Die dialektische Ausgestaltung der Wörter — die natürlich durchweg die süddeutsche, insbesondere schwäbische Eigenart an sich trägt[29], geht zuweilen so weit, daß die ursprüngliche Grundform nur noch schwer zu erkennen ist. So hat z. B. Klettert = Tisch nichts mit unserm Zeitwort „klettern“ zu tun, sondern ist nur eine schlechte Aussprache von Glättert = Glatthart, und Blatt (= blatt) pflanzen = im Freien übernachten gehört nicht etwa zu dem Subst. Blatt, sondern zum Adj. platt (vgl. auch baschen, Bommerling u. ä. statt [der sonst — im Rotw. usw. — vorherrschenden Formen] paschen, Pommerling; bugle und bukle = tragen, gril(l)isch u. kril(l)isch = protestantisch, Gluber u. Kluper = Uhr u. a. m.). Fast noch häufiger als die Konsonanten erscheinen die Vokale verändert. So finden sich z. B. neben den Formen Groenert, Groenikel, Ruedel, nuschig auch die breiteren: Groanert, Groanikel, Ruadel, nuaschig, neben Kunde, Rundling, Schund auch Konde, Rondling, Schond, und besonders beliebt erscheint der Wechsel zwischen den Buchstaben i und e. Man vergleiche: nobis und nobes, Patris und Patres, linzen und lenzen, link und lenk. Auch die Endung -ling ist demgemäß (wie Wittich auch in seiner „Einleitung“ selber betont hat) häufig zu -leng umgewandelt worden. Da hierbei indessen nur völlige Willkür (nicht irgendeine bestimmte Sprachregel) geherrscht zu haben scheint, so erübrigt es sich, die einzelnen Gruppen der nur auf -ling, nur auf -leng und der bald auf die eine, bald auf die andere Weise auslautenden Wörter genauer gegenüberzustellen[30]. Auch bei anderen Endungen von Hauptwörtern oder solchen von Zeitwörtern sind bald die Formen der Mundart, bald die der Schriftsprache, bald beide nebeneinander gewählt worden (vgl. z. B. Fehma = Hand, Hasa = Flöhe, Bolla u. Bolle = Kartoffeln, Buxa u. Buxe = Hose, Ulma u. Ulme = Leute, Schei u. Schein = Tag, Kollerin = Müllerin, aber Deislere = Wöchnerin, Stichlere = Schneiderin; fuchsa = erzeugen, fu(h)la od. schmelza = cacare, i. d. R. auch: achila od. kahla = essen; budera = begatten, kaspere = betrügen, schlummere = liegen, toberiche = rauchen; biken od. butten = essen, bosten od. pfichen = gehen; dagegen [in Zus.]: bohla, bohle und bohlen = fallen, pfladera [-re, -ren] = waschen, ruadla [-le, -len] = fahren usw.). Als eine spezifisch schwäbische Endung von Hauptwörtern dürfte wohl -ete (od. -ede) angesehen werden, die uns (nach Analogie etwa von Gäutschete = Schaukel zu gautschen = schaukeln [s. Fischer, Schwäb. W.-B. III, Sp, 109[31]]) z. B. in Buklete = Traglast, Dämpfete = Zigarre, Flösslete = Urin, Schmelzede = „Abweichung“ (Diarrhöe) und — auch an einen fremden (zigeun.) Stamm angehängt — in Fu(h)lete (= Schmelzede) entgegentritt[32]. Sehr beliebt erscheint auch die bekannte süddeutsche substantivische Verkleinerungsform -le[33]. Die gewöhnliche Adjektiv-Endung schreibt Wittich regelmäßig -ich, nur ausnahmsweise -ig (so z. B. neben grandich seltener auch grandig, neben muffich auch mufig); eine kleinere Gruppe dieser Wortgattung endigt auch auf -isch (so z. B. begerisch, biberisch, gril[l]isch, jenisch, wo[h]nisch, schmelemerisch).

