»Ist es nicht nett hier?« fragte Nellie, habt ihr bei dich auch so schöne Berge?«
»Nein, Berge haben wir nicht,« entgegnete Ilse, »aber es gefällt mir doch besser bei uns. Es ist alles so frei, ich kann das ganze Feld übersehen. Eine Mauer haben wir auch nicht um unsren Park, nur eine grüne Hecke, das ist viel hübscher.«
Nellie zeigte ihr sämtliche Lieblingsplätze. Sie führte sie zur Schaukel, zum Turnplatz und zuletzt zu einer alten Linde, die mit ihren breiten Zweigen und Aesten einen großen, runden Raum beschattete.
»O, es ist süß hier! Nicht wahr?« fragte sie entzückt und sah mit leuchtenden Augen hinauf in das grüne Blätterdach. »Hier machen wir unsre Ruhe zu Mittag. Dieser alter Baum kann viel erzählen, wenn er sprechen will! Er weiß so viel Geheimnisse, die hier verraten sind!«
Bei dem Geplauder Nellies verging die Zeit schnell. Ilse, die am Morgen sich so unglücklich gefühlt hatte, die am Nachmittage geglaubt hatte, daß sie nie die Trennung vom Papa überleben könne, hatte schon verschiedenemal herzlich über Nellie lachen müssen, denn diese hatte eine so drollige Art, sie auf diese oder jene Pensionärin aufmerksam zu machen.
»Wie heißt das junge Mädchen, das bei Tische neben mir sitzt?« fragte Ilse.
»Die mit die kurze Haar und der Klemmer auf die Nase? Das ist Orla Sassuwitsch. Oh sie ist klug! Wir haben alle eine kleine wenig Furcht für sie, weil sie immer die Wahrheit gerade in die Gesicht sagt.«
»Das ist doch hübsch,« meinte Ilse.
»O ja, wenn sie angenehm ist, aber zuweilen thut die Wahrheit weh, das hört keiner Mensch gern. Wenn ich zu sie sagen würde: ›Orla, du hast geraucht!‹ das würde sie gar nicht gefallen, und es ist doch die Wahrheit. Ich habe durch ihr Schlüsselloch geluxt und habe große, rauchige Wolken gesehen. –«
Sie waren jetzt bei einer Trauerweide angelangt, die ihre grünen Zweige bis auf den Boden gesenkt hatte. Nellie blieb stehen und bog einige Zweige auseinander.