Seebeck zuckte die Achseln:

»Nicht gegen Sie, verehrter Herr von Hahnemann. Sie sind ja nur Werkzeug. Sie spielen in einer Komödie mit, glauben Regisseur zu sein und sind nur Puppe. Soll ich Ihnen sagen, weshalb ich gehen soll? Nicht, weil es hier schlecht geht, nicht weil ich meine Stellung mißbraucht habe, sondern weil alles gut geht, besser geht, als es sich die Herren dort in Berlin je träumen ließen. Weil wir mit unserer Arbeit vorwärts kommen. Wir haben hier etwas Brauchbares geschaffen, haben die Durchführbarkeit gewisser Utopieen erwiesen, und das ist der springende Punkt. Alles andere ist ja nur Vorwand. Einige kleine Schwierigkeiten, die die Durchführung einer großen Sache naturgemäß mit sich führt, die Nörgeleien und Quertreibereien irgendwelcher Personen, die gar nicht verstehen, worum es sich hier handelt, geben den bequemen Vorwand, um alles zu vernichten. Ein Reichskommissar aus Berlin hier, hier in meinem Werke! Nein mein Freund. Nehmen Sie Ihr Ding da mit und schämen Sie sich, bei einer so unwürdigen Komödie mitzuwirken. Erzählen Sie den Herren in Berlin, daß Paul Seebeck nicht für einen lausigen Orden sein Lebenswerk verkauft. Das Reichskommissariat lege ich nicht nieder.«

»Ich will – durchaus gegen meine Gewohnheit – die Spitze überhört haben, die meine Person betrifft, um die unerhörte Beschuldigung zurückzuweisen, die Sie gegen die Reichsregierung gerichtet haben. Sie fühlen sich in einer schwachen Position und sehen deshalb voll ungerechtfertigter Bitterkeit auf alle anderen. Überlegen Sie sich doch: die Reichsregierung hat Sie mit dem größten Wohlwollen behandelt; was soll die Regierung aber anders tun, als Ihnen in schonendster Form den Abschied nahezulegen, wenn sich die Mehrzahl Ihrer eigenen Bürger gegen Sie erklärt? Und mehr, wenn die Klage sich als berechtigt erweist? Sie selbst tragen allein Schuld an dieser Wendung der Dinge, jetzt müssen Sie auch die Konsequenzen ziehen. Legen Sie das Reichskommissariat nieder!«

»Ich tue es nicht!«

»Dann wird man Sie dazu zwingen!«

»Versuchen Sie es!« sagte Paul Seebeck und ging in sein Schlafzimmer, dessen Tür er hinter sich zuschlug.

Sobald die »Prinzessin Irene« mit Herrn von Hahnemann an Bord die Anker gelichtet hatte, berief Paul Seebeck die Vorsteher der Gemeinschaft zu sich und zwar die offiziellen Inhaber der Ämter, nicht ihre ständigen Stellvertreter. Das war auffällig, denn die ständigen Stellvertreter, wie zum Beispiele Herr de la Rouvière, pflegten sonst immer zu den Sitzungen zugezogen zu werden. Paul Seebeck schickte auch Fräulein Erhardt fort, die gewöhnlich bei den Sitzungen das Protokoll geführt hatte, und schloß aufs Sorgfältigste alle Türen und Fenster seines Arbeitszimmers. Seine Freunde sahen erstaunt seinem Tun zu; als er ihnen aber dann seine Unterredung mit Herrn von Hahnemann erzählt hatte, die schon drei Tage zurücklag, über die beide Teilnehmer aber bisher völliges Stillschweigen bewahrt hatten, begriffen sie ihn. Ein langes Schweigen folgte seinem Berichte.

Als erster ergriff Herr von Rochow das Wort:

»Man kann Nechlidow nicht einmal einen Vorwurf machen; er hat nur aus den reinsten Motiven heraus gehandelt, freilich ohne die Tragweite seines Vorgehens auch nur im Entferntesten zu übersehen.«