Ich saß in der Barke auf einem rothseidenen eleganten Kissen, des kleinen Raumes wegen mit gekreuzten Füßen, was in der europäischen Kleidung einen nicht sehr malerischen Anblick gegeben haben muß. Wir näherten uns dem Landungsplatze vor dem Palaste. Die Garden waren aufgestellt und echt türkische Musik, in verwirrten wilden Tönen, ließ sich bei unserem Anblicke vom Ufer hören. Als wir das Land betraten, wurden uns mit prachtvollen blauen, gold- und silbergestickten schweren Schabraken und mit herrlich ciselirten Zäumen versehene arabische Pferde des Pascha vorgeführt. Wir zogen jedoch vor, die kurze Strecke zu Fuß zu machen. Die Garden umringten uns, es erscholl eine von allen möglichen Instrumenten ausgeführte wirbelnde Musik, und so zogen wir mit orientalischem Pompe unter Zuströmen der Menge in die inneren Palast-Räume Halil Paschas ein.

Längs des ganzen Weges, bis zur Stiege des Gouverneurs, war eine große Anzahl bewaffneter Diener in alttürkischem Kostüme aufgestellt. Sie waren mit den schönsten Waffen, meist in gediegenem Silber, beladen. Die uns begleitenden Garden trugen leider nicht mehr das alte Kostüme, und sahen in ihrem neuen ganz erbärmlich aus. So plump, so farblos, nichtssagend, hängt ihnen der schmutzige Rock am Leibe, während das alte Kostüme etwas ehrwürdiges, geschichtlich interressantes und den lebhaften Farben des Morgenlandes entsprechendes hat. Das Sprichwort »Kleider machen Leute«, zeigt sich hier als wahr, nur im umgekehrten Falle wie in Europa; denn das Volk hält sich in Smyrna, wie man sagt, noch viel mehr wie in Constantinopel, an die alten Vorschriften, wodurch es einen imposanten, ernsten Eindruck macht, da dieses Kleid den Gesichtszügen, dem Bart und der Gestalt der Mohammedaner wohl ansteht, während sich Autoritäten und Militär sehr kleinlich in ihren modernen Anzügen ausnehmen; wenn man sie ansieht, muß man unwillkürlich an den Verfall des türkischen Reichs denken; denn mit solchen Figuren, welche sich unter dem Volke matt verwischen, verliert die himmlische Pforte ihre Stützen, und die Christen des türkischen Reichs werden bald aufhören, vor einem solchen europäisch behosten Pascha oder Bey, der ihnen sonst eine Geißel Gottes war, zu zittern; und so verliert sich die große Idee eines osmannischen Reiches, gleich der deutschen Rheinfluth, im Sande: Kleider machen Leute. –

Der Palast Halil's ist nach türkischer Art von Holz, da die Moslim nach ihrem Koran ihre Häuser nur als vorübergehende zeltartige Ruhestätten ansehen; denn sie haben mit den Christen nur Waffenstillstand, nicht Friede geschlossen, da es ihre eigentliche Bestimmung ist, mit Feuer und Schwert den Koran über den Erdball zu verbreiten. An den untersten Stufen der hölzernen Treppe empfing uns mit einer bedeutenden Anzahl Diener ein Großer des Reiches, nach dem Pascha der erste Würdenträger in der Stadt. Er bekleidete eine Art Polizeistelle, und schien ein gutmüthiger mohammedanischer »Spitzel« zu sein, der in Wien für diese Race, glaub' ich, zu unbedeutend gewesen wäre. Halil dürfte seine politischen Eigenschaften wohl erkennen, da er den ganzen Morgen außerordentlich freundlich mit ihm war. Der arme Mann fürchtet sich vermuthlich vor einem mißliebigen Berichte an das Constantinopolitanische Ministerium, welches so nicht gut gelaunt gegen den Pascha sein soll, weil er der türkischen Reaktion angehört. Da wir die Bezeichnung »Zopf« hier nicht anwenden können, so wollen wir ihn einen mohammedanischen Langbart nennen; dieser ist nämlich das Symbol des alten Regimentes. Wir nannten diesen orientalischen Spitzel kurzweg türkische Excellenz, weil ihn Gouverneur und Dragoman immer »son excellence« titulirten. Er schlug wiederholt, als Zeichen der größten Hochachtung, auf Bauch, Mund und Stirne. Wollte er damit ausdrücken, daß der Magen sein entwickeltester Theil und das Gehirn ihm und dem Munde nachsteht – ich weiß das nicht; aber gewiß ist es, daß uns der Pascha am obern Rande der Stiege mit demselben Zeichen bewillkommnete. Das Aeußere des Paschas trägt den Ausdruck der Gutmüthigkeit; er ist nicht sehr groß aber außerordentlich fett, und um seinen Mund spielt ein freundliches Lächeln. Sein Kopf ist breit und stark, sein Auge mild und nicht ohne Geist. Aus dem Feß, welches ihm alle Augenblicke herunter zu rutschen drohte, wobei er eine sehr komische Handbewegung machte, guckten ihm einige braune Locken heraus. Um sein Kinn trägt der arme Mann, als Beamter der Neuzeit, nur einen mäßigen und kurzen Bart. Bei uns muß man sich gerade im Gegensatze, wenn man Minister oder wenigstens Ministerial-Rath werden will, als fra diavolo arrangiren. Dort bannt man die schwarze Reaktion mit ihren Derwischartigen (jesuitischen) Umtrieben durch das Verkürzen des Kinnwaldes, und bei uns thut sich das freie Ich, das liberale Bewußtsein der Neuzeit, in der möglichsten Gesichtsverlängerung durch den Bart kund. Ueberall unterwirft sich der Mensch den selbst aufgedrungenen Formen.

Der Rock, den er trug, war von dunkelblauem Tuche mit außerordentlich reicher Goldstickerei. Die inexpressibles von weißem Tuche mit Goldstreifen. Um den Hals trug er das Zeichen, welches ihm als Schwager des Sultans gebührt. Es besteht aus einer Diamanten-Schnur und zwei kleinen eben solchen Quasten, wie auch den in Brillanten gefaßten Namenszug des Sultans. Seine Brust schmückte der auf gleiche Art gefaßte russische Andreasorden, den er erhielt, als er in dem Jahre 1827 als Friedensbote nach Petersburg geschickt wurde, nachdem er sich in diesem Kriege sehr ausgezeichnet hatte und der Einzige war, vor dem sich die Russen fürchteten. Um die Lenden hatte er einen herrlichen Säbel in peau de chagrin und Diamanten gegürtet. In dem ersten geräumigen Stiegenhause war eine noch größere Anzahl von Dienern versammelt; überhaupt macht die Menge der Diener und Sklaven den Stolz der Türken aus. Halil führte uns mit dem Zeichen der größten Aufmerksamkeit in einen an das Stiegengemach anstoßenden Salon, dessen lange Fensterreihen eine prachtvolle Aussicht auf das wogende Meer darboten, und von diesem immer schönen Elemente die wohlthuendste Brise einließen. Wände und Plafond des Gemaches waren hellgrau angestrichen; in den Ecken liefen Goldstreifen mit orientalischen Verzierungen. Auf zwei Seiten waren Fenster an Fenster, nur durch leichte Balken getrennt. Auch ein Theil der Stadt und der ganze Hafen waren durch dieselben sichtbar. An den Fensterbrüstungen standen Divans, Sofa und Lehnstühle. Zwischen den zwei in gerundeten Ecken befindlichen Eingangsthüren ist die Wand außerordentlich reich mit Gold verziert; in der Mitte derselben befindet sich der Namenszug des Sultans mit goldenen Zügen auf blauem Grunde; unter diesem sind in dem Holzgetäfel kleine Schubladen angebracht, in welchen man die werthvollsten Kleinodien, Andenken und Schriften aufbewahrt. Es scheint dies das Familien-Sanctuarium zu sein, und es hat auch durch einen großen, schrankartigen Tisch, welcher sich vor demselben befindet, Aehnlichkeit mit einer Kapelle. Auf dem Boden liegen feingearbeitete Matten. Die oben angeführten Möbel beziehen die Türken aus Triest und Wien. In diesem Gemache waren sie aus braunen, hübsch geschnitzten Nußbaumholz mit schwarzem Roßhaarstoff überzogen. Der Pascha wies meinem Bruder und mir Lehnstühle an der Fensterwand, gegen die Stadt zu, an, so daß wir in das Innere des Gemaches und auf das Meer sehen konnten. Halil setzte sich an unsere Seite, die übrigen Herren, die im ersten Boote gefahren waren, vertheilten sich auf den Divans. Es entspann sich nun zwischen uns und dem Gouverneur ein Gespräch mit Hülfe des Dragoman, welcher in französischer Sprache verdolmetschte.

Den Fragen Halils merkte man an, daß er nicht ohne Bildung sei, und seine echt türkischen Schmeicheleien waren gut gewählt, blumenreich und fast witzig. Bald nach uns kam die Gesellschaft, welche im zweiten Boote Platz gefunden hatte, an; die Herren wurden vom österreichischen General-Consul dem Pascha vorgestellt, welcher ihnen mit den freundlichsten Worten sagte, er hoffe, Alle würden ihre Pflicht thun, nur der Doctor möchte niemals Gelegenheit dazu haben. Ich konnte mich über die Verwunderung meiner Freunde kaum des Lachens enthalten. Die eckigen, schlichten, häßlichen Fracks nahmen sich mitten im orientalischen Luxus so äußerst komisch aus, und ein dicker, liebenswürdiger Haus-, Hof- und Staats-Archivarius Seiner apostolischen Majestät, dem man die Lachlust im Gesichte ansehen konnte, einem Gouverneur und Pascha einer asiatischen Provinz der himmlischen Pforte gegenüber, gab ein gar mächtiges Genrebild. Nachdem auch diese Herren sich niedergelassen hatten, strömte auf ein gegebenes Zeichen ein Haufe von Dienern herein, welche außerordentlich schöne, sieben bis acht Schuh lange Tschibuks lanzenartig im Arme trugen. Sie vertheilten dieselben unter uns, faßten unsere Stellung scharf ins Auge und wußten die duftenden Pfeifenköpfe so geschickt auf den Boden zu stellen, daß das Mundstück gerade in die Richtung unserer Lippen kam. Dieser Handgriff gehört zum bon ton der türkischen Dienerschaft. Nun knieten sie nieder, legten unter jede Pfeife eine Metalltasse und fachten das vortreffliche Lieblingskraut der Osmanli mittels Kohlen zur dampfenden Gluth an. Alles dieses geschieht mit außerordentlicher Fertigkeit; nur Schade, daß diese Diener ebenfalls die neuere Kleidung tragen. Wir erkannten die Pfeifen aus dem Bade her; nur erstaunten wir jetzt über die Menge, welche den außerordentlichen Luxus verräth, den man in diesem Punkte in der Türkei treibt. Der Sultan ließ schon einst ein Verbot gegen die große Verschwendung in Pfeifen ergehen, da sich mehrere seiner Paschas im vollsten Sinne des Wortes durch diesen Artikel ruinirt haben. Für unsern guten Halil ist dies nicht zu fürchten, indem er sehr reich ist; seine Einkünfte schon als Gouverneur von Smyrna betragen bei 80,000 Gulden. Während des Gespräches rief er plötzlich unseren lieben Dr. F. zu sich, und ließ ihm durch den Dragoman bedeuten, er möge ihm den Puls greifen, indem es ihm eine Ehre sei, daß er an ihm dasselbe vollziehe, was er täglich an uns ausübe. Der Arzt that wie ihm befohlen wurde, und versicherte Seiner Hoheit, daß der Puls außerordentlich stark und gesund sei, worüber unser freundlicher Wirth in ein sehr lebhaftes Gelächter ausbrach. Er befrug auch noch den Medicus, ob denn kein Mittel gegen die Cholera gefunden sei. Als man ihm verneinend antwortete, schien er nicht sehr zufrieden; denn die Furcht vor dieser Krankheit ist im Orient ungeheuer groß. – Wieder erschienen die Diener und brachten Kaffee.

Im Oriente wird dieses so oft gebrauchte Getränk in kleinen Schälchen aufgetischt, welche sich in eierbecherförmigen Gestellen befinden. Gewöhnlich sind diese Gefäße aus Porzellan; hier waren sie aus rosenfarbenem Email mit Diamanten. Der Kaffee wird sehr warm, mit Satz und ohne Zucker getrunken und ist nicht so schlecht wie man glaubt. Als die Pfeifen zur Hälfte geraucht waren, wurden sie von den Dienern hinausgetragen, und frisch gefüllt zum neuen Gebrauche wieder hereingebracht. Plötzlich hörte man Schellen klingen und drei stattliche, bunt geschmückte Kameele erschienen, umgeben von malerisch gekleideten Treibern, auf dem Platze vor dem Palast. Es sollte uns ein Schauspiel ganz neuer Art geboten werden: ein Kameelkampf, von dem ich in Europa nicht einmal reden hörte. Gegen das Spätjahr zu, besonders im Monat Dezember, kommen die männlichen Thiere in eine eifersüchtige Wuth, so daß sie sich gegenseitig jagen, beißen und schlagen, gleich den Hähnen bei den Wettkämpfen in England. Leider mißglückte der heutige Versuch, indem es noch zu früh im Jahre war. Nur das stärkste dieser Thiere ging einmal, gereizt durch die Treiber, auf ein schwächeres los, biß es ein paarmal, wobei ihm der Schaum aus dem Maul lief; der Gegner jedoch stöhnte nur einigemale jämmerlich und wich dann feige zurück. War auch dieser Spaß dem Pascha mißglückt, so hatte uns doch der Anblick dieser mächtigen Thiere sehr interessirt; plötzlich verschwand der Gastgeber, aus welchem Grunde ist uns bis jetzt noch nicht bekannt. Einige Zeit nachdem er außer Athem zurückgekehrt war, lud er uns zur Tafel ein. Er ging vor uns, wie es überhaupt im Orient Sitte zu sein scheint, mit würdevollem Anstand in das Stiegengemach, wo ihn die immer fortgesetzten Bücklinge seiner treuen Diener empfingen. Von hier aus führte er uns durch eine kleine mit einem schweren Vorhange versehene Thüre in das Speise-Kabinet. Dies bot ein liebliches Bild des phantastisch graziösen Morgenlandes. Die Wände und der Plafond waren zeltartig mit weißen moirirten Tapeten bedeckt, welche mit rothen Streifen und zierlichen Bouquets geschmückt waren. Auf der einen Seite befand sich wieder eine hohe, lange Fensterreihe, unter welcher sich ein breiter, grüner, schwellender Divan hinzog. Holzgitter schützen vor den neugierigen Blicken des Volkes. Auf dem Boden lagen Rohrmatten und außerdem noch reiche Teppiche, in der Mitte des Zimmers befanden sich zwei große geränderte Vermeil-Platten auf Dreifüßen, welche mit reichen Stoffen behängt waren. Diese bildeten die Eßtische, an denen nach türkischem Brauch immer nur sechs bis sieben Personen Platz nahmen. Die Gesellschaft theilte sich demnach in zwei Theile. Wir ließen uns auf kleine weiche Sitze nieder, mit der gespanntesten Erwartung auf das kommende Mahl. Halil Pascha, Fürst J., Baron K., der General-Consul, mein Bruder und ich saßen an einer dieser Platten. Jeder der Gäste hatte einen schwarzen und weißen mit Corallen besetzten Löffel vor sich, ein goldgesticktes Handtuch aus Battist, welches mit einem Schnupftuche viel Aehnlichkeit hatte, ein feines Weißbrot, dessen eine Hälfte in längliche Rechtecke geschnitten war, und mehrere in Vermeil und Silber elegant gearbeitete Untertäßchen, auf welchen sich köstliche Sultana-Trauben, Sardellen, Caviar, Gurkensalat mit saurer Milch, Wasser- und süße Melonen befanden. Die letzteren waren durch die südliche Sonne so gereift, daß sie auf der Zunge wie Zucker zerflossen. Diese verschiedenen hors d'oeuvres ißt man nach Belieben während des Speisens, was keine schlechte Einrichtung ist, da man beim orientalischen Mahle süße und saure Speisen durcheinander bekommt. Man schlang uns um Brust und Schooß goldgestickte Linnentücher, was uns ein sehr spaßhaftes Aussehen gab; diese Maßregel ist jedoch höchst nothwendig, da man nur die ganz flüssigen Speisen mit dem Löffel ißt, während man alles andere mit den Händen zerreißt. Kaum hatten wir uns niedergesetzt, so füllte sich das ganze Gemach mit Dienern, die sich weidlich an unserer Verwunderung und unserem ungeschickten Benehmen ergötzten. Man legte nun in die Mitte der Tafel ein kleines, rundes, ledernes Kissen, auf welches man die Speisen, deren Zahl über 20 war, der Reihe nach in großen, weißen und blauen chinesischen Porzellan-Schüsseln setzte. Da es einige europäische Gourmands interessiren könnte, so lasse ich den Speisezettel folgen. Den Eingang machte eine Nudelsuppe, welche jedem französischen Koch Ehre gebracht hätte; hierauf folgte ein Schöpsenbraten mit Reis gefüllt, welcher sich durch sein zartes und vortreffliches Fleisch auszeichnete. Die Suppe hatte man mit dem Löffel gegessen, in diese Speise jedoch fuhr der Pascha mit seiner weichen dicken Hand, und gab uns zu verstehen, wir möchten seinem kühnen Beispiele folgen. Alles stürzte nun gleich wilden Thieren auf diesen Braten los, und bald waren die triefenden Fasern abgelöst und mit etwas Ungeschick in den harrenden Mund gebracht; aus besonderer Bevorzugung und Artigkeit riß der Gouverneur einen saftigen Knochen ab, den er mir mit liebenswürdigem Lächeln gleich einer Blume überreichte. Wir waren einigermaßen verlegen, indem wir nicht wußten, wohin die überbleibenden Knochen legen; der Pascha half uns jedoch bald aus dieser Ungewißheit, indem er uns andeutete, nur alles auf die goldene Platte tropfen und fallen zu lassen; diese beaux restes des orientalischen Magenluxus bleiben die ganze Tafel hindurch den nicht sehr erbauten Augen der Gäste Preis gegeben. Darauf kam eine flache, sehr breite Mehlspeise von Butterteig, welche die Türken Börek nennen. Halil benutzte eine glückliche Gelegenheit, während wir nicht auf die Speise achteten, lüftete die Mitte derselben, worauf zu unserer großen Verwunderung ein Stieglitz scheu herausflog. Unser heiterer Wirth lachte über diesen Beweis türkischen Witzes, mit einem maßlosen Gebrülle; es scheint, daß diese naiven Ueberraschungen in Smyrna noch der höchste Grad von gutem Geschmacke sind, denn der Pascha bat mich, ich möchte dieses Intermezzo in meinem nächsten Briefe an meine Verwandten erwähnen.

Um diese Speise auf eine angenehme Art zu verschlingen, nahm er die fetten Blätter des Kuchens und rollte sie so zu einer Kugel, welche er dann mit Grazie in den weit aufgerissenen Mund warf. Nach diesem Gerichte brachte man Limonade-Scherbet, in sehr eleganten, wahrscheinlich französischen oder sächsischen porzellanenen Rococo-Tassen. So schlecht dieses aus Citronen bereitete Getränk im Occident ist, so erfrischend und vortrefflich ist es im Orient. Die Speisen wurden außerordentlich rasch gewechselt, so auch verschwand der labende Trunk nur zu bald. Ihn ersetzte ein gebackener Fisch mit kleinen Rosinen. Diese Zusammenstellung ist zwar etwas gewagt, aber in der Wirklichkeit nicht so schlecht, wie man glaubt; dann folgte eine sehr gute Mehlspeise, Kataif genannt, dann Patlitscha, ein Gericht Fleisch mit einem Gemüse Macedoine, dessen Hauptbestandtheil eine in der hiesigen Gegend vorkommende sehr schmackhafte, paprikaartige Pflanze ist. Bei diesen Speisen in halbweichem Zustande hilft man sich mit den rechteckig geschnittenen Brotstücken, welche man auf den Zeigefinger legt, und so mit diesem und dem Daumen sich bedient. Viele zarte Europäerinnen und fein gebildete Dandys werden über dieses naturgemäße Verfahren erschrecken. Ich erlaube mir nur die Bemerkung, daß es kein großer Unterschied ist, mit rein gewaschenen, eigenen Fingern aus einer so großen Schüssel zu essen, in welcher man, wenn man einigermaßen geschickt ist, mit seinem Nachbar gar nicht in Berührung zu kommen braucht, oder in einer zartfühlenden europäischen Gesellschaft die Speisen mit Bestecken zum Munde zu führen, deren sich schon Hunderte von Menschen bedient haben. Es kommt alles nur auf Einbildung und Gewohnheit an. Der Gouverneur erzählte uns, daß ihm das Essen mit dem Bestecke in St. Petersburg sehr schwer gefallen sei; die Türken lachen über die Sitten der ungläubigen Franken ebenso, wie wir über die Ihrigen. Nach dem Patlitscha brachte man gute, gebratene Meerfische. Hierauf krapfenartige Reiskugeln, bei welchen die Türken Mittel finden, sie auf einmal mit der platten Hand in den Mund zu drücken. Nach diesen kam Reis mit Paradiesäpfeln. Hierauf Hallioa, eine geléeartige, sehr süße und gute Honigspeise, dann erschien Bombar, bestehend aus vortrefflichen Würsten mit Reis gefüllt. Dies war vielleicht eine der schmackhaftesten Speisen. Der Pascha nöthigte uns durch die freundlichsten Worte, von allem zu genießen. Als Fürst J. einmal, ganz außer Athem, aussetzen wollte, versicherte er ihn gleich, ein Militär müsse noch mehr als die andern Leute zu sich nehmen. Nun tischte man Lokma, einen durchsichtigen, meerfarbigen Strudel auf, welcher durch seine Süßigkeit fast widrig war. Hierauf kam Lammfleisch, dann Kalbsragout, diesem folgte Tank-goksi, ein weißer Brei, welchen man aus fein gestoßener Hühnerbrust und Mandeln macht. Ich fand diese Speise furchtbar, einige der Gesellschaft lobten sie jedoch außerordentlich. Dann erschien ein Gericht aus Truthahn. Bei einem der angeführten Fleische winkte Halil einem Diener, welcher mit den Händen in die Speise fuhr, um sie zur leichteren Behandlung der Essenden auseinander zu reißen. Ein kurzes und praktisches Verfahren. Nun kamen Maccaroni mit Käse, ganz nach europäischer Sitte. Hierauf vortreffliches Pfirsich-Kompott, dann Kabak dolma, aus gefüllten Kürbissen zubereitet, eine Speise, welche die europäischen Feinschmecker sehr gut aufgenommen hätten, wenn sie nicht unmittelbar nach dem süßen Kompotte gekommen wäre. Das Ende des reichen und gemischten Mahles, machte der Pilau, ein großer Reishaufen, bestreut mit kleinen Rosinen. Nach geschlossener Speisenreihe wurde Urchas, ein schwimmendes Kompott in eleganten gläsernen Schalen servirt. Dieses ziemlich starke, aber nicht sehr angenehme Getränk vertritt bei den Mohammedanern die Stelle des Weines. Während der Tafel gelang es mir nur zweimal sehr frisches gutes Wasser zu bekommen. Nun war das Mahl, dieses interessante Reiseereigniß, beendet. Wir setzten uns auf den an der Fensterreihe befindlichen grünen Divan, und man brachte uns in herrlichen Kannen und Becken von Vermeil Wasser und Seife, um eine sehr nothwendige Händereinigung vorzunehmen, bei welcher der Pascha, der sich übrigens auch das Gesicht einseifte, ein Gebet zu murmeln schien. Nachdem diese Toilette vollendet war, führte uns Halil wieder in den grauen Salon, und abermals brachte man die Tabackspfeifen.

Jetzt lernten wir eine neue, den türkischen Großen höchst eigene Sitte kennen; man vernahm nämlich in dem wohlgefüllten Bauche des Paschas ein dumpfes Rollen und Tönen wie vor einem herannahenden Gewitter. Plötzlich dröhnte das ganze Zimmer von einem Schall, welcher dem holdseligen Munde des kaiserlichen Schwagers entfahren war. Da diese bauchrednerischen Betonungen bei uns keineswegs üblich sind, so mußten wir in den großen Mundstücken der Tschibuks Hülfe suchen, um nicht in ein Gelächter auszubrechen. Von der türkischen Seite aus wurde dieser Beweis eines zu copiösen Diners sehr gleichgültig aufgenommen und die Osmanli schienen gar nicht verlegen. Im Gegentheil, kaum war Smyrnas Pascha zu Ende, so hörten wir auf der andern Seite des Zimmers ebenfalls einen lauten Seufzer über die Thorheit, so viel gegessen zu haben. Es war die Gemüthsäußerung der türkischen Excellenz, welche am zweiten Tische während des Mahles präsidirt hatte. Nun konnte unser convulsivisches Lachen kaum mehr verborgen bleiben; erst später erfuhren wir, daß diese etwas lebhaften Magenäußerungen im Oriente nicht im geringsten unartig seien, sondern so behandelt würden, wie bei uns allenfalls das Niesen. Unsere Gedanken wurden von diesem sehr komischen Thema durch einen ägyptischen Mohrentanz abgelenkt, welchen der Pascha auf demselben Platze, wo der Kamelkampf verunglückt war, aufführen ließ. Die Neger spielten selbst eine monotone Musik mit Trommeln und Cinelli. Der Tanz war eigenthümlich, graziös und kriegerisch. Die Neger schlugen mit Stöcken gegen einander und machten mitunter Sätze wie wilde Tiger. Ein National-Tanz ist immer von großem Interesse, da sich in demselben meist der Charakter des Volkes ausspricht. Die Tarantella ist voll wilder Gluth, der Bolero edel und feurig, die Mazurka voll leichtfertiger Anmuth, und in diesem Tanze sieht man die wilde, kriegerische Horde, welche um die Leiche der Feinde oder um den erlegten Löwen tanzt.

Als wir einige Zeit dies Schauspiel betrachtet hatten, fragte uns der Pascha, ob wir nicht die Kaserne und die Truppen sehen wollten, welches Anerbieten wir sehr gerne annahmen. Zum Abschied traten wir zu dem Schreine, unter dem Namenszug des Sultans, der nun mit Champagner, Feigen, Trauben und köstlichen Sultaninen überfüllt war. Ich ergriff ein Glas mit dem sprudelnden Frankenwein und bat den Pascha, ob wir nach unserer europäischen Sitte auf sein Wohl trinken dürfen; er erwiederte unseren Toast, indem er ebenfalls einen auf das Wohl unseres Monarchen ausbrachte. Den Namen des Kaisers lispelte er nach türkischer Sitte nur mit leisen Worten. Nun trank er noch auf unsere Gesundheit, und wir auf die des Sultans. Ich sah bei dieser Gelegenheit, daß die Türken, trotz des Korans, dem perlenden Champagner keineswegs abhold sind; sie entschuldigen diese stille Leidenschaft durch die Behauptung, dieser Wein sei nach Mohammeds Tode erfunden worden. Wir verabschiedeten uns nun bei unserem herzlichen, freundlichen Wirthe, den wir in der kurzen Zeit ganz lieb gewonnen hatten, und wurden mit denselben Ceremonien entlassen, mit denen man uns empfangen hatte. Wir begaben uns in die Kaserne; ein sehr geräumiges zweistöckiges Gebäude, aus einem Mittel und zwei Seitentrakten bestehend; gegen die vierte Seite zu ist es offen und ein Gitter schließt den großen Hof, unmittelbar am Rande des Meeres, ab, wodurch auch die Luft in den schönen fensterreichen Räumen immer gesund und frisch ist. Der in dem Gebäude kommandirende General, welcher seiner Charge nach über zwei Regimenter gesetzt ist, hatte in diesem Augenblicke nur ein Regiment in der Kaserne, das andere war auf dem Marsche. Jedes Regiment hat zwei Oberste, vier Oberstlieutenants, zwölf Majors und vier und zwanzig Lieutenants. Die Mannschaft ist in vier Bataillone eingetheilt, das Bataillon in zwei Compagnien.

Der General, welcher den Titel Militär-Gouverneur führt, empfing uns unter dem Thore des dunkelroth angestrichenen Gebäudes. Wir besuchten die Räume des ersten Stockes; die Gänge sind außerordentlich hoch, breit, luftig und von lobenswerther Reinlichkeit, die Zimmer geräumig und nett; vierzig bis sechzig Menschen haben in demselben Platz. Der Mann hat einen magern Strohsack, ein kleines Kissen und eine Wolldecke, alles von dunkler Farbe; das ganze Bett hat in seinem Tornister Platz. Die Leute liegen am Boden ziemlich dicht neben einander. Die Kleidung des Soldaten besteht aus einem rothen niedern Feß, einem blauen Tuchspenser und weißen Leinwandhosen; die Füße sind nur außerhalb der Caserne mit schwarzen Schuhen bekleidet; in der Kaserne gehen die Leute bloßfüßig herum, was viel zur Reinlichkeit beitragen mag. Das Riemzeug ist von weißem Leder, die Patrontasche ziemlich umfangreich. Die Gewehre sind groß und braun geschäftet, die Tornister schmal und hoch, mit braunem Leder überzogen. Ich konnte dem General nicht genug meine Bewunderung ausdrücken und versicherte ihn, daß man selbst in Europa sich die Reinlichkeit des Militärgebäudes zum Beispiel nehmen könnte, was dem Kommandanten sehr zu schmeicheln schien. Man führte uns nun in eine Art großen Erkers, welcher in der Mitte des mittleren Traktes im ersten Stock ein Gastzimmer enthält, von wo aus wir gebeten wurden, einigen Bewegungen des Regimentes zuzusehen; wir versicherten die Herren, daß wir, statt auf den schwellenden Kissen des Divans zu ruhen, uns lieber in den Hof begeben wollten, um die Truppen in der Nähe bewundern zu können. Diese Aufmerksamkeit freute die zuvorkommenden Türken außerordentlich, was ich später durch einen Brief aus Constantinopel erfuhr. Von ihrem Sultan sind sie keiner so nahen Betrachtung gewürdigt. Für Seine osmanische Majestät ist nämlich ein prachtvolles Zimmer im zweiten Stock eingerichtet; in jeder Kaserne ist ein solches für ihn bestimmt, von wo er dann die gläubigen Kinder Mohammeds wie aus den Wolken betrachtet, das heißt nur sein Körper zeigt sich bei diesem kriegerischen Schauspiele, denn der abgestumpfte Geist des jugendlichen Fürsten erfreut sich nicht an dergleichen Dingen; er ergeht sich lieber im Genusse des umhüllenden Tabacksrauches und denkt lieber an das Heer seiner 700 Frauen, als an seine bewaffnete Armee; wenn auch der Dragoman mit gewandtem Sinne mir sagte: »Cette chambre est réservée pour le Grand-Sultan, puisque les soldats sont ses enfants et le père doit toujours loger parmi ses enfants«, was recht hübsch klingen würde, wenn es nicht eine leere Redensart wäre. Das Regiment war im großen Hofe aufgestellt, alle Offiziere waren zu Fuß; ich glaube, daß nur dem General ein Pferd zusteht. Die vier Bataillone standen in einer Front, und es begann ein kurzes Exerciren im Feuer. Zuerst schoß jedes Bataillon der Reihe nach, wobei das erste Glied nach alter Art niederkniete, wodurch alle drei Glieder feuern konnten. Hierauf kam eine Décharge der ganzen Front, ein Lauffeuer und dann die Formirung eines ganzen Quarrés. Im Feuer exercirten sie vortrefflich, die Déchargen waren wie ein Schlag und das Laden fabelhaft rasch; mit den übrigen Bewegungen ging es minder gut; dieselben werden noch nach dem Beispiele eines Flügelmannes gemacht. Besonders schlecht fiel das Defiliren aus, bei welchem ein langer schwarzer Neger-Lieutenant die Richtung angab; die Musik tönte hierzu gar wild und eigen. Einmal versuchten die guten Leute etwas aus Flotow's »Martha« zu spielen, was aber ganz und gar mißlang. Das Commando der Türken in der Landessprache ist wohltönend und laut, und wird rasch von den Truppen ausgeführt.