[143] Stammwort: kemere = kaufen; vgl. verkemere = verkaufen, handeln. Ableitungen: Kemerer = Käufer, Krämer (Zus.: a) mit K. vorne: Kemererskitt = Kauf- oder Krämerladen; b) mit K. hinten: Trabertkemerer = Pferdehändler, Groenikelkemerer = Schweinehändler), Verkemerer = Verkäufer, Handelsmann, fem. Verkemere = Handelsfrau (Zus. damit: Verkemerers-Benk oder -Fiesel = Handwerksbursche und Verkemeresmodel [sic] = Handelsmädchen [aber Verkemerskaffer = Handelsmann]). Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Pfulld. J.-W.-B. 337, 341 (kimmern = kaufen, verkimmern = anbieten). Häufigere Belege im sonstigen Rotwelsch seit dem Lib. Vagat (54, 55). S. Näh. darüber sowie über die (nicht ganz sichere) Etymologie in Groß’ Archiv, Bd. 42, S. 58 (u. Anm. 1), 59 (unter „Kümmerer“). Nur Hypothesen bei Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 832, nach welchen d. Ausdr. „kaum zu beurteilen“ ist. — Während verkümmeln = verkaufen (s. Schwäb. Händlerspr. in Pfedelb. [215]) wohl bloß eine Weiterbildung von verkümmern ist (s. auch Fischer, a. a. O., Sp. 123), sind dem Stamme nach davon zu sondern die Zeitw. kündigen = kaufen (s. z. B. ähnl. schon: Dolm. der Gaunerspr. 94 [künnigen]) und verkündigen = verkaufen (s. z. B. auch Schwäb. Gauner- u. Kundenspr. 77). Näh. hierüber im Archiv, a. a. O., S. 58, 59, Anm. 1; vgl. auch Fischer, a. a. O., Sp. 1204 vbd. mit Sp 1189 (unter „verkenne[n]“).

[144] S. abbiegen.

[145] S. abgeben.

[146] S. abbeißen.

[147] Fu(h)lkitt bedeutet (ebenso wie Schundkitt) wörtl etwa „Kothaus“, zu Kitt = Haus u. Fu(h)l = Dreck, Kot (Exkremente), Mist. Weitere Zusammensetzgn. damit sind noch: a) mit F. vorne: Fu(h)lnolle = Nachthafen; b) mit F. hinten: Flu(h)tefu(h)l = Schlamm. Ableitungen davon sind: das Subst. Fu(h)lete = „Abweichung“ (Diarrhöe) u. das Zeitw. fu(h)la = „austreten (schwer)“, d. h. cacare. Zu vergl. (aus dem verw. Quellenkr.): Schwäb. Händlerspr. (Lütz. [214]: fūle[n] = cacare, Fūl-kitt = Abtritt, Fūl-nolle = Nachttopf). Zur Etymologie (vom zigeun. fūl = Kot, Dünger u. dgl. [vgl. Einleitg. S. 29]), s. Fischer, Schwäb. W.-B. II, Spalte 1821 (unter „fūle[n]“) vbd. mit Pott II, S. 391/92, Liebich, S. 135, 190, 216, Miklosich, Beiträge I/II, S. 10 u. Denkschriften, Bd. 26, S. 238/239 (unter „khul“) u. Finck, S. 58. Bei Jühling, S. 220 (unter „Chen“) ist auch fuhlen (od fuhla) = „schwer austreten“ als zigeun. angeführt. — Kitt bedeutet Haus (Landhaus), ferner: Gebäude, Obdach, Wohnung, auch Käfig od. Stall (für Tiere). Das Dimin. Kittle ist angeführt für: Gartenhaus sowie für Arrest, Gefängnis, Haft oder Kerker; dazu: im Kittle = gefangen. Verbindungen mit Kitt sind: grandiche Kitt (d. h. „großes Haus“) = Hof u. dofe Kitt (d. h. „schönes Haus“ = Schloß (vgl. „Vorbemerkung“, [S. 19], [Anm. 49].) Sehr zahlreich sind die Zusammensetzungen, so a) mit Kitt voran: Kittkaffer = Hausherr, Kittpatris = Hausvater, Kittmoss = Hausfrau, Kittmamere = Hausmutter, Kittschenegler (fem. -ere) = Hausknecht (-magd), Kittkenluf od. -kib = Haushund, Kittglitschin = Hausschlüssel; b) mit Kitt hinten (außer den obigen drei Synon. für Abort) noch: Schenagelskitt = Arbeitshaus, Dercherkitt = Armenhaus, Bich- oder Lobekitt = Bank (d. h. Bankhaus; dazu: grandiche Lobekitt = „Münze“, d. h Münzwerkstätte, Syn.: Bichpflanzerskitt), Ruechekitt = Bauernhaus, Zschorkitt = Diebesherberge, Schlumerkitt = Herberge, Sinsekitt = Herren-(od. Herrschafts-)haus, Finkelkitt = Hexenhaus, Nille-, Ni(e)se- od. Nuschekitt od. Hegelkitt = Irrenhaus, Narrenhaus (vgl. auch „Tollhaus“), Kemererskitt = Kauf- od. Krämerladen, Nikel- od. Schnurrantekitt = Komödien- od. Schauspielhaus (Theater), Begerkitt = Krankenhaus (Siechenhaus, Spital) od. Leichenhaus (vgl. grandich Begerkitt = Hospital, Lanenger-Begerkitt [eigtl. „Soldaten-Krankenhaus“] = Lazarett), Bommer- od. Keifkitt = Leihhaus, Kaflerkitt = Metzgerhaus (vgl. grandiche Kaflerkitt = Schlachthaus), Gallach- oder Kolbekitt = Pfarrhaus (vgl. grandich Kolbekitt = Kloster [s. d. betr. Übereinstimmg. mit der Zigeunerspr.], Buzereikitt = Polizeiamt, Sturmkitt = Rathaus (s. Näh. unter dies. Wort), Klasskitt = Schießhaus, Plauderkitt = Schule (auch: Lehrerhaus), Blibelkitt = „Stundenhaus“ (d. h. „Versammlungshaus der Methodisten“), Patriskitt = Vaterhaus, Leilekitt = Wachthaus (wörtl. „Nachthaus“), Pfladerkitt = Waschhaus, Johlekitt = Weinhaus, Schofelkitt = Zuchthaus. Während in allen diesen Fällen Kitt mehr oder weniger die Bedeutg. von „Haus“ im gewöhnl. Sinne des Wortes hat, erscheint es etwas spezieller gebraucht in den Ausdrücken Gachne-, Stenzel- od. Stiererkitt = Hühnerhaus, Keiluf- od. Kibekitt, Hundehütte, Fläderlingskitt = Vogelbauer u. Luberkitt = Uhrgehäuse. Mit dem Dimin. Kittle sind gebildet: a) im Sinne von „kleines Haus, Häuschen“: α) am Anfang: Kittlekies = Backstein od. Dachziegel; β) am Ende: Ruchekittle = Bauernhäuschen(Spr.), Begerkittle (d. h.„Totenhäuschen“) = Sarg (s. d. betr. Übereinstimmg. mit d. Zigeun., vgl. schon „Vorbmrkg.“, [S. 18]); b) im Sinne von „Gefängnis“ u. dergl.: Kittlebuz = Gefangenwärter. Zu vergl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 89-93, 97, 98, 101 (Kitt = Haus u. kittlen = schlafen; ferner schon mehrere Zus. mit Kitt [Kitte], näml.: Sefle- od. Schund-Kitte = Abtritt, Prinzen Kitt = Amtshaus, Ruochen Kitt = Bauernhaus, Kocheme-Kitt = Diebesherberge, Sturmkitt = Rathaus u. Baiskitt = Wirtshaus; mit engerer Bedeutg. von K. noch: Flotschen-Kitt = Fischkasten); W.-B. des Konst. Hans 253-255, 257, 258 (Zus.: Ruoche-Kitt = Bauernhaus, T’schorr-Kitt = Diebesherberge, Gallacha-Kitt = Pfarrhaus, Sturm-Kitt = Rathaus, Baiserkitt = Wirtshaus, Schofelkitt = Zuchthaus); Schöll 272, 274 (die Kitteren = die Häuser u. Kitts = Herbergen [der „Stappler“]); Pfulld. J.-W.-B. 337, 338, 340, 342, 343, 345, 346 (Kitt = Aufenhaltsort, Haus [Bauernhaus]; Zus.: a) mit Kitt: Bäkerischkitt od. Bollerskitt = Krankenhaus, Kollachekitt = Pfarrhaus, Rauschkitt = Strohhaus, Baiserkitt = Wirtshaus, Schofelkitt = Zuchthaus; b) mit Kit[t]le: Schmelzkittle = Abtritt, Gleiskittle = Milchhaus); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 67, 69 (Kittchen = Arrest, Gefängnis, Kittchenbos = Arrestaufseher); Schwäb. Händlerspr. 479, 482, 488 (Kitt = Haus, Arrest, Kittle = Arrest, Drîfekitt = Arrest od. Zuchthaus, in U. [213]: Schmelzkitt [in Pfedelb. (213): Schmelzkittle] = Abtritt u. Derches- od. Mangkitt = Bettelhaus; in Lütz. [214]: Fūl-Kitt od. Schofel-Kitt = Abtritt [hier letzteres also in anderem Sinne gebraucht als sonst üblich!]). S. noch Pfälz. Händlerspr. 438 u. Metzer Jenisch 216 (Kittche = Gefängnis bezw. Arrest). Die Etymologie des Wortes (das schon im Rotwelsch des 17. Jahrh. auftritt [vgl. Schütze, S. 74, unter „Kittchen“]) ist noch nicht sicher festgestellt (vgl. Stumme, S. 19 sowie Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 426), jedoch erscheint es wohl immer noch besser, deutschen Ursprung zu vermuten (s. Näh. darüber bei Günther, Rotwelsch, S. 51 vbd. mit O. Weise in d. Zeitschr. des Allgem. Deutsch. Sprachvereins, Jahrg. XVI [1901], Sp. 328; vgl. auch Weber-Günther, S. 177, unter „Kittche“) als (wie neuerdings z. B. wieder Seiler, Lehnwort IV, S. 491 u. Anm. 1 in Übereinstimmg. mit A.-L. 558 befürwortet hat) es herzuleiten von dem jüdischen kissê = „Sitz, Sessel“, dessen Form und engere Bedeutung dagegen Bedenken erregen müssen.

[148] Der Ausdr. Schmelzkitt gehört zu dem Stamme schmelz- des Zeitworts schmelza = „austreten (schwer)“, d. h. cacare. Eine ähnl. Zus. damit ist auch Schmelznolle = Nachthafen. Ableitungen davon sind: die Subst. Schmelzer = After, Hinterer u. Schmelzede = „Abweichung“ (d. h. Diarrhöe). Nicht zu Schmelzer im obigen Sinne zu stellen, sondern unmittelbar von dem Zeitw. schmelzen abzuleiten ist die Zus. Buxenschmelzer = Feigling, die wörtlich dem gleichbed. südd. „Hosenscheißer“ (vgl. dazu Groß’ Archiv, Bd. 56, S. 183) entspricht. Zu vergl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 37 (schmelzen = Notdurft verrichten); Pfulld. J.-W.-B. 337 (Schmelzkitle od. Schmelzköhrle = Abtritt); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 66, 68, 74 schmelzen = cacare, Schmelzer = Podex, Schmelzgusch = Abtritt [vgl. betr. -gusch, wohl zu franz. coucher: Fischer, Schwäb. W.-B. III, Sp. 936)); Schwäb. Händlerspr. 479, 480, 485 (hat ebenfalls schmelzen, Schmelzer u. Schmelzgusch [od. -kanti, in U. (213): Schmelzkitt, in Pfedelb. (208): Schmelzkittle] in gleichem Sinne). Die Etymologie des Wortes ist zwar nicht ganz sicher, doch dürfte es kaum zu gewagt sein, darin nur eine Begriffsverengerung zu erblicken von unserem gemeinsprachl. schmelzen = „flüssig werdend zergehen“ od. vielmehr von dessen transit. Bedeutg. „schmelzen machen, in Fluß bringen“. S. Näh. bei Weigand, W.-B. II, Sp. 747. (bes. (für die Bedeutg. im Jenischen) zu beachten dort: altnord. melta = „verdauen“); vgl. ferner bei Grimm, D. W.-B. IX, Sp. 1025 (unter „schmelzen“, Nr. IV): ndl. smelten - „stercus liquidum egerere“.

[149] S. (betr. Schund) das Näh. schon unter „abgerahmte Milch“.

[150] Richtiger dürfte die Bedeutg. wohl durch „sich abschaffen“, volkstüml. für „sich abarbeiten“, wiederzugeben sein, da schenegeln = arbeiten ist; vgl. dazu als Gegensatz: nobis schenegla = faulenzen (eigtl. „nichts arbeiten“). Das Zeitw. stammt her von dem Subst. Schenagel = Arbeit (auch Beruf, Geschäft, Gewerbe). Weitere Ableitungen davon sind: das Subst. Schenegler = Arbeiter (Dienstbote, Dienstknecht, Gesinde, Knecht. Lohndiener), fem.: Scheneglere = Magd u. das Adj. scheneglich = fleißig. Mit den Hauptw. Schenagel u. (bes.) Schenegler sind mancherlei Zus. gebildet worden, so a) mit Schenagel: α) am Anfang: Schenagelskitt = Arbeitshaus, Schenagelsbich, -lobe od. -kies = Lohn (eigtl. „Arbeitsgeld“); β) am Ende: Griflingschenagel = Handarbeit, Leileschenagel = Nachtarbeit; b) mit Schenegler (nur am Ende u. bes. für Gewerbe od. Berufe beliebt): Stradeschenegler = Chausseearbeiter, Straßenarbeiter, Rutschenegler = Eisenbahnarbeiter, Glansertschenegler = Glaser, Kittschenegler = Hausknecht (fem.: -ere = Hausmagd), Bichschenegler = Münzarbeiter, Hitzlingschenegler = Ofensetzer, Trabertschenegler = Pferdeknecht, Jerusalemsfreundschenegler = Schäferknecht (zur Erklärg. s. d. Näh. unter „Hammel“). Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 89 (schinnageln = arbeiten); Schöll 271 (schönegle); Pfulld. J.-W.-B. 337-348 (schinepeln [sic] u. Schineplerei = Arbeit, aber [richtig] Schinegglerei = Handwerk; vgl. auch Schiankterei = Kanzlei; für: „Manobisch, schinegeln“ = „Faulenzer“ [339] ist wohl zu lesen: „[ma] nobisch schinegeln“ = „faulenzen“; vgl. noch Schineller[in] = [Bauern] Knecht [bzw. -Magd], Fuchsschineller = Goldarbeiter); Schwäb. Gaun. u. -Kundenspr. 66, 67 (schenägeln, Schenagel = Arbeit, Schenagelswinde = Arbeitshaus); Schwäb. Händlerspr. 479 (schenig[e]len oder [seltener] schineg[e]len [in Pfedelb. (208): auch schenegln], Schenachel = Arbeit, auch Handwerkszeug, vgl. dazu in Degg. [215]: de[n] Schenagel reiße[n] = arbeiten; in U. [214]: Schenal-penk u. -mŏs = Knecht u. Magd). Vgl. auch noch Pleißlen der Killertaler 416 (schenēge[n]), Pfälz. Händlerspr. 438 (Schineggel = Arbeit, schenigle = arbeiten) u. Metzer Jenisch 216 (schinnegle = arbeiten). Zur Etymologie (vom rotw. Schinagole = Schubkarren, Zus. vom Schin = hebr. schîn, dem Anfangsbuchstaben des Wortes „Schub“ und Agole = „Karren, Wagen“, vom gleichbed. hebr. agâlâ[h], jüd. agôlô) s. das Näh. in Groß’ Archiv, Bd. 46, S. 304 ff. vbd. mit Bd. 38, S. 22 (unter „Aglon“) u. 283 (unter „Schien“); vgl. auch Weber-Günther, S. 164 (unter „schenägeln“).

[151] Mit schnellen = schießen (auch knallen) sind noch zusammengesetzt: herab- und niederschnellen, ferner — als Substantivierung — Fläderlingschnellen = (das) Vogelschießen. Ableitungen: Schnelle oder Schneller = Büchse, Flinte, Gewehr (Schießgewehr), Pistole (dazu Schnellepflanzer = Büchsenmacher). Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 99, 101 (schnellen = schießen, geschnellt = geschossen, verschnellen = verschießen); W.-B. des Konst. Hans 255 (g’schnellt = geschossen); Pfulld. J.-W.-B. 344 (schnellen = schießen, als Subst. Schnellen = Schuß); Schwäb. Händlerspr. 485 (schnellen, in Lütz. [214]: Schneller = Gewehr). Zur Etymologie des (schon seit dem 17. Jahrh. im Rotw. auftretenden) Wortes s. A.-L. 602 vbd. mit Grimm, D. W.-B. IX, Sp. 1296 unter „schnellen“, Nr. I, 1, bes. lit. δ sowie Weigand, W.-B. II, Sp. 764, wonach schnellen, mhd. snellen (Ableitg. vom Adj. schnell) = „durch starken Widerdruck in hohem Grade sich fortbewegen machen“ besonders von Bogen und Pfeilen, dann auch von Kugeln gebräuchl. gewesen; vgl. auch Schneller u. a. = „die Vorrichtung zum Abdrücken am Schießgewehr“ (1691 bei Stieler).

[152] S. abbiegen.