»Ist es nicht eine Freude, zu sehen, wie er sich hier entwickelt. Da haben Sie wieder einem Menschen freie Entfaltungsmöglichkeit gegeben, einen Nährboden, wo er Wurzeln schlagen kann.«

Paul Seebeck antwortete nicht; Frau von Zeuthen sah ihn mit ihren großen, strahlenden Augen an und sagte:

»Sie stehen so sehr im Tagesbetriebe, müssen sich zu sehr mit widerwärtigen Kleinigkeiten herumschlagen. Hätten Sie etwas mehr Distanz – was Sie der Natur der Sache nach im Augenblicke nicht haben können – würden Sie sehen, wieviel Sie schon erreicht haben. Selbst in Nechlidows Überspanntheit liegt so viel Größe, die geweckt zu haben Ihr Verdienst ist.«

Paul Seebeck war aufgestanden und ging nervös im Zimmer auf und ab. Dann blieb er vor Frau von Zeuthen stehen:

»Es gibt Augenblicke«, sagte er, »wo ich meine, daß Nechlidow recht hat. Wenn ich aber dann an meinem Schreibtische sitze, meine Papiere heraussuche und mich frage, was ich denn hätte anders machen sollen, dann finde ich nichts. Es gibt so viele Gegenstände bei der Verwaltung eines Staates, die einfach in einer ganz bestimmten Weise und nicht anders erledigt werden müssen, ganz gleichgiltig, ob man konservativ oder liberal oder sonst etwas ist. Vom grünen Tische sehen manche Dinge eben ganz anders aus, als in der Praxis, und besonders für den, der die Verantwortung trägt.

Ich verstehe jetzt so gut eine Erscheinung, die mich früher so oft erstaunt hat: wenn in einem parlamentarisch regierten Lande die bisherige Oppositionspartei ans Ruder kommt und ihre bisherigen Führer Minister werden, erfolgt fast immer ein Bruch zwischen ihnen und ihrer eigenen Partei, die ihnen den Verrat an den Parteiprinzipien vorwirft. Die Sache liegt natürlich einfach so, daß unzählige Dinge – namentlich in der Verwaltung – mit Prinzipien gar nichts zu tun haben und ihrer Natur nach erledigt werden müssen. – Ich habe mir schon früher das gedacht, aber jetzt begreife ich es erst wirklich.

Hier kann man natürlich keine Grenze ziehen; es ist aber doch ein Unterschied, ob man überhaupt ein Ziel vor Augen hat, oder, auf ein paar bequeme Schlagwörter gestützt, alles ruhig fortwursteln läßt. In dieser Beziehung habe ich ein reines Gewissen.«

Paul Seebeck blieb stehn; er biß sich auf die Lippen und sagte:

»Wissen Sie, Gabriele, was ich mir selbst in jenen einsamen Stunden sage, wo man ehrlich gegen sich selbst ist? Ich will es Ihnen bekennen: wir schaffen hier nicht die realen Werte, die wir schaffen wollten, und unser ganzes Werk war vom ersten Augenblick an eine Unmöglichkeit. Das unendliche Leben läßt sich überhaupt nur in einem Sinne formen, und das ist in der Kunst, die immer einseitig und beschränkt und deshalb vollkommen ist. Silberland hat mich einmal einen Künstler genannt, und ich fühle, daß er recht hat, obwohl ich weder dichte noch male. Aber wie jeder schaffende Künstler hatte ich ein starres, unvollkommenes Material, in das ich den rauschenden Strom des Lebens zwängen wollte. Das waren die staatlichen Begriffe. – Wie hat doch Edgar Allan recht, und wie Nechlidow! – Aber statt zu sagen: als Künstler gebe ich eine ganz einseitige Stilisierung des Lebens, aber ich forme nimmermehr das Leben selbst, sagte ich: hier ist das Leben in seinen natürlichen Formen. Ich habe die unendliche Mannigfaltigkeit des Lebens unterschätzt und sehe, daß es an sich weder begreiflich noch faßbar ist, wenn man es eben nicht als Künstler einseitig stilisiert, und es in seinem Reichtum vorbeifluten läßt.

Und sehen Sie, Gabriele, dann sage ich mir: wir schufen hier nicht den Staat, und er wird nie geschaffen werden, wenn er sich nicht selbst aufbaut, wir schufen nur eine Fiktion des Staates, lassen die andern ein Theaterstück aufführen, dessen Autoren und Regisseure wir sind. Aber sie spielen nur so lange Theater, wie sie in unserem Bannkreise sind, nicht eine Minute länger! Dann gehen sie nach Hause und führen ein Leben, von dem wir nichts wissen, und das uns auch nicht interessiert.