An einem Abend kam ich zu ihnen, als sie eben am Essen saßen; die Frau hieß mich mit fröhlicher Herzlichkeit willkommen, holte einen Stuhl und belud mir einen Teller mit Gemüse und Kartoffeln. Ich tat mit, und während dem Essen versprach sie sich ein übers anderemal, indem sie mich duzte und sich zwar gleich darauf verbesserte, mich aber so lieb und neckisch dabei ansah, daß man ihre Absicht merken konnte, und am Ende gestand sie's freimütig, sie und ihr Mann hätten mich gern und würden sich freuen, wenn ich gute Freundschaft mit ihnen halte und zu ihnen beiden von jetzt an Du sagen wolle.

Ich war froh darüber, so eine gute und friedliche Heimat gefunden zu haben, und war den lieben Leuten von Herzen zugetan. So klar und einfach ihr Wesen war, blieb es mir doch noch lange merkwürdig, und zum Hochachten und Bewundern ist es mir noch heute. Sie stammten beide von Bauersleuten, doch besaß Herr Roth einige Bildung und hatte als junger Mensch viel gelesen und gehört. Er saß auch jetzt noch gerne des Abends über einem Buch, doch war es mir befremdlich, wie gänzlich unwichtig und unnötig ihm alles dieses zum Leben schien und wie undenkbar es ihm war, daß solches einen wahrhaft glücklich machen und erfüllen könne; gleichwie er alles Schöne auf der Erde gelten ließ und, wo es ihm beschert war, mit dankbarer Freude hinnahm und doch in jeder Stunde bereit war, es mit fast derselben Freude wieder zu verlieren und hinzugeben.

Wenn ich mit diesen Leuten von meinem Leben sprach, erschien es mir, als ob viel Gutes und Schönes darin gewesen sei. Ich sagte ihnen viel von meiner Mutter, nach der sie immer wieder fragten, und auch von Elsbeth und der schönen Gunhild und Frau Finkenlohr; sie verstanden mich und hörten es gern, wenn ich erzählte. Und es war sonderbar, mit diesen beiden, die doch für eng und strenge rechtlich galten, konnte ich von meiner Liebschaft und sogar von jener wunderbaren Nacht sprechen, und sie verurteilten mich nicht, sondern gaben mir die Hand und waren lieb und zart mit mir. Vielleicht spürten sie die echte Liebe, die dahinter stand.


Ich muß nun leider berichten, wie ich in der frömmsten Zeit meines Lebens und da ich den besten Umgang, das beste Beispiel und die besten Vorsätze hatte und eben im Begriff stand, mich zu einer halben Heiligen emporzuschwingen, einen ganz greulichen Fall und Absturz tat, und wie der etwaige Stolz auf meine Tugend mit einer recht beschämenden Geschichte gestraft wurde.

Mein edler Mitmensch Genovev machte mir zu jener Zeit das Leben ordentlich sauer. Es war nicht bloß, daß sie wütender und verachtungsvoller als je über mich predigte und über jeden Spüllumpen und jede Kutterschaufel, die ich in der Hand gehabt hatte, das Kreuz schlug, ehe sie sie berührte; das hätte ich noch ertragen. Aber die Alte spürte, daß es mir doch allmählich auf die Nerven ging und mich ärgerte und sah ihren Plan, mich hinauszuekeln und eine andere neben sich zu bekommen, die ihr weniger auf die Finger guckte, verlockend nahe. Auch baute sie im Grunde so sehr auf meine Naivität und Unwissenheit, die wohl niemals etwas von ihren heimlichen Gängen erfahren habe, daß sie nun die meiste Vorsicht und Diplomatie fahren ließ und mir offensichtlich und so übel als möglich meinen Tag und meine Arbeit versalzte.

Ich hatte die Novelle fertig, sauber abgeschrieben und an eine Zeitschrift geschickt, und neben dem seltsam leeren und öden Gefühl an den Dienstagen plagte mich nun noch das beständige und unruhevolle Fieber der Erwartung, das sich trotz aller Beherrschung nicht umgehen ließ; denn schließlich war ich eben doch ein junges Mädchen und dieses Ereignis zu wichtig in meinem Leben.

Dazu jährte es sich in diesen Tagen, daß ich meinen fünftägigen Sommerurlaub gehabt hatte und auf den Zinken gereist war, wo auch Gottfried seine Ferien wieder verbrachte. Die selige Zeit leuchtete mir nun heiß und ungewollt im Gedächtnis auf, ich mußte mehr als je an Gottfried denken, und es war mir schmerzlich und ungut zumute.

Nun hatten die Professorsleute zu einem Abendessen eine feine und größere Gesellschaft eingeladen, und schon tagelang vorher war deshalb ein mächtiger Umtrieb und Spektakel. Jedes wollte sich von seiner besten Seite zeigen; die Professorin legte mir mit Ernst und größtem, anerkennendem Vertrauen das gute Gelingen des Mahles ans Herz, ich tat so etwas gerne, freute mich auf eine stramme Kocherei und hoffte, die trüben und törichten Gedanken darüber eine Weile los zu werden.

Den Glanzpunkt des Essens sollte eine französische Geflügelpastete geben, ich hatte sie den Tag zuvor gebacken, damit man sie dann vor dem Anrichten nur noch zu wärmen und zu füllen brauche. Sie war prachtvoll geworden, ach, ich sehe sie im Geiste heut noch vor mir. Der Abend kam also, da Genovev zum Herumreichen zu unappetitlich war, besorgten es ich und das Hausmädchen. Mit Vergnügen und Eifer gingen wir daran; zuvor hatte ich noch meine Pastete in den Wärmofen gestellt und es Genovev aufs eindringlichste angekündigt, mir darauf aufzupassen, und als die Suppe vorbei und der Fisch aufgetragen war, ließ ich das Hausmädchen allein bei den Gästen und ging eilig in die Küche, meine Pastete fertig zu machen. Ich zog sie stolz aus dem Ofen und stellte sie auf den Tisch. Da merkte ich es erst.