Was sodann die zahlreichen Zusammensetzungen (bezw. Verbindungen) anbelangt, so dürften hierbei zunächst prinzipiell zwei Gruppen zu unterscheiden sein. Bei einer kleineren Kategorie dieser Fälle handelt es sich einfach um wörtliche Übersetzungen von Ausdrücken, die zum Teil auch im Deutschen schon etwas lang erscheinen, ins „Jenische“, und dabei mag den Verfasser eine gewisse philologische Freude an diesen Gebilden dazu verleitet haben, seinem Wörterbuche auch solche zungenbrecherischen Kompositionen wie z. B. Hornikelgielblättlingschottel (= Ochsenmaulsalatschüssel) einzuverleiben[34], die in der Praxis des täglichen Lebens doch kaum je in ihrer ganzen Fülle ausgesprochen zu werden pflegen. Wesentlich anders liegt dagegen die Sache bei der Mehrzahl der Zusammensetzungen oder Verbindungen, insofern sie nämlich als wirklich notwendige Umschreibungen für Begriffe eingestellt sind, für die es im Jenischen überhaupt keine selbständigen Wörter gibt, wobei übrigens der Vollständigkeit halber noch bemerkt werden muß, daß außer diesem Notbehelf auch noch mancherlei andere Mittel, das Fehlende zu ersetzen, Verwendung gefunden haben. So erscheinen z. B. nicht nur (wie ja nicht selten auch in unserer Gemeinsprache) Zeitwörter als Aushilfe für Substantive, sei es in Form des Infinitivs[35] oder von Partizipien[36], sondern es sind — nach Vorbildern im Rotwelsch[37] — auch Adjektive in gleicher Weise oder umgekehrt Hauptwörter für Eigenschaftswörter gebraucht worden[38], und endlich haben dann noch viele Substantive eine Verengerung vom Gattungsbegriffe zur Artbezeichnung erfahren. Namentlich kommt dies für im Jenischen nicht vorhandene Bezeichnungen einzelner Tiere und Pflanzen vor, so wenn Kib = Hund auch den Pudel bedeutet, Flössling (Schwimmerling oder Matsche) = Fisch auch den Karpfen oder Hering (argum. Flösslingschottel = Heringsbüchse), Flederling (od. Fläderling) = Vogel auch Elster, Kuckuk, Star und Taube, oder wenn Stöber = Baum auch für Birke, Buche, Eiche und Fichte gebraucht wird, Kupfer = Frucht, Getreide auch Heu, Klee, Häcksel und die meisten Getreidearten (wie Hafer, Roggen, Weizen) umfaßt usw.[39]. Auf die ganz ungeheure Ausdehnung, welche in Wittichs Jenisch besonders noch die Bezeichnungen Sore und — mehr noch — Schure (eigtl. wohl nur „Ware“, dann „Ding“, „Sache“) als Aushilfsmittel für alles Mögliche (z. B. nicht nur für leblose Gegenstände, sondern auch für abstrakte Begriffe, ja selbst für Tiere) erfahren haben, hat der Verf. in seiner „Einleitung“ ([S. 24]) selber ausdrücklich hingewiesen[40] (vgl. für die Einzelheiten, deren Aufzählung hier zu weit führen würde, m. Anmerkgn. zu den Wörtern „abbiegen“ und „Brücke“ im W.-B.). Da solche Begriffsverengerungen aber doch mehr oder weniger etwas Gewaltsames, Künstliches an sich haben, so erklärt es sich unschwer, daß man sie nicht ungern durch irgendeinen Zusatz doch häufig noch etwas näher gekennzeichnet oder m. a. W. eben jene Gruppe umschreibender Zusammensetzungen oder Verbindungen verwertet hat, von denen vorhin schon die Rede gewesen. So sind doch z. B. Schallerfleterling (d. h. „Singvogel“) für die Amsel oder den Kanarienvogel, grandicher Flederling (d. h. „großer Vogel“) für den Adler, oder Spronkert-Flössling (d. h. „Salzfisch“) für den Hering schon viel nähere Kennzeichnungen jener Tiere als das einfache Flederling und Flössling.

