mir ein und daß es mit Gottfried zusammen in den schönsten Stunden meines Lebens gewesen war, und zu Hause schlug ich es auf und las es:

»Reines Herzen zu sein,

Das ist das Höchste,

Was Weise ersannen,

Weisere taten.«

– Das Erlebnis jenes Abends war mir ein mächtiger Antrieb und zündender Funke in die Pläne hinein, die ich mir für mein Leben ausgedacht hatte; es freute mich, daß ich immer noch etwas dazu erfuhr und kennen lernte, wie ich dieses reich und fein und wertvoll machen könne. Ich probierte es auch zwei Tage lang, so ganz gut und richtig zu leben, wie Herr Roth es mir geschildert hatte; aber im Gedränge und in den Sorgen des dritten Tages ließ ich es wieder fahren. Doch hatte ich immerhin etwas von dem süßen und frohen Frieden geschmeckt und legte mir Herrn Roths Lebensplan und Weisheit gleichsam zurück, bis ruhigere Tage kämen, als einen Schatz, den mir niemand stehlen und den ich jederzeit nach Bedarf benützen könne.

In die Betstunde ging ich nimmer, wohl aber des öfteren zu meinen neuen Freunden am Entengraben. Ich spürte, daß es nichts Verläßlicheres gab, als diese beiden Menschen; ich kann nicht sagen, daß wir sehr interessante Gespräche mit einander geführt hätten oder daß ich mir viel geistige Anregung dort geholt hätte, aber wenn ich nach einem bewegten und sorgenvollen Tag eine Viertelstunde unter dem Blick der milden braunen Augen saß, fiel eins ums andere von dem was mich plagte weg, und es wurde mir sonderbar leicht und wohl. Herr Roth war ein stiller, ernster Mensch, er sprach nicht viel und war eher zum grübeln und sinnieren geneigt; dagegen war seine Frau von einer überaus warmen und gütigen Fröhlichkeit und wenn auch bei weitem nicht so klug wie ihr Mann, viel mehr geeignet zum Helfen und zum Trösten und einem etwas Liebes tun. Trotz aller Frömmigkeit verfiel sie gelegentlich in eine kleine Neckerei mit ihrem steifen und schwerfälligen Mann, die überaus ergötzlich anzuhören war. Er hing mit fast zu großer Liebe an ihr, einmal klagte er mir, er könne den von ihm angestrebten Grad von Reinheit und Frömmigkeit nie erreichen, da er seine Frau mit solcher Glut und Leidenschaft liebe, wie es Gott unmöglich gefallen könne.