Frau von Zeuthen schüttelte den Kopf:

»Diese Erklärung genügt mir nicht; sie verschleiert nur. Ich will mehr wissen.«

Herr de la Rouvière trat einen Schritt zurück und hob gleichzeitig die langen Arme:

»Gnädige Frau, Sie, die hoch oben stehen, wo wir niemals hinkommen können – können Sie nicht verstehen, daß wir uns nach der Höhe sehnen?«

Frau von Zeuthen setzte sich auf den Divan; ein Schleier legte sich über ihre Augen, aber sie sagte nichts. Herr de la Rouvière trat etwas näher und hielt sich an einer Stuhllehne fest.

»Verspottet oder bemitleidet habe ich mein Leben verbracht; niemand wollte mich als vollen Menschen anerkennen. Dann brachten Sie mich hierher, und hier fand ich zum ersten Male in meinem Leben ein Arbeitsfeld. Ich wurde ein Mensch unter Menschen. Ich dachte an Sie und wollte Ihnen Ehre machen, wollte Sie, die Unerreichbare, erreichen.«

Frau von Zeuthen senkte den Kopf; ihr Blick ruhte unbeweglich auf ihren beiden weißen Händen.

»Die Menschen kamen zu mir, und ich kam ihnen entgegen. Viele haben mich um Rat gefragt, und ich habe ihnen nach bestem Gewissen geantwortet. Ich genoß Vertrauen, aber ich habe es nicht mißbraucht. Ich wollte nur helfen, dem Einzelnen und der Gemeinschaft helfen. Die anderen aber haben mich mißverstanden; sie glaubten, ich wollte sie beherrschen. Und das wurde mir erst gestern klar.«

Frau von Zeuthen erhob sich:

»Ich kann Ihnen heute nicht antworten«, sagte sie, »ich muß Sie bitten, mich jetzt allein zu lassen.«