»O sancta simplicitas!« rief die geniale Flora. »Kind, du gehst in deiner Pedanterie wirklich zu weit! Unter Freundinnen herrscht Gleichheit, da kann von geliehenen Sachen keine Rede sein!«

Und um dies Wort gleichsam zur That zu machen, griff sie in Melanies offenstehenden Blumenkasten, nahm eine feuerfarbene Nelke heraus und befestigte dieselbe an ihrem Gürtel.

»Du erlaubst doch, Melanie?« fragte sie so nebenhin, »die rote Farbe steht mir wirklich brillant!« und mit einem wohlgefälligen Blick betrachtete sie sich in dem Spiegel.

»Nellie und Ilse, wo bleiben sie nur?« fragte Orla.

Eben traten sie ein. Beide waren geschmackvoll gekleidet. Nellie im schottischen Kleide, am Hals und den Aermeln mit echten Spitzen garniert, sah graziös und vorteilhaft aus, ebenfalls Ilse, die über ihr blaues Kleid einen breiten Spitzenkragen gelegt hatte. Darüber trug sie die Korallenkette, mit welcher auch Nellie sich geschmückt hatte.

»Schnell noch diese Margueriten in dein Haar!« rief Melanie und machte Miene, dieselbe Ilse in ihren Locken zu befestigen. Aber die wehrte es ab.

»Geh mit deinen Blumen!« entgegnete sie abwehrend, »ich mag die toten, nachgemachten Dinger nicht leiden!«

»Wie du willst,« sagte Melanie etwas schnippisch und warf die verschmähten Gänseblümchen wieder in den Kasten.

Die Mädchen verließen das Zimmer und stiegen die Treppe hinunter.

»Orla ist doch die eleganteste von uns,« bemerkte Melanie nicht ohne einen Anflug von Neid zu Nellie, und musterte die vor ihr Gehende, die allerdings in der blauen Samttaille und einem gleichfarbig seidenen Rocke höchst vornehm erschien. »Freilich in Samt und Seide kleiden mich meine Eltern nicht, so reich sind wir nicht.«