Hier ist nun die Stelle, wo noch etwas näher auf den Einfluß hinzuweisen ist, den — gerade bei dieser Art von umschreibenden Aushilfs- oder Ersatzbegriffen — die Zigeunersprache geübt hat. Wenn man z. B. Wittichs Glossar mit dem „deutsch-zigeunerischen Wörterbuch“ bei Liebich (Die Zigeuner usw. S. 171 ff.) vergleicht, wird man erstaunt sein, dort die allermeisten dieser Sprachgebilde — nur eben in zigeunerischer Form — wiederzufinden. Sehr zahlreich sind zunächst die Übereinstimmungen mit den — auch im Jenischen — durch Verbindungen von Substantiven und Eigenschaftswörtern umschriebenen Begriffen, wie z. B.: grandicher Kaffer (zig. bāro gādscho[41]), d. h. „großer Mann“ = Riese, grandicher Sins (zig. bāro rai), d. h. „großer Herr“ = Amtmann, Richter u. dergl. m.[42], grandich Babing od. Strohbutzer (zig. bāro pāpin), d. h. „große [od. größte] Gans“ = Schwan, grandiche Schrende (zig. bāri tattin od. isma), d. h. „große Stube“ = Saal, grandicher Kies (zig. bāro parr), d. h. „großer Stein“ = Felsen, grandicher Funk (zig. bāro jāk), d. h. „großes Feuer“ = Feuersbrunst[43]; oberkünftiger Giel (zig. pralduno mui), d. h. „oberes Maul“ = Gaumen, unterkünftiger Tritt (zig. telstuno pīro), d. h. „unterer Fuß“ = Fußsohle, näpfiger Schund (zig. danterpáskero tschikk), d. h. „beißender Dreck“ = Kalk, g’funktes Gib (zig. chadschēdo gīb), d. h.: „gebranntes Getreide“ = Malz, nobes dofer Glitschin (zig. tschi tschātschi glitin), d. h. „kein guter [rechter] Schlüssel“ = Dietrich und noch gar vieles andere, wofür hier auf das W.-B. selbst verwiesen werden muß[44]. Ebenso steht es mit derartigen jenischen Zusammensetzungen im e. S. (d. h. der in einem Wort geschriebenen Bildungen aus mehreren Substantiven u. dergl.), nur daß die Zigeuner auch hierbei regelmäßig die Form der lockereren Verbindung (u. zwar meist von Haupt- und Eigenschaftswörtern) kennen. Auch dafür nur einige Beispiele, die zugleich die charakteristische Denkweise der braunen Söhne des Ostens besonders ins Licht rücken: Schwächerlemamere (zig. tschutschĭnéngeri dai), d. h. „Brustmutter“ = Amme, Trittgriffling (zig. heréngĕro gus[ch]to), d. h. „Fußfinger“ = Zehe, Stöberschmaler (zig. rukkéskri mádschka), d. h. „Baumkatze“ = Eichhörnchen, Mufferhorboga (zig. nakkéskĕri gurumni), d. h. „nasige Kuh“ = Nashorn, Leile- oder Ratteflederling (zig. rattjakro tschirkŭlo), d. h. „Nachtvogel“ = Eule, Begerflederling (zig. muléskĕro tschirkŭlo), d. h. „Totenvogel“ = Käuzchen, Steineule, Schmuserfläderling (zig. rakkerpáskĕro tschirkŭlo), d. h. „der sprechende Vogel“ = Papagei[45], Koelegroenert (zig. bengeskĕri trab), d. h. „Teufelskraut“ = Unkraut, Begerkittle (zig. mūleskĕro kēr), d. h. „Totenhäuschen“ = Sarg, Bossertschei (zig. [auch], massĕlo diwes), d. h. „Fleischtag“ = Sonntag, Bäzamaschei (zig. jāringĕro diwes), d. h. „Eiertag“ = Karfreitag, Bäzemaweisling (zig. [u. a. auch] jāringĕro gurko), d. h. „Eiersonntag“ = Ostern usw.[46]

Man könnte nun geneigt sein, anzunehmen, daß Wittich, dem ja die Zigeunersprache ganz geläufig ist, einfach die zigeunerischen Umschreibungen ins „Jenische“ übersetzt habe. Allein dem steht die Tatsache entgegen, daß in vielen ähnlichen Fällen keine wörtliche Übereinstimmung, vielmehr nur eine gewisse Analogie zwischen „Jenisch“ und „Zigeunerisch“ besteht[47], ja in manchen sogar auch das nicht einmal, sei es, daß die Zigeuner ihre Umschreibung einem anderen Vorstellungskreise entnommen haben als die jenischen Leute[48] oder überhaupt für den betreffenden Begriff ein selbständiges kurzes Wort besitzen, während das im Jenischen nicht der Fall ist[49]. So muß man wohl vermuten, daß infolge des Verkehrs zwischen den Händlern, Hausierern usw. und den Zigeunern aus der Anschauungsweise der letzteren zwar ein sehr beträchtlicher Teil auch bei den ersteren eingedrungen ist, während dagegen ein — immerhin noch ganz stattlicher — Rest des Jenischen sich von diesem Einfluß frei gehalten hat.

Zum Schluß noch einige Bemerkungen über die Einrichtung meiner „Anmerkungen“ zu Wittichs „Deutsch-Jenischem Wörterbuch“. Was zunächst deren Reihenfolge betrifft, so habe ich dabei grundsätzlich die Methode beobachtet, daß jedesmal dort zu einer jenischen Vokabel die erforderlichen Erläuterungen gegeben wurden, wo diese zum ersten Mal auftritt, sei es nun für sich allein oder auch nur in einer Zusammensetzung mit anderen Wörtern, sodaß also z. B. unter „Apfelbaum“ = Bommerlingstöber — als der ersten Zusammensetzung mit Stöber = Baum — auch alles, was über Stöber zu bemerken, mitgeteilt worden[50], während andererseits unter der Zus. „Baumkatze“ = Stöberschmaler (und nicht erst unter „Katze“) die Vokabel Schmaler behandelt worden ist. In ganz derselben Weise wurde auch mit den Verbindungen verfahren. Gleich bei der ersten Vokabel des Wörterbuchs: Aas = mufiger Bossert od. Mass (d. h. eigtl. „stinkendes Fleisch“) sind daher z. B. auch mufig und sein Stammwort muffen = riechen (stinken) sowie Bossert od. Mass = Fleisch betrachtet und die weiteren Verbindungen und Zusammensetzungen damit aufgezählt worden[51], wogegen an allen anderen Stellen, wo diese Vokabeln noch wiederkehren, auf „Aas“ zurückverwiesen worden ist. Es liegt auf der Hand, daß hierdurch gerade zu Beginn des Glossars die Anmerkungen in Zahl und Umfang reichlich anschwellen mußten, während sie dann weiterhin geringer werden und gegen das Ende zu fast nur noch in Zurückverweisungen bestehen.

In den Anmerkungen habe ich außer der Übersicht über den jenischen Wortbestand (Stammwort und Ableitungen davon[52], Zusammensetzungen, Verbindungen und Redensarten damit) auch die etwa nachweisbaren Belege in den stammverwandten (rotwelschen oder sonstigen geheimsprachlichen) Quellen zusammengestellt. Dabei mußte indessen grundsätzlich eine gewisse Beschränkung — nämlich auf das schwäbische (bzw. badische) Sprachgebiet — platzgreifen. Es wurden demnach regelmäßig auf etwa vorhandene Parallelen hin geprüft: a) für das ältere Rotwelsch: der sog. „Dolmetscher der Gaunersprache“ (nach einer im Reg.-Archiv zu Sigmaringen befindlichen Handschrift aus dem 18. Jahrh. von Prof. H. Fischer in Tübingen abgedruckt in den „Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Altertumskunde in Hohenzollern“, Jahrg. 38 [1904/5], S. 89 ff.), zitiert: Dolm. der Gaunerspr.;

das Wörterbuch des Konstanzer Hans, 1791 (vgl. näh. Titel u. Abdr. bei Kluge, Rotw. I, S. 232 ff.), zitiert: W.-B. des Konst. Hans;

die rotwelschen Vokabeln in Schölls „Abriß des Jauner- und Bettelwesens in Schwaben“, 1793 (nach Kluge, a. a. O., S. 268 ff.), zitiert: Schöll;

das Pfullendorfer Jauner-Wörterbuch von 1820 (s. Titel u. Abdr. bei Kluge, S. 336 ff.), zitiert: Pfulld. J.-W.-B.;

b) für die Gauner- und Kundensprache der Gegenwart: