Seine vorgänger hatten größere gehabt, einigen war sogar ein pferd gehalten worden; ihm gebühren nur noch späne und abfälle vom zimmerholz, die ihm auf der stadt kosten in seine behausung gefahren werden. Man verkauft sie und lost daraus jährlich etwa 60 pfund alt. Diess geld nimmt Endres Tuchers hausfrau in empfang, wie es alte sitte ist, daß die baumeisterin das einnimmt; der schaffer, der es einsammelt, erhält dafür von ihr zum neuen jahr ein geschenk, ein hemd oder dergleichen. Die trinkgelder, welche die werkleute den dienstboten des baumeisters geben, und die jährlich etwa 20 bis 24 pfund alt betragen, sammelt Endres in einer büchse. Diese gelder haben vor alters etliche baumeister selbst behalten; er behält nur die hälfte oder etwas darüber und vertheilt den rest unter die dienstboten. Von seinem theil aber muß seine hausfrau fische und wein bestellen und er lädt am weißen sonntag oder 8 tage danach drei bedienstete der stadt, die seinem amte am nächsten stehen, natürlich auch seinen getreuen schaffer darunter, zu sich, sagt ihnen, daß er rechnung abgelegt habe und gibt ihnen einen rechenwein.[22]
Ein eigenes capitel handelt von dem, »was ein baumeister in guter acht haben soll.«[23]
Er soll täglich bei den städtischen arbeiten ab und zu gehen und überall umschau halten, ob alles in ordnung vor sich gehe, denn diese unmittelbare überwachung fördert die arbeit; mindestens ein mal des jahres soll er die steinbrüche besuchen und sich durch eigenen augenschein von dem fortgang und gedeihen der arbeit überzeugen; eben so oft soll er die schlößer an allen stadtthoren untersuchen und mit baumöl schmieren laßen, daß es keinen aufenthalt gebe, wenn etwa plötzlich zur nachtzeit eines geöffnet werden müße; um Michaelis soll er jährlich alle waßerbauten, mauern und zäune besichtigen und noch bevor die kälte eintritt, die nöthigen reparaturen befehlen; er hat die pflicht von zeit zu zeit nachzusehen, ob alle vorkehrungen getroffen sind, die bei einem schnellen wachsen der Pegnitz sich als nothwendig ergeben haben; er soll oft um die stadt reiten und den zustand der ringmauern prüfen; auch zu den thürmen an der stadtmauer hat er die schlüßel und ist verbunden, sie außen und innen im stande zu halten und jeder etwaigen ausschreitung der thurner entgegenzutreten; aus den zwingern soll er im herbst allen unrath beseitigen laßen und anstalt treffen, daß im winter der schnee von den mauern weggeschaufelt werde; er soll auch dem pflaster seine aufmerksamkeit schenken und die reinigung der straßen nicht versäumen; wenn ein turnier am markt gehalten wird, so ist er es, dem die aufrichtung der schranken zusteht; nicht minder hat er die oberaufsicht über den stadtgraben, dessen gras den findelhäusern zur nutznießung gehört, und über die hirsche und rehe, die im graben hinter St. Katrein gehegt werden, denen der stadt waldhauer auf des baumeisters anordnung zu zeiten junge föhren in den graben wirft, »daran zu kiefen.«[24] Überhaupt hat er die sorge für die erhaltung der baulichkeiten der stadt, so auch für den schönen brunnen, der bei den volksfesten auf dem markte eine große anziehung auf die schaulustigen ausübt, die sich auf das gitter stellen wollen, um weitere umsicht zu genießen. Da jedoch der brunnen gefahr läuft, dadurch verdorben zu werden, so hat Endres das sinnreiche mittel erdacht, ein paar männer mit spritzen dort aufzustellen, die denn alle neugier zudringlicher mit einem kräftigen waßerstrahl erfolgreich abwehren.
Er hat ferner eine reihe von verpflichtungen gegen gewisse gewerbe und personen, die in diesem capitel alle ausführlich verzeichnet und ein neuer beweis für die bis ins kleinste ausgebildete ordnung sind, wodurch sich die organisation des nürnbergischen öffentlichen lebens auszeichnete.
Nachdem wir so den hauptinhalt des baumeisterbuches in kürze skizziert haben, wird noch einiges über den charakter dieser aufzeichnung beizufügen sein.
Wir haben schon oben angedeutet, daß an hundert stellen des buches uns die person des verfaßers entgegentritt, daß wir darin ein deutliches bild von der physiognomie der guten alten stadt erhalten. Mitten unter der trockenen, lang gedehnten verzeichnung der handwerker und ihrer pflichten, der arbeiter und ihrer löhne erscheint, gelegentlich hingeworfen, ein satz, der leben in die todte masse bringt, der unser interesse auch an der prosaischen umgebung, in der er auftritt, erhöht, um so mehr, als dieß kein künstliches experiment ist. Der wackere Endres Tucher hat wohl nie daran gedacht, daß sein werk jemals die schwelle des rathhauses oder der Peunt überschreiten werde. Es sind also keine schriftstellerischen manöver, denen wir da begegnen, sondern es ist die gesunde natürlichkeit des mannes, der wir diese reizenden einschiebsel zu verdanken haben. Er gibt darin sich und seine zeit ganz wie sie waren. Es war ein sparsamer mann, unser baumeister. Zu unnöthigen ausgaben entschließt er sich nie, dieß zeigt sich bei jeder gelegenheit, aber auch bei den unvermeidlichsten weiß er eine einrichtung zu treffen, durch die er der stadt ein paar groschen erspart. Wir erinnern uns, daß der rath vorsorglich die bewohner von Hersbruck und Lauf angieng, ihm vom steigen der Pegnitz sofort nachricht zu geben; der baumeister muß das ersuchen alle jahre um weihnachten erneuern; diesen brief schickt er jenen durch ihren bäcker hinaus, damit er keinen boten verlohnen muß und keine kosten verursacht.[25] Er scheut sich nicht, eines noch weiter als sparsamkeit gehenden verfahrens der viertelmeister erwähnung zu thun. Das gras in den zwingern ist für die findelhäuser bestimmt; aber die viertelmeister, denen die aufsicht über die zwinger zusteht, haben, erzählt er, zuweilen selbst kühe und brauchen die weide für sich, oder gönnen sie guten freunden vor der findel.[26] Mit derselben harmlosen gemüthsruhe verzeichnet er das benehmen des waldamtmannes bei dem verbot, eichenlaub zur stadt zu bringen, wovon früher die rede war. Aufgefordert, 20 pfund als strafe zu zahlen, erklärte Endres, daß er das keineswegs aus seinen mitteln bestreiten, sondern aus der losungsstube nehmen werde, dahin könne es der amtmann wieder zurückbringen. Als dieser hartnäckig auf seiner forderung stehen blieb, schickte Endres endlich die 20 pfund, von denen der amtmann 30 pfennige behielt und ihm das andere wieder zurückgab.[27] Ebenso naiv läßt er uns erkennen, wie wenig grund man hatte, sich vor dem raschen eingreifen einer hohen polizei zu fürchten. Eine anzahl unternehmender Handwerker vermuthet im vestnerberge einen schatz; sie beginnen danach zu graben und stoßen dabei auf unterirdische gänge, die von der burg herab nach verschiedenen puncten der stadt führen. Diese arbeit konnten sie sechs wochen lang betreiben, ohne daß dem rath etwas davon zu ohren kam. Endlich ward man davon in kenntnis gesetzt, Endres untersuchte den fall, man ließ die leute auf ihr ansuchen weiter graben, und da sie natürlich nichts fanden, hatte der rath noch die annehmlichkeit, die löcher, die sie da und dort geöffnet hatten, wieder verschütten zu laßen.[28]
Ein anderer passus charakterisiert nicht minder scharf die zustände der stadt in jener zeit. Ein gewisser Zeringer hatte an der steinernen brücke am neuen bau eine »marter« setzen laßen, der rath verbot ihm, daran noch ein Schild anzubringen. Er that es dennoch und da er auf wiederholte abmahnung der behörde sich nicht entschloß, dasselbe abzunehmen, fand man es eines tages mit brauner farbe überstrichen; »ob das der Zeringer befohlen, setzt Endres dieser erzählung bei, oder wer das gethan hat, das weiß gott wohl.«[29]
In seiner aufrichtigkeit verhehlt er auch nicht ein misgeschick, das ihn während seiner amtsführung getroffen. Er hat unter anderm das bohren der brunnröhren zu überwachen. Da kommt im jahre 1462 ein Jude her, des namens Josep von Ulm, der sich anheischig macht, auf der stadt kosten ein bohrzeug herstellen zu wollen, durch dessen hilfe ein mann in einem tage so viele röhren bohrt als sonst zwei gesellen in zwei oder drei tagen fertig bringen; wenn ihm der versuch mislingt, will er den schaden tragen; wenn er gut ausfällt, begehrt er, daß ihm ein ehrbarer rath das bürgerrecht schenke. Man geht darauf ein, Endres läßt umfaßende vorkehrungen treffen, ein gerüst errichten u. s. w.; als bereits 50 gulden dafür verausgabt waren, stirbt der Jude in Stuttgart und das werk bleibt in seinen anfängen wieder stehen.[30] Nicht minder aber weiß er die energie zu betonen, mit der er im nothfall die verordnungen des raths durchführt. Jeremias Holzschuher baute sich ein Haus hinter St. Egidien. Er brach deshalb etliche kleine häuser ab, die ihm im wege standen und erhielt die erlaubnis des rathes, um eine gerade linie herstellen zu können, unentgeltlich ein stückchen weit in den gemeindegrund herauszubauen. Aber er oder sein werkmeister versah es und fuhr weiter heraus, als der rath erlaubt hatte, was zu großen conflicten führte, in denen doch Endres standhaft alle nachgiebigkeit verweigerte.[31] Auch sonst berichtet er wohl einmal über die mühe, die er sich im interesse der humanität und seines dienstes gibt. Es waren bauern verpflichtet, die reinigung von gräben in der umgegend der stadt vorzunehmen. Im weigerungsfall sollten sie gepfändet und die reinigung auf ihre kosten vorgenommen werden. Aber obwohl es nie ohne weigerung von ihrer seite abging, so wuste er sie in der regel durch seine überredungskunst zum gehorsam zu bewegen, so daß es fast niemals bis zur execution kam.[32]
Der werth der aufzeichnung wird dadurch erhöht, daß sie dann und wann eine notiz über sitten und gebräuche der zeit und der stadt gibt. Eine der hübschesten stellen ist der bericht über die sulzfische, die Endres nach altem herkommen den werkmeistern und werkleuten der stadt am heiligen christabend sendet, deren bereitung, die unserem geschmack schlechterdings unbegreiflich ist, ausführlich geschildert wird. Eine auserwählte schaar derselben werkleute, der werkmeister, der maurer, der zimmermann und der schaffer erhalten außerdem am vorabend von St. Johannis tag zu sonnwenden auf der stadt kosten ein viertel guten meths und an St. Martins abend ein viertel guten Frankenweins. Endres selbst, der ersichtlich mit seinen leuten im besten einvernehmen steht, hat denselben zuweilen aus eigenem säckel zu St. Martins tag jedem eine gans und zu weihnachten einen weck geschickt, auch wohl zu Walpurgis jedem der nachtmeister einen kreuzkäse zukommen laßen.[33]