Ein andere stelle belehrt uns über die art und weise, in der gewisse amtliche ankündigungen proclamiert wurden. Jährlich ein mal muß der Fischbach gereinigt, also das waßer auf etliche tage abgesperrt werden. Dieß läßt der baumeister auf des raths geheiß am sonntag, vor die arbeit beginnt, in der St. Lorenzkirche von der kanzel herab durch einen büttel oder einen schreiber ausrufen, nach dem der segen gegeben ist und ehe man den weihbrunnen gibt, während der priester in der sacristei die heiligen gewänder ablegt; denn da ist das meiste volk in der kirche.[34]
Anderswo wird berichtet, daß eine arme dorfschaft, der das hochwaßer eine brücke weggerißen hat, die erlaubnis erhält, an gewissen tagen vor u. l. frauen kirche auf dem markt beiträge zur aufführung einer neuen sammeln zu laßen, und wieder an einer andern stelle, daß jungfrauen und »geisterinnen« im criminalgefängnis, im »loch« eine truhe stehen haben, in der sie kissen, laken, polster und anderes geräthe bewahren, das benützt wird, wenn man den gefangenen das leben absagt und ihnen die heiligen sacramente spendet, und daß ein »ewiges geld« zur erhaltung dieser sitte gestiftet ist.[35]
Sollen wir endlich noch die genauigkeit der aufzeichnung constatieren, so wird genügen, wenn wir als probe anführen, wie Endres sogar nöthig findet, zu notieren, daß er zu zeiten dem Ludwig Pfinzing, der stadt weiermeister, ein paar waßerstiefel aus der Peunt geliehen habe, aber sofort, um ja kein präjudiz für seine nachfolger zu bilden, beisetzt, daß er dazu keineswegs verpflichtet gewesen sei.[36]
Wenn wir uns nach den quellen umsehen, welche der bearbeitung des baumeisterbuches zu grunde liegen, so finden wir die schriftlichen bedeutend in der minderheit. Verträge, rathsverläße u. s. w. hat Endres Tucher ohne zweifel vorliegen gehabt, dann und wann weist er direct auf solche hin, namentlich im nachtrag ist eine reihe in den text aufgenommen; er hat auch die schrift eines vetters, Berthold Tucher über die gräben um die stadt, benutzt[37] und die bücher seines vorgängers im amte, Hans Graser durchgesehen.[38] Diese letzteren hat er freilich nicht in der besten ordnung gefunden, aber er gibt doch etliches daraus im auszug und gerade das ist für uns von der höchsten wichtigkeit, da es die unterschiede der preise, arbeitslöhne u. s. w. zu Grasers zeiten und etwa 20 jahre später in der klarsten weise darlegt. Die hauptquelle aber, die Endres Tucher seiner darstellung zu grunde legte, war die mündliche überlieferung. Und da hat er einen trefflichen dolmetscher zur seite gehabt an dem schaffer und anschicker auf der Peunt, Conrad Gürtler. Als Tucher das material zu seiner aufzeichnung zu sammeln begann, war Gürtler schon 27 jahre lang in seiner stelle und hatte vier baumeistern hinter einander verständig und treu gedient. Endres hat ihn aber auch fest ins herz geschloßen und unterläßt nie, seinen rath zu erholen und in zweifelhaften fällen seine ansicht gewißenhaft zu verzeichnen.
Um aber noch einmal auf die urkunden zurückzukommen, die Endres Tucher benutzt hat, so möchten wir nicht versäumen, zum troste neuerer forscher, die mit getäuschten hoffnungen ein archiv verlaßen, zu constatieren, daß auch dem städtischen baumeister zu Nürnberg im 15 jahrhundert diese schriftstellerische calamität nicht erspart war. Er berichtet mit großem kummer, daß er lange zeit nach einem vertrage gefahndet habe, aber die losunger hätten ihn nicht finden können und ihm gesagt, nachdem sie noch viele briefe hätten, die nicht registriert seien, so wüsten sie die verlangte urkunde nicht zu finden. Sie möge wohl auch unter den unregistrierten liegen.[39]
Nachdem wir uns so lange mit dem baumeisterbuche Endres Tuchers beschäftigt haben, bleibt uns noch übrig, einen blick auf die person des verfaßers zu werfen. Wir erhalten über ihn kurze auskunft in dem »Tucherbuch«, dem prachtvoll ausgestatten pergamentnen geschlechtsbuche der noch in Nürnberg blühenden familie der freiherrn von Tucher, dessen einsicht mit freundlichster liberalität gestattet wurde. Im anfage des 17 jahrhunderts angefertigt, liegen diesem geschlechtsbuch zum grösten theil die materialien zu grunde, welche dr. Christoph Scheurl, der berühmte Nürnberger gelehrte, und sammler für die familie zusammengestellt hatte. Über Endres wird bl. 51 folgendermaßen berichtet:
Herr Endres Tucher, der ander diß namens, Endressen Tuchers und Margaretha Baumbgartnerin sohn ward geborn den funften aprilis am andern ostertag und negsten tag nach Ambrosii [5 April] umb ein ur auf den tag anno 1423; Wilhelm Scheuhenpflug hueb ihn auß der tauff; hielt hochzeit mit junckfrawen Adelheit Gundlachin von Bamberg mittwoch nach deß hailigen creutz erfindungs tag 1446 [4 Mai], ward deß raths an stadt seines vaters brudern Bertholden Tuchers anno 1454, der vorderst alt genant und paumeister, beschrieb ein ordentlich, nutzlich buch von gemainer statt gebewen, von rath vnd ordnungen, das er einem erbern rath zuletzt schencket und heutiges tags in der peundt gebraucht wird, thailet mit seinen dreyen brüdern Bertholden, Hannßen und Sebalden donerstag nach Urbani 1462 [27 Mai], ubergab Bertholden und Hannßen, seinen brudern sein antheil an ihrem vaterlichen hauß und andern seinen guettern freytags nach Urbani 1476 [31 Mai] und ward mit bewilligung seines unfruchtbaren weibs ein convers bruder zu den cartheusern an s. Ambrosii tag 1476 [4 April], als er zwei und zwaintzig jar in rath gangen war, und ward Hannß Volckhaimer an sein statt baumeister. .. .. Er lebet im orden ain und dreißig jar, ward alt vier und achtzig jar und neun tag, starb den vierzehnten aprilis anno 1507 daselbsten (in s. Sebalds kirche) im chor vor dem hohen altar begraben.
Wir können noch hinzufügen, daß eine chronikalische aufzeichnung, welche von Endres vater herrührt, vorhanden ist und in dem 1 bande der Nürnberger chroniken gedruckt vorliegt, daß Endres selbst seit 1454 bis zu seinem rücktritt aus der welt alter genannter blieb, und seit 1459 ein jahr um das andere elector war, endlich daß er seine stelle als der stadt baumeister im jahr 1461 antrat. (Raths- und ämterbücher der genannten jahre im Nürnberger archiv.)
Sein bild in dem Tucherbuch, welches freilich kaum auf porträtähnlichkeit wird anspruch machen dürfen, in doch ganz in der weise aufgefaßt, wie wir ihn uns denken, nachdem wir sein buch gelesen haben. Ein ernster, wohlwollender mann steht er da vor uns, wie wir ihn auf jeder seite des baumeisterbuches finden.
Ich habe zum schluße noch wenige worte über meine bearbeitung zu sagen, die sich fast einzig auf topographische und die nöthigsten sachlichen erläuterungen beschränkt, und nur an ein paar stellen durch notizen aus dem Nürnberger k. archiv bereichert worden ist. Was die topographischen anmerkungen betrifft, so bin ich mir wohl bewust, daß sie an zahlreichen und nicht unbedeutenden mängeln leiden. Wenn die publication eine Nürnberger im eigentlichsten sinne des wortes wäre, so würde wohl eine reihe sehr eingehender untersuchungen in dieser richtung nothwendig gewesen sein, die unter den verhältnissen, unter denen diese edition erscheint, unterbleiben konnten und musten. Hier galt es nur, so viel zu erklären, als man mit den vorhandenen hilfsmitteln erklären konnte. Da hat sich freilich schnell und empfindlich genug gezeigt, wie sehr die topographie Nürnbergs noch im argen liegt. Das büchlein von Nopitsch (Wegweiser für fremde in Nürnberg. 1801) erwies sich noch immer als das brauchbarste, um so mehr, als der verfaßer es zu einer zeit niederschrieb, in der die alten bezeichnungen der straßen, häuser, höfe, etc. noch in aller mund waren, während sie täglich mehr den modernen namen, die man ihnen zu substituieren beliebte, weichen und so nach und nach ganz der vergeßenheit anheimzufallen drohen. Manche hilfe gewährte auch die kleine schrift: »Die noch vorhandenen abzeichen Nürnberger häuser von einem forscher in alten dingen.« Nürnberg 1855, die eine reiche menge von andeutungen gibt, die ich dankbar benuzte. Wenn der verfaßer dieses werkchens, der sich so lang und viel mit Nürnberger geschichte beschäftigt hat, sich nur angewöhnen wollte, seine behauptungen nicht immer lediglich in die luft zu stellen, sondern sich herbei ließe, sie durch citate zu stützen. Um wie viel verdienstlicher würde dadurch dieses schriftchen, das freilich nicht einmal das erfüllt, was es in seiner jetzigen gestalt verspricht, da es nicht die vollständigkeit aufzuweisen hat, die man doch wohl fordern darf. Man könnte dem verfaßer eine anzahl von häusern mit abzeichen und gerade in belebten straßen bezeichnen, die man in seinem buche vergebens gesucht hat.