Melanie hatte sich nach besten Kräften elegant herausgeputzt. Ein weißes Spitzenfichu schmiegte sich in weichen Falten um ihren Hals, und eine blaßrote Rose, seitwärts an demselben befestigt, kleidete sie ganz allerliebst. Sie war tadellos und sah trotz des einfachen braunen Kleides sehr geputzt aus.
An Gretes ungeschickter Figur war nicht viel zu ändern. Lange Arme, große Füße, schlechte Haltung und dicke Taille, das waren Dinge, die leider nicht zu verbergen waren, auch trugen die ungraziösen Bewegungen durchaus nicht zur Verschönerung bei.
»Für dich ist die dunkle Tracht ganz vorteilhaft,« meinte Orla, indem sie eine dicke Korallenkette aus ihrem Schmuck[pg 150]kasten nahm und sie dem darüber hocherfreuten Gretchen um den Hals schlang. »So, die will ich dir leihen, damit du nicht zu einfach aussiehst.«
Flora unterwarf sich keiner Musterung, sie fand es unnütz, da ihr Geschmack weit eigenartiger sei als Orlas. Sie hatte mit endloser Mühe eine griechische Haartour zurechtgebracht. Im Nacken trug sie ihr Haar im Knoten, mit einigen herausfallenden Locken, vorn hatte sie dasselbe mit einem schwarzen Sammetbande, das mit weißen Perlen benäht war, dreimal abgebunden. In die Stirn fielen gekräuselte Fransen.
Sie fand sich entzückend, diese Haartour söhnte sie sogar mit dem grünen Wollkleide aus, in dem sie lang und schlank wie eine wirkliche Hopfenstange aussah.
Rosi hatte sich nicht besonders geschmückt. Ihr schwarzes Kaschmirkleid war unverändert geblieben. Eine weiße Spitze am Halsausschnitt, zusammengehalten von einer Spitzenschleife, die einen silbernen Pfeil trug. So ging sie Sonntags gekleidet und Fräulein Raimars Vorschrift lautete, daß sie sich heute sonntäglich kleiden sollten.
»O Gott, wie hausbacken siehst du aus, Rosi! Als ob du in die Kirche gehen wolltest, so ernst und feierlich!« rief Orla. »Hast du denn nicht ein farbiges Band anstatt der weißen Schleife?«
Sie hatte keins und jetzt half Melanie aus. Bereitwillig lieh sie Rosi eine ganz neue rosa Atlasschleife und freute sich herzlich, wie furchtbar nett sie derselben stand.
»Betrachte dich nur einmal,« sagte sie und hielt ihr den Handspiegel vor die Augen. »Nun, was meinst du dazu? Nicht wahr, jetzt siehst du nicht mehr aus wie ›Gottesfurcht vom Lande‹!«
»Die Schleife gefällt mir wohl gut,« meinte Rosi, »aber es ist mir ein peinliches Gefühl, geliehene Sachen zu tragen.«