Der Morgen graute, die Sonne kam und ergoß einen tiefen Frieden über die silberne Fluth und die hohen Berge Albaniens. Eifrig rauschte unser Dampfer durch die salzigen Wellen. Rasch flogen wir an den kleineren Jonischen Inseln vorbei, welche sich wie die Rücken großer Meer-Unthiere aus dem Wasser erhoben; dann erblickten wir die äußersten Spitzen der gesegneten Insel Corfu. Eine ziemliche Strecke fährt man längs ihrer Ufer, bis man das Festungswerk gewahrt, welches die Stadt krönt; dies englische Colonial-Fort ließe sich jedoch nur mit einer Dornenkrone vergleichen. Die Insel besteht meist aus bergigem Terrain, und ist mit den frischesten, schönsten Waldungen bewachsen; sie gewährt dem Auge einen wohlthuenden Anblick. Das ganze Land gleicht einem großen Park, in welchem sich einzelne freundliche Ortschaften befinden. Auch diese sehen nett und wohlgebaut aus; sie machen nicht den traurigen Eindruck mancher griechischer Dörfer, welche vereinzelt daliegen und sich in unregelmäßigen Formen aus dem uncultivirten Boden erheben. Es ist ein erfreulicher Anblick, schön erbaute Villen inmitten der südlichen, von des Gärtners Auge gepflegten Vegetation zu sehen. Dazu kontrastiren die schön geformten Felsen an der Meeresküste vortrefflich. Man muß gestehen, daß die Engländer es verstehen, allem, was ihnen unterworfen ist, Cultur und Schönheit aufzuzwingen; denn auch das felsige Malta soll mit dem frischesten Grün übersponnen sein. Je näher man der Stadt kommt, desto mehr nehmen die Landhäuser zu. In einiger Entfernung von der Stadt war ein englisches Schiff geankert, welches auf einen im Meere schwimmenden schwarzen Punkt Scheiben schoß. Dieses kleine Seemanöver amüsirte mich außerordentlich; es war komisch zu sehen, wie die Kugeln zehn bis zwanzig mal hinter der Scheibe im Meere wieder aufhüpften, so daß es wie Springbrunnen schäumte. Nicht sehr oft trafen die seekundigen Britten ihr freilich sehr kleines Ziel. Da wir die Schußlinie passiren mußten, hegten einige die Besorgniß, wir könnten getroffen werden; doch hielt das Schießen, während wir durchfuhren, einige Zeit ein. Die, die Stadt deckenden Felsen schwanden nun immer mehr und das schöne Absteigquartier der Britten entwickelte sich vor unseren Blicken. Schroff zeichnete sich das hohe, spitze Fort auf dem blauen Himmel ab, terrassenförmig breiteten sich um dasselbe die herrlichsten Gärten und schönst-gebauten Häuser. Am Fuße dieser, die Stadt dominirenden Veste reihen sich steinerne Bastionen aneinander, welche den Fluthen entwachsen; auf einer derselben, welche die äußerste Ecke bildet, befindet sich der prachtvolle Garten des Gouverneurs, mit außerordentlich vollen und großen Bäumen. Am Ende desselben gegen die Stadt zu, steht ein großer, aus mehreren Trakten bestehender, grauer, steinerner Palast, dessen Räume hohe grüne Jalousien vor der Hitze schützen. Dieses weitläufige ernste Gebäude ist der Sitz des Zwingherrn, welchen die freie brittische Macht über die armen Insulaner als Protector gesetzt hat. – Man glaubte in der Stadt, daß wir landen würden. Wir steuerten aber in eine Art breiten Canals, welcher durch eine kahle, felsige Insel unmittelbar vor der Stadt gebildet wird. Diese selbst hat ein elegantes, reinliches Aussehen. Große, schön gebaute Häuser deuten auf Wohlhabenheit und geben einen Beleg zu Englands praktischem Luxus und kaufmännischem Comfort. – Den Ort umschließen die lieblichsten dunkel grünen Hügel, aus denen die freundlichen Cottages der Britten einladend entgegen schimmern. Auf der, der Stadt gegenüber liegenden Insel befindet sich ebenfalls ein Befestigungswerk, in welches kein Fremder eingelassen wird. Man erzählte uns, daß alle Morgen hundert englische Soldaten aus der Stadt in Kähnen auf diese Insel gebracht werden und Abends wieder zurück kehren. Sie sollen der Regierung einen Schwur abgelegt haben und Niemand weiß, was sie auf diesem mysteriösen Punkte zu thun haben – man munkelt jedoch, daß sie durch einen Tunnel die beiden Inseln unter dem Meere verbinden wollen. Unmittelbar vor der Stadt hielten wir einen Augenblick an, um von einem dort ankernden Lloyd-Dampfer Nachrichten einzuholen, und sogleich kam John Bull, mit weiß angezogenen Matrosen dahergeschwommen; es war der Hafen-Kapitän, der uns auf bereitwillige Weise die Pratica brachte, um bei dieser Gelegenheit ein tüchtiges Trinkgeld einzustecken. Als man ihm antwortete, daß wir auf keinen Fall landen würden, wollte er durchaus von unserem Kapitän erfahren, wer sich auf dem Schiffe befinde und als er dies nicht erfuhr, ruderte er mit einem sehr finstern Gesicht wieder ab. Während dieses Ruhepunktes konnten wir die Stadt mit aller Muße betrachten; da es die Zeit der Siesta war, sah man außerordentlich wenig Bewegung in den Straßen. Auch die Zahl der Schiffe auf der Rhede war sehr klein, da die Cholera auf den jonischen Inseln grassirte und hiedurch der Handel auf einige Zeit gehemmt war. Bald schäumten wieder unsere Räder und fort ging es im Fluge.

Gegen das Ende der Insel nahen sich ihre Ufer der albanischen Küste; in der Mitte dieses engen Gewässers befindet sich eine ganz kleine, bizarr geformte Felsen-Masse, auf welcher ein ebenfalls ganz kleiner Leuchtthurm ruht. Er führt einen sehr unappetitlichen Namen, man nennt ihn den »krätzigen«, vermuthlich nach der eigenthümlichen Felsenbildung. Ein Invalide vegetirt auf diesem kleinen Raume. Bald entschwanden die letzten Spitzen der Inseln und fröhlich steuerten wir unserem theuren Vaterlande zu.

Zwei Tage in den Bocche di Cattaro.

Schon am frühesten Morgen warf ich mich in meine Kleider und war der Erste auf dem Verdecke. Eine gesunde frische Luft, von Oesterreich's geliebtem Boden, den ich zum erstenmal wieder erblickte, stärkte meine Glieder und mit stiller Wonne betrachtete ich den herrlichen Sonnenaufgang über den dunkelblauen Bergen Dalmatiens. Ein leichter, duftiger Nebel ruhte auf den stillen Wassern und gab dem kommenden Gestirn einen rosig zauberhaften Schein; doch bald fielen die hüllenden Dünste und groß und prächtig schien mir die Sonne in's dankbare Auge. Nun gab auch das neue Licht den melancholischen Gebirgen Farbe und Leben; Felsen, Wälder und einzelne kleine Ortschaften zeigten sich dem Blicke, der mit Ergötzen im Anschauen des theuren Vaterlandes ruhte. Bald langten auch die Reisegefährten an und herzlich begrüßten wir uns auf österreichischem Gewässer. Es erschien mir als eine gute Vorbedeutung, daß gerade bei der Ankunft im Vaterlande die Sonne uns so prachtvoll und hell entgegenkam. Wir nahmen unser Frühstück auf dem Verdecke in der heitersten Laune, und so kamen wir unter munteren Gesprächen zu dem Eingange der berühmten Bocche di Cattaro. Durch einen ziemlich schmalen Canal kommt man in die erste seeartige Meerenge. Der Eindruck ist still und groß, wie der eines ruhigen reizenden Binnensee's; man vergißt das große Meer hinter sich und vertieft sich mit Lust in den Anblick der neuen lieblichen Landschaft. Hier sind nicht mehr die nackten Felsen und gelben Flächen von Hellas, hier herrscht buntes, frisches Leben und mäßige glückliche Civilisation. Man sieht nicht mehr die öden menschenleeren Räume; aus den üppigen Wäldern erheben sich Häuser, deren Wohlstande man anmerkt, daß sie unter dem österreichischen Scepter stehen; und doch hat auch der uncivilisirte Zustand Griechenlands seine besondern Reize! Die belebte Landschaft unter südlichem Himmel und die kahlen rosenfarbenen Gebirge am blauen schäumenden Meere von Lepanto, welch' ein Kontrast! Gegen das Innere des Landes zu erheben sich hohe, felsige Berge in äußerst malerischen Gestalten, welche wohl ebenfalls in den höheren Regionen kahl sind, jedoch mehr das Gepräge des nördlichen Gesteines tragen. Gegen das Meer zu ist das Gebirge niedrig und hat runde, nicht sehr schöne Formen. Dasselbe ist meist von Myrten überwachsen. An den Ufern ziehen sich frische grüne Weinberge mit einigen Villen im italienischen Geschmacke hin. Zwei Punkte sind es jedoch, die das Auge am meisten fesseln: das malerisch gelegene Städtchen Castelnuovo mit seinen eckigen Forts, und das in byzantinischem Styl erbaute griechische Kloster Sabina; ein hell erleuchteter Punkt im üppigsten Grün. Unser Schiff ankerte beim Lazareth von Castelnuovo, welches sich eine halbe Stunde vom Städtchen unmittelbar unter dem Kloster am Meeresstrand befindet. Nachdem wir uns einigermaßen anständig gekleidet hatten, fuhren wir ans Land und betraten mit Jubel nach so vielen Erlebnissen zum erste Mal wieder den festen werthen Boden Austria's. Unser erstes Ziel war das Kloster, welches unsere Neugierde schon vom Schiffe aus gewaltig gereizt hatte. Wie angenehm waren wir überrascht, die deutsche Eiche (quercus germanica) neben dem üppigen Lorbeer zu finden und uns in deren wohlthuenden Schatten zu laben. Auch Wiesen sahen wir nach so langer Zeit wieder, frische grüne Wiesen, welch' Entzücken! Und auf diesen Wiesen sprossen große Orangen-Bäume, umarmt vom nordischen Epheu! Es war ein stilles, liebliches Plätzchen, das unmittelbar vor dem Klosterthor lag: die lieblichste Vermälung der Schönheit des Nordens mit der Glut des Südens. Die heißen Strahlen der Sonne wurden durch das Blätterdach der Eiche in ein wohlthuendes Licht verwandelt, hie und da blickte das tiefe Blau durch die Aeste auf einen weichen Sammetteppich. Eine stolze Cypresse ragte in die reinen Lüfte und zu ihrer Seite, an einer alten Mauer, wiegte sich ein in der Frucht stehender Orangenbaum, dessen Aeste den saftigen Reben zur Stütze dienten; spielend neigte sich die glühende Granate an ihren zarten biegsamen Aesten herab. Am Fuße des leichten Abhanges öffneten sich die herrlichsten Blicke auf die ruhige, spiegelklare See. Wir traten durch einen steinernen Bogen in einen terrassenförmigen Hof. Eine große, eine kleine Kirche und das Kloster erheben sich auf diesem Platze.

Durch Vermittelung unseres gefälligen Kapitäns ließ man uns in das Innere der Kirchen eintreten. Die zwei in dem Kloster wohnenden griechischen Mönche führten uns umher. Einer derselben, ein ältlicher Mann mit langem grauen Bart, sprach gebrochen italienisch, so daß wir uns einigermaßen mit ihm verständigen konnten. Im Inneren des Gotteshauses ist, der griechischen Sitte gemäß, eine reich vergoldete Holzwand mit typischen Bildern vor den Altar gezogen. Alle Christus- und Madonnenköpfe haben dieselben lang gedehnten, nicht sehr schönen orientalischen Züge. Außerdem findet man noch den geharnischten Georg und mehrere andere Heilige dargestellt. Einige der hier befindlichen Bilder sind nicht ohne Kunstwerth. Von der Wölbung hingen reiche silberne Lampen, Straußeneier und plumpe Verzierungen aus Baumwolle, goldenen und farbigen Bändern herab. Da ich den Mönch mit Erstaunen um deren Bedeutung fragte, erwiederte er mir, daß jeder Schiffer, beim Auslaufen eines neuen ihm gehörigen Schiffes, einen solchen geschmacklosen Zierrath an die Kirche spende. In der kleinen Kapelle, welche die zuerst erbaute auf diesem Orte ist, befinden sich sehr schöne fromme Gaben, unter welchen sich besonders ein fein geschnitztes Kreuz und mehrere mit Juwelen besetzte Bilder auszeichnen. Das Innere des Klosters, welches aus nur wenigen Zimmern besteht, ist klein und in einem kläglichen Styl gebaut. Im Refectorium hängen einige alte schlechte Oelgemälde von russischen gekrönten Häuptern.

Wir nahmen Abschied von dem lieben alten Manne, der uns durch die heiligen Räume geleitet hatte, betrachteten noch einmal die herrliche Aussicht vom Klosterhofe aus, und setzten unsern Weg durch den Eichenhain nach Castelnuovo fort. Unterwegs lockte uns eine kleine Capelle auf einer mit Aloën bewachsenen Anhöhe an. Hier hatten wir den umfassendsten Rundblick. Tief zu unseren Füßen die begrenzte See; über den mit Myrten bewachsenen Hügeln schimmert silbern am blauen Horizont das unendliche Meer durch die höheren Spitzen getheilt. Auf der einen Seite die mit Epheu umsponnenen Mauern von Castelnuovo, nicht unweit davon türkisches Gebiet, auf der andern Seite die Wasserstraße zu den übrigen Bocche, an deren Ufern die lieblichsten Villen hingestreut lagen, alles dieses von dem herrlichen blauen Himmel überwölbt und von der mächtigen Sonne durchglüht! Wendete man sich um, so war die Aussicht groß, aber düster; die bizarrsten, bis in den Himmel langenden, schauerlich grauen Felsengruppen zeichneten sich scharf auf schwarzer Gewitterluft. Nur einzelne Häuser hängen an der steinigen Wand, umgeben von dunklen Cypressen. Das Ganze war geisterhaft, und doch zog es das Auge mit dunkler Macht an. Diese Bergwände schließen, bis in die Wolken ragend, die lieblichen Ufer der Bocche von dem düstern Montenegro ab, welches theilweise schon auf den Bergspitzen beginnt. Die Aussicht war so erhaben, einerseits mit südlichen Reizen bezaubernd, andererseits durch stolze Abgeschiedenheit Wehmuth erregend, daß ich zu meinen Reisegefährten sagte, dieser Platz locke mich an, mir hier einst eine Villa in venezianischem Geschmacke zu bauen, von deren Fenstern, Balkonen und Terrassen man jedesmal eine andere Aussicht genösse. Dieser Vorschlag wurde einstimmig mit Enthusiasmus aufgenommen. Wenn man reist, findet sich so mancher Fleck auf der Erde, wo man in feuriger Bewunderung ausruft: »Hier laßt uns Hütten bauen!« und viel zu thun hätte man, wenn man überall diesen heimlichen Wünschen nachgäbe. Den Hauptreiz dieser Gegenden bildete das glückliche Zusammentreffen der verschiedensten Naturerscheinungen: großes Meer, stille, seeartige Gewässer, Vereinigung der südlichen und nördlichen Vegetation, Palme und Eiche, Mittelgebirg und riesige Felsen.

Durch Weingärten und Haine bald steigend, bald sinkend, kamen wir endlich zum Fort spaniol, welches Castelnuovo krönt. In der Nähe desselben sahen wir ein verlassenes, dachloses Haus, dessen Wände dermaßen mit Epheu bewachsen waren, daß das Haus, wie die französischen Hecken, aus Bäumen geschnitten schien. Gleich daneben saß auf dem Wege ein uraltes Weib, eine hexenartige Gestalt; sie ging uns um Almosen an; als wir sie näher betrachteten, fanden wir, daß ihr ganzes Gesicht mit kleinen Kreuzchen bemalt war. Sie versicherte uns, der Pfarrer hätte sie so gezeichnet; vermuthlich geschah dies, um die arme Frau vor dem Aberglauben des Volkes, welches in diesem Punkte in Dalmatien noch sehr zurück ist, zu schützen. Vielleicht ist dies Mütterchen der böse Geist, der in dem verfallenen, mit Epheu besponnenen Gebäude haust. Auf dem der Sonne ausgesetzten Castel war eine glühende, drückende Hitze. Doch erfreute uns der so lange entbehrte Anblick österreichischer Soldaten. Die Weißröcke nehmen sich halt überall gut aus, im tiefsten Süden wie im höchsten Norden. Wir besahen die einzelnen Theile der Befestigungen, welche unter Carl V. von spanischen Truppen gegen die Muselmänner gebaut wurden, nachdem der Kaiser das Städtchen Castelnuovo den Venezianern genommen hatte. Die vier Eckthürme sind von einer außerordentlichen Festigkeit. In dem einen derselben befindet sich eine sehr gut gebaute Cisterne; über dem Eingangsthore ist eine sehr schön ciselirte türkische Inschrift, welche von den Mohammedanern gesetzt wurde, als sie das Fort den Spaniern abgerungen hatten. Beim Eingange der Stadt befindet sich ein freier Raum, von welchem die Volkstradition erzählt, er sei für die oft vorkommenden Zweikämpfe zwischen Spaniern und Muselmännern bestimmt gewesen. Die Stadt ist ärmlich und klein, mit engen und steilen Gäßchen. Am Ende derselben, gegen das Meer, liegt abermals ein aus starken Quadern erbautes Fort, welches in türkischen Händen war; wir besuchten es ebenfalls. Auf allen diesen erhabenen Punkten genießt man der schönsten Aussicht. Die innere Stadt ist ebenfalls mit einer hohen Mauer umschlossen, durch die ein sehr steiles Eingangsthor führt. Ueber diesen abschüssigen, schlecht gepflasterten Thorweg soll einst ein Bey im gestreckten Laufe hinunter gesprengt sein, man findet es fast unglaublich; doch so unbehülflich ein Türke zu Fuße ist, so gewandt und keck ist er auf dem schuhartig beschlagenen Wüstenrosse. Man zeigt auch dem Reisenden eine roth bemalte Stelle der Stadtmauer, auf welcher die Moslemin die blutigen Köpfe der Christen dem schaudernden Volke wiesen. Wir verließen die Stadt, fast verschmachtend vor Hitze, und kehrten durch die kühlenden Haine bei sinkender Sonne an den Mauern des uns so lieb gewordenen Klosters vorbei, zum Lazareth zurück. Nun ging es sich gar lieblich im stillen, friedlichen Abend. Erde, Meer und Lüfte ruhten vom schaffenden Tagesleben aus; und so thaten auch wir. Wir kehrten auf unser Schiff zurück und stärkten unsere müden Körper durch das auf dem Verdecke aufgetragene Mittagsmahl. Nach Tisch verfingen wir uns in einen politischen Streit, welcher einen Theil der Gesellschaft noch bis gegen eilf Uhr wach erhielt. Des andern Tages in der Frühe setzte sich unser Dampfschiff wieder in Bewegung, um uns in die übrigen Theile der Bocche zu bringen. Kaum hat man die Bucht, in welchem sich Kloster und Lazareth befinden, aus dem Auge verloren, so öffnet sich ein neuer, vom Meere gebildeter See. An Schönheit wohl der geringste, aber dennoch lieblich und freundlich. Die Berge, die ihn umgeben, sind sanfter gewölbt, und sind Vegetation und Cultur üppiger; fruchtbare Olivenwälder und reiche Weingärten, in denen sich die heiteren Campagnen befinden, bedecken die sanft aufstrebenden Ufer. Dieser Theil trägt mehr das Bild einer naiven Landschaft; den Gegensatz dazu bildet die nächstkommende Bocche. Das Meer verengt sich zu einem mit hohen Felsen umgebenen Canal; die laue Luft wird kalt und fast beengend, man glaubt sich in ein Felsenlabyrinth ohne Ausweg verirrt zu haben. Plötzlich erweitert sich das schroffe Ufer und man befindet sich in einem stillen melancholischen Gewässer, welches einem abgelegenen Gebirgssee vergleichbar ist. Die kahlen, rauhen Felsen zeichnen sich wiederspiegelnd in den tiefen blauen Fluthen ab. Dem Eingang gegenüber hängt ein niedlicher Ort an der steinigen Wand. Auf diesem freundlichen Punkte ruht das Auge mit Wohlgefallen; er gleicht einem zierlich gebauten Neste, an ernster Kirchenwand. Auf dem blauen Spiegel ruhen zwei Inseln, auf welchen sich Kirchen befinden. Der sonntägige Glockenschall begrüßte uns mit christlichem Ernste; da wir auch eine Messe hören wollten, hielten wir mit dem Dampfer, setzten uns in ein Boot und steuerten diesem Orte, Namens Perasto, zu. Derselbe ist von den Venezianern erbaut und erinnert im Kleinen an einzelne Theile der Hauptstadt des kaufmännischen Volkes. Die Sitze der Nobili, zierlich erbaute Paläste mit Balkonen und maurisch gemischten Fenstern, wechseln im lieblichen Gewirre mit einer für diesen Ort sehr großen Anzahl schön erbauter Kirchen, zwischen welchen sich einige schlanke Cypressen erheben. Als wir an das Land stiegen, fanden wir eine ziemliche Menge Volkes am Quai versammelt. Einzelne unter ihnen zeichneten sich durch ihr schönes eigenthümliches Kostüme aus. Die Trachten in Dalmatien sind, wie überall im Süden, sehr mannigfach und originell. Als wir nach einer Messe fragten, verwies man uns auf eine spätere Zeit. Wir benützten daher die Gelegenheit, einen Besuch auf einer dieser Inseln zu machen, welche durch ihre Madonnenkirche berühmt ist. Das ganze kleine Eiland gleicht einer schönen Terrasse, auf welcher die mit einer Kuppel versehene Kirche im byzantinischen Styl ruht. – Ein Fischer fand der Legende nach das Madonnenbild auf einem kleinen unter der Terrasse befindlichen Felsen; nachdem durch dieses Bild einige Wunder geschehen waren, beschloß man, auf dem Gestein eine Kirche zu erbauen; da aber der Raum zu klein war, warfen die frommen Bürger von Perasto so lange Steine in das Meer, bis sich aus dem Grunde hervor die kleine Insel bildete, auf der sie nun die Kirche bauen konnten, welche in ihrem Innern mit sehr hübschen marmornen Altären geschmückt ist. Doch damit die Fluthen nicht wieder verschlingen, was mühselig zusammen geschleppt wurde, muß jeder Schiffsbesitzer sein mit Steinen gefülltes Fahrzeug bei der Insel in die Fluthen ausladen. Als wir nach Perasto zurückkehrten, kündigte man uns an, daß wir die Messe für heute versäumt hätten. Wir bestiegen wieder unseren Dampfer und fuhren gen Cattaro. Aus dieser felsigen, melancholischen Bocche kommt man in eine andere, an deren einem Ufer die schroffen Felswände bis Cattaro fortlaufen, während sich an dem andern eine der reizendsten Landschaften dem Auge darbietet. Welcher dieser Bocche der Vorzug gebührt, ist schwer zu entscheiden; unstreitig ist aber die letzte die belebteste, denn Haus an Haus steht längs dem Abhange, mit zierlichen Gärten umgeben, in denen Palmen mit Cypressen und Orangenbäume mit Granaten wechseln. Einen besonderen Eindruck macht die Cypresse, welche bei den so häufigen griechischen und katholischen Kirchen überall gen Himmel zeigt. – Die Häuser, welche im frischesten Grün liegen, deuten alle auf Wohlstand; sie gehören auch meist reichen Schiffskapitänen, deren Weiber zu Hause am Spinnrocken plaudern, während die Männer in den amerikanischen Gewässern mit den Wogen kämpfen. Neben manchen Gebäuden sieht man auch Schiffe, welche auf eine glückliche Zurückkunft deuten sollen, in kleinen, gerade für die Größe des Fahrzeugs passenden Docks liegen. Ganz am Ende dieser großen, langen und schönen Bocche liegt das Städtchen Cattaro an einer Felswand angelehnt, auf welcher sich in schwindelnder Höhe das Fort befindet. Neben demselben geht eine, von der österreichischen Regierung gebaute, sehr kunstreiche Straße nach Montenegro, die bestimmt ist, den Verkehr zu erleichtern; – die Montenegriner aber lassen sie unbetreten und ziehen es vor, die steilen Felsen hinunter zu klettern. Da Cattaro eine Festung ist, sieht man beim Ankommen nur wenig von der Stadt, die auf einen sehr engen Raum gebaut ist; man wäre fast geneigt, es für das Ende der Welt zu halten, so umgeben es die drohenden Felsenmassen. Wir ließen unser Fahrzeug auf einige Stunden halten. – Auf der Rhede waren mehrere Schiffe, unter andern der Dampfer Curtatone von der Kriegsmarine. Als wir gelandet hatten durchliefen wir die Stadt, welche außer einem hübschen, halb gothischen, halb byzantinischen Domportale und einigen im venezianischen Style erbauten Häusern nichts Bedeutendes aufzuweisen hat. Gegen vier Uhr kehrten wir auf dem Wege, den wir am Morgen gekommen waren, bei der herrlichsten Abendbeleuchtung zurück. Das Licht war gemildert und die Konturen zeigten sich schärfer. Die verschiedenen Gegenstände hatten noch den südlichen Anstrich, wenn gleich nicht in der Stärke und Wärme wie Griechenland. Dem felsigen Ufer, welches wir des Morgens unberücksichtigt gelassen hatten, nahten wir uns jetzt mehr und sahen, daß es große Naturreize aufweist, und an mehreren Orten mit den freundlichsten Dörfchen geschmückt ist. Abends ankerten wir wieder in der Bucht des Lazarethes. Das Gefühl, welches sich in uns beim Anblick der Bocche geregt hatte, war Staunen, daß man bei uns in der Heimat nicht mehr von dieser herrlichen Gegend wisse. Alles strömt nach Nizza, Florenz und andern halb südlichen Gegenden, während man nicht ahnt, daß man im eigenen Vaterlande so viel Schönes hat, welches allen Reiz der Vegetation vereinigt, und sich des herrlichsten, immer sanften Klima's erfreut. Die venezianischen Paläste stehen leer, sie verlangen nur um 800 bis 1000 Gulden gekauft, und dann bewohnt zu werden, um den Besitzern die herrlichsten Räumlichkeiten und lieblichsten Aussichten darzubieten; aber nein, man rast in die Ferne, läßt sein Geld in Massen unter fremden Völkern aufgehen, und begnügt sich mit einer schlechten Wohnung, nur um in der Fremde zu sein; fühlt sich glücklich weil man sich modern findet und seufzt über das uninteressante langweilige Vaterland. Freilich ist die Civilisation in diesen südlichen Gegenden von Oesterreich nicht sehr fortgeschritten. Entschließt sich aber einmal ein reicher, an Comfort gewöhnter Mann, seine Wohnung hier aufzuschlagen, so ist der Grund gelegt, und die Gescheidten werden sich glücklich fühlen, ein solches Paradies, wo Palme und Eiche brüderlich wachsen, ihr eigen nennen zu können.

Ragusa.

Während des frühsten Morgens, im besten Schlummer, fuhren wir in den Hafen von Gravosa ein, dem Hauptankerplatz der Stadt Ragusa. Als wir das Verdeck erstiegen, sahen wir uns von sehr lieblichen Ufern umgeben; sanfte begrünte Hügelketten schlingen sich um die tiefblaue Fluth, am Strande des Meeres erheben sich Villen im venezianischen Geschmacke, umgeben von Cypressen und andern südlichen Gewächsen. Man kann nicht sagen, daß die Gegend großartig imposant ist, aber sie ist sanft und lieblich. Den Anblick der Stadt Ragusa deckt die Höhe von Bella vista, wir mußten uns daher an dieser Gegend begnügen lassen, was übrigens für einen Freund der Natur, wie ich es bin, vollkommen lohnend war; der prachtvolle Morgen war blau, mild und wonnig. Erst gegen Mittag besuchten wir die Stadt. So sehr ich mich auf den Anblick dieses historisch interessanten Ortes freute, war ich doch recht froh, den Morgen in der würzigen frischen Luft, umgeben von der freundlichen Gegend, auf dem Verdecke zuzubringen; wie sehr ich auch auf Reisen dafür bin, jeden Augenblick zu benützen, um sich umzusehen und seine Kenntnisse zu bereichern, so ist es mir doch nicht unlieb, zuweilen einige Stunden unter angenehmen Eindrücken in Ruhe zu verleben; denn es muß dem Reisenden, der die Reise genießen will, die Möglichkeit werden, die erlebten Begebnisse an seinem Geiste vorbeiziehen zu lassen, und sie in sein Tagebuch aufzuzeichnen; nur durch solche Mittel prägen sich die gesehenen Gegenstände fürs Leben in das Gedächtniß ein, und wenn man lange wieder am heimischen Herde sitzt, so blühen dann lebhaft und frisch die Erinnerungen an das Erlebte auf. Ich machte es so, und arbeitete fleißig an meinem Tagebuch. Mein Bruder mußte leider diesen prächtigen Tag im Bette zubringen, da er sich in der Bocche di Cattaro an dem Abend, als wir Castelnuovo besahen, erkältet hatte. Dr. F. blieb den ersten Theil des Morgens bei ihm, später wanderte er mit K. über die Bella vista in die Stadt. Fürst J. und Baron K. waren schon seit dem Morgen dort, um sich die dem Lande eigenthümlichen Waffen zu kaufen und den, auf dem Schiffe in folge des ziemlich großen Verbrauches mangelnden Wein, durch sehr schlechten Dalmatiner zu ersetzen. Graf C. und ich blieben allein bei meinem Bruder. Der aufmerksame Dr. F. hatte kaum die Stadt besehen, so kehrte er wieder zurück und löste uns beim Kranken ab. Wir ruderten nun in einer kleinen Barke auch dem Lande zu, und setzten uns in eine Calesche, dem einzigen Wagen von Ragusa, um auf der vortrefflich gebauten, aber wie früher erwähnt, ziemlich unnützen Kaiserstraße die Hügelspitze Bella vista zu erreichen. Mit Recht führt der Punkt diesen wohlklingenden Namen, da dort oben das Meer dreimal dem entzückten Blick erscheint. Von dem Punkt aus stürzen rasch die Felsen in die See hinunter, welche brausend und schäumend gegen die braunen zackigen Massen tobt. Auf denselben wachsen hunderte von Aloën, welche das Gepräge des Südens erhöhen; zur Rechten sieht man den lieblichen Hafen von Gravosa, ein Bild des Frohsinns; zur Linken erscheinen die Kuppeln der Stadt, welche in einem kleinen Raume, am Fuße einer Anhöhe erbaut ist. Auf dieser stehen Villen an Villen mit den freundlichsten Gärten umgeben, deren Zierde Palmen, Lorbeeren, Granaten, Sensitiva's und andere südliche Gewächse sind. An der äußersten Spitze der Stadt ragt ein hoher Felsen aus dem Meere, auf welchem das Fort S. Pietro liegt. Der kahle Kamm der Anhöhe ist von dem Fort Napoleone (oder Fort imperial) gekrönt. Dies liebliche, durch das herrlichste Wetter hervorgehobene Bild erinnerte mich lebhaft an die Beschreibungen und Zeichnungen von Sicilien, während es von den griechischen Ansichten ganz verschieden war. Auf dieser hier ruhte der Stempel des grandiosen und doch lieblichen Italien, während die allgemeine Auffassung von Hellas schönen, melancholischen, sehnsüchtigen Ernst ausdrückt. Wir waren aus dem Wagen gestiegen und legten unsern Weg nach der Stadt zu Fuße zurück. Die Straße senkt sich ziemlich rasch, von Villen eingefaßt, zu den mächtigen venezianischen Stadtmauern hinab. Man machte uns aufmerksam, daß die Landhäuser durch eine Strecke leer und leblos aussehen; sie wurden 1805 von Russen und Montenegrinern vereint geplündert. Die Franzosen vertheidigten sich damals im Innern der Stadt. Da das Land arm und die Macht der Nobili gebrochen ist, diese aber, weil ihre Besitzungen Majorate sind, dieselben nicht verkaufen können, so sind die nackten Mauern der langsamen Zerstörung der Zeit ausgesetzt. Durch zwei schief hinter einander stehende massive Steinthore gelangten wir in eine breite, mit weißen Quadern gepflasterte Straße der innern Stadt. Wir glaubten nach Venedig versetzt zu sein. Gleich am Beginne steht das im byzantinisch-gothischen Style erbaute Kloster der Franziskaner; demselben folgt die schönste Reihe von Palästen der alten Nobili. Ragusa war im Kleinen eine Republik wie Venedig, von Adeligen beherrscht, an deren Spitze ein Doge stand, welcher jedoch alle Monate neu aus den Senatoren gewählt wurde. Während der kurzen Dauer seiner Würde durfte er die Räume des schön eingerichteten Dogenpalastes nicht verlassen; nur bei einer bestimmten Festlichkeit zeigte er einen seiner Füße außerhalb der Thüre; diese Freiheit ist für einen Präsidenten der Senatoren fast einem Gefängniß zu vergleichen; und doch riß sich jeder um die Würde. Damit aber keiner der Adeligen im Staate übermächtig werde, mußte ein Jeder seinen Besitz im Gebiete der Ragusanischen Republik an verschiedenen Theilen zerstreut haben. In der Blüthezeit französischer Herrschaft wurde dieses aristokratische Institut aufgehoben; mit den übrigen venezianischen Landen kam auch diese einst selbständige Stadt mit ihrem Gebiete an die österreichische Krone. Nun lebt nur mehr der Name der Nobili in deren Söhnen, die sich in den Prachtgebäuden ihrer Väter ärmlich erhalten. Der Glanz ist geschwunden, aber der Haß zwischen den einzelnen Parteien der Republik lebt noch in den machtlosen Enkeln fort. Wie sich alle inneren Feindseligkeiten ausgleichen, wenn es gilt, sich gegen eine dritte Macht zu vereinigen, so kokettirte im Jahre 1848 auch eine Partei in Ragusa mit dem aufrührerischen Venedig, mit dem die Stadt sonst in der größten Feindseligkeit lebte. Von der an Palästen reichen Straße ziehen sich schmale, finstere Gäßchen in die übrige Stadt, und selbst diese engen Verbindungen sind wieder durch schöne Paläste gebildet. Die breite Straße, deren gutem Pflaster man ansieht, daß es nie befahren wird, mündet auf den pittoresken Platz der Moneta. Auch hier kann sich das Auge an der schönen Architektur nicht satt sehen. Am bemerkenswerthesten ist das Münzgebäude, mit den leichten venezianischen Bogenfenstern; die Hauptwache und neben derselben ein schöner steinerner Brunnen, in dessen zierlich gearbeitete Becken leichte Springquellen das klarste und beste Wasser werfen; eine architektonisch schöne, wenn auch nicht große Kirche, dem heiligen Blasius, Schutzpatron von Ragusa, geweiht. Wir besuchten das Innere derselben, in welchem mir am meisten die Stellung der Orgel auffiel, da sie unmittelbar hinter dem Hochaltar an der Wand schwebt. Wir begaben uns dann auf die Piazza del duomo, auf welcher der Dogenpalast, das Miniaturbild des venezianischen und die Domkirche stehen; diese ist aus einem weißlichen Steine im römischen Style gebaut. Man führte uns in eine mit Goldzierrathen überfüllte Kapelle in der Nähe des mittleren Schiffes, in welcher sich eine unendliche Masse von Reliquien befinden, die durch Alter und geschmackvolle Fassung merkwürdig sind. Etwas unangenehm zu sehen war der ganze Körper eines Heiligen, dessen Hülle, mit Farbe und Wundmalen des Todes in Wachs bossirt gezeigt wird. Die Geistlichkeit schien jedoch den Leib dieses Heiligen besonders zu verehren. Mit Stolz zeigte man uns diese Sammlung und wirklich habe ich auch noch nie so viele heilige Reliquien auf einem Orte vereinigt gesehen. Unter den vielen sehenswerthen Dingen fiel mir eine goldene Kanne nebst Becken auf; in diesem befanden sich die Symbole des Meeres in dunklem Metall auf das zierlichste gearbeitet. Man sah Fische, Eidechsen, Krebse, Molche und dergleichen Gethier. Ein Geistlicher drückte mir sein Bedauern aus, daß die Maschinerie dieses Kunstwerkes verdorben sei, indem einst bei den Waschungen, in dem Augenblick als das Wasser auf das Becken traf, die Thierchen durch die Kraft des Wasserdruckes lieblich kreisten.

In der Perrückenzeit liebten die Geistlichen dergleichen bizarre Kunstschätze, und in vielen Klöstern findet man noch Gegenstände dieser Art. Von der Kirche gingen wir in den Dogenpalast. Zu ebener Erde läuft eine breite leichte Säulengallerie mit maurischen Bogen; einer der Pfeiler ist aus dem Aesculaptempel von Epidaurus – das heutige Ragusa vecchia, – sein Capitäl ist mit sinnigen haut-reliefs geziert, welche sich auf die Kunst des heilenden Halbgottes beziehen. Einst hatte der Palast einen zweiten Stock, welcher aber in dem furchtbaren Erdbeben 1760 einstürzte. Im inneren Hofraume führt eine freie, sehr schöne Arkadenstiege in den ersten Stock. Am Fuße derselben steht die hölzerne, leicht mit Blech überzogene Büste eines Bürgers der Republik, welcher derselben eine sehr große Summe vermachte. Für eine solche patriotische That ist ein jeder Staat immer außerordentlich dankbar. Die Pracht der innern Palast-Räume ist ganz verschwunden, und statt eines Dogen herrscht jetzt in denselben ein Bezirkshauptmann, bei welchem wir unsere übrigen Reisegefährten antrafen. Sie hatten keine besonderen Waffengeschäfte gemacht. Der Kreishauptmann führte uns auf eine am Gebäude befindliche Terrasse, von der man eine schöne Aussicht auf einige Paläste, das Meer und den kleinen Hafen der Stadt hat. Als wir den Herzogssitz verließen, gingen wir an dem schönen, aber ziemlich verfallenen Dominikaner-Kloster vorüber, aus der Stadt hinaus. Man wollte uns das am Meere befindliche Lazareth und den Türken-Bazar zeigen. Der letztere ist ganz das Gegentheil von dem in Smyrna; ein wüster, leerer Raum, auf welchem die Türken dreimal die Woche mit den Ragusanern Handel treiben. Zu meiner Freude sah ich einige Mohammedaner in ihrer schönen Tracht hier versammelt, die mich an mein liebes, schönes Smyrna erinnerten. In die Stadt zurückgekehrt, durchstreiften wir noch einige palastreiche Gassen und beschlossen unseren kurzen Aufenthalt in Ragusa mit einem Besuche im Franziskaner-Kloster, welches sich an der Stadtmauer befindet. In der Kirche sind einige schöne Marmor-Altäre. Das Interessanteste im Kloster ist jedoch ein Kreuzgang im reinsten Style gebaut, welcher an den Wänden des Hofraumes herum läuft, und auf dessen leichten byzantinischen Säulen eine breite Terrasse mit fein ciselirter Steinbalustrade ruht; sie dient den Mönchen zum Spaziergange. In der Mitte des Hofes erhebt sich ein mächtiger Orangenbaum. Der freundliche, äußerst wohlwollende Prior zeigte uns jeden einzelnen Theil des Klosters, worunter die neu errichtete Bibliothek von einiger Bedeutung ist. Beim Thore fanden wir wieder unsere kostbare Kalesche und kehrten mit dem Bezirkshauptmann über die Bella vista nach Gravosa zurück. Ragusa hatte mir mit seinen vielen historischen Erinnerungen einen sehr bedeutenden Eindruck gemacht. Die Lage ist so schön, das Klima mild und die Stadt überdieß an Gegenständen reich, die das kunstliebende Auge ergötzen. Der Bezirkshauptmann begleitete uns auf das Schiff, da er uns nach Tisch die berühmten Platanen von Canossa zeigen und des andern Morgens nach Curzola und Sabioncello begleiten wollte. Wir hätten uns gleich in Bewegung gesetzt, da die Maschine schon geheizt war, aber unser guter K. hatte sich so sehr in die Bibliotheken der Stadt vertieft, daß er erst spät, zwischen einem Franziskaner und Weltpriester, wie ein Sträfling am Ufer erschien und noch lange im Eifer des wissenschaftlichen Gespräches des Kahnes nicht achtete, welchen wir um ihn sandten. Als er sich endlich wieder an Bord einstellte, verließen wir Gravosa und steuerten zwischen den Inseln Callamota, Mezzo und Giupana nach Canossa, wo wir schon nach gesunkener Sonne ankamen. Der Bezirkshauptmann erzählte uns, daß man noch heut zu Tag auf der Insel Mezzo einen mantelartigen Ueberwurf Kaiser Carl's V. zeige: ein hoher Beamte dieser Gegend machte seine Aufwartung bei dem Kaiser, derselbe empfing ihn in der Eile in diesem Mantel und erlaubte dem Aufwartenden, sich eine Gnade auszubitten; da damals noch Bewunderung für die kaiserliche Person herrschte, bat sich der Beamte den weiß seidenen Mantel, der des Kaisers Schultern bedeckte, zum Geschenke aus. – Die nächstfolgende Insel St. André ist rauh und kahl; die einzigen Bewohner waren wenige Mönche in einem kleinen Kloster. Doch das Eiland ist durch eine rührende Geschichte, welche sich auf demselben zutrug, berühmt geworden. Ein junger Nobile, der sich in den Mauern des Klosters befand, wurde von einem Bauernmädchen, die das gegenüber am Festlande liegende Val di noce bewohnte, geliebt. Das Mädchen schwamm alle Abende über die weite Meerstrecke an einen Punkt, welchen ihr der junge Mönch durch ein Licht anzeigte. Die Brüder des Mädchens bekamen Kenntniß von diesem Verhältniß und eines Abends, da die Schwester den Geliebten besuchen wollte, eilten sie ihr in einem Kahne voraus. Als sie das Wasser von der Bewegung, die sie im Schwimmen machte, rauschen hörten, zündeten sie ein Licht an. Das Mädchen folgte dem leuchtenden Punkte und schwamm mit ängstlicher Hast auf denselben zu. Die wilden Brüder eilten jedoch immer weiter, die Schwester dem Lichte nach, bis sie endlich zum Tode ermattet, in die Fluthen versank. Sieht man die melancholische Gegend, das sanfte, blaue Meer, auf welchem sich die letzten Strahlen der scheidenden Sonne brechen, so macht diese traurige Geschichte einen tiefen Eindruck. –