"Totila", nach gewonnenem Derby auf dem Wege zur Wage,
von Herrn Felix Boos geführt (Frühjahr 1902)

Die Rennen finden an drei meist aufeinander folgenden Tagen statt, denen sich dann oft noch ein vierter Tag, ein sogenannter "off day" anschließt, an dem alles geschlagene Material um von den hauptsächlich gewinnenden Ställen ausgesetzte Preise konkurriert. Die Regel des Tientsin Race Club schließen sich im allgemeinen den sogenannten Newmarket rules an, im besonderen in solchen Fällen, wo die Bestimmungen des Tientsin Race Club nicht ausreichen. Die Gewichte sind zehn stones für zwölf hands, für jeden Zoll mehr drei Pfund, für den letzten Zoll zu 14,3 hands (59 Zoll) gibt's fünf Pfund. Größere Ponies dürfen nicht laufen. Die Propositionen der einzelnen Rennen sind an der Hand von jahrzehntelangen Erfahrungen zusammengestellt und bieten nach Möglichkeit jedem einzelnen Pony eine Gewinnchance. Sämtliche Sieger konkurrieren am dritten Renntage zusammen in den Champion stakes, einem Rennen über 2000 Meter.

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Richter-Häuschen
1 General Soucillon, Commandeur de la brigade d'occupation française
2 General de Wogack (Rußland), Verteidiger Tientsins 1900

Das Training geht indessen weiter; man weiß schon naturgemäß von gewissen Ponies, daß sie außerordentlich gute Zeiten gezeigt haben. Einige halten ihre Ponies dunkel oder geben sich wenigstens Mühe, es zu tun, sie halten ihre Trials in der Dämmerstunde ab, und man erzählt sich, daß ein Übereifriger sogar bei Nacht seine Trials abmachte und, um das Passieren der Viertelmeilen-Pfähle zu markieren, an jedem der letzten einen Chinesen mit einer Laterne aufgestellt hatte, die beim Passieren des Points heruntergenommen wurde, um so den Anhalt für den die Sekundenuhr Haltenden zu geben. Sonst steht am letzten Viertelmeilenpfosten stets ein Chinese mit einer roten Flagge, die er herunter nimmt, wenn ein Pony im Canter passiert.

Eng verbunden mit dem Rennen sind große Lotterien. Zu diesem Zwecke liegen in den Clubs und öffentlichen Lokalen numerierte Listen der einzelnen Rennen mit verschiedenen Preisen der Lose aus; jede Nummer, hinter die man seinen Namen setzt, ist gleichsam ein Los. In gewöhnlichen Rennen kostet eine Zeichnung zwei oder drei Dollar, in der Champion-Lotterie 10 Dollar. Leider sind auch hier sehr viel mehr Nieten als Gewinne. Kurze Zeit vor den Rennen werden an drei aufeinanderfolgenden Tagen, entsprechend den Rennen der drei Tage, die Lotterien öffentlich im Tientsin-Klub gezogen, zu welcher Haupt- und Staatsaktion sich alles, "was so ein bißchen was ist", zusammenfindet, um zu gewinnen, zu verlieren oder um auch nur aus der Höhe der Angebote der Stall-Besitzer für die zur Versteigerung gestellten Gewinnlose zu ersehen, ob der Besitzer seinem Pony etwas zutraut oder nicht. Soviel Ponies in einem Rennen genannt sind, so viel Gewinnlose werden gezogen; diese werden hinterher versteigert. Der Ersteigerer muß die Summe, die er geboten, einmal an den Glücklichen zahlen, der das Los gezogen hat, und einmal der Rennkasse zuweisen. Er wird damit Besitzer des Loses. Besonders in der Champion-Lotterie versucht natürlich jeder Stall-Besitzer sich das auf seinen Stall gefallene Los zu ersteigern. Dabei kommen fast immer ganz anständige Summen in Umsatz. So war z. B. im Frühjahr 1902 4153 Dollar der Inhalt der Champion-Lotterie. Nach einem Abzug für die Rennkasse bekam 75% von dieser Summe der Besitzer des Loses, das die Nummer des gewinnenden Ponys zeigte, 25% gab es ebenso für den zweiten. Ich hatte mit einem andern Herrn zusammen den zweiten Pony, den ich notabene selbst ritt.

"Totila", 7j. — Frühjahr 1902 — Sieger im Northern Cup Tientsin Derby, 2. Champion stakes

Nun kommen die Renntage selbst, ein wahres Volksfest für die Bevölkerung; alle Läden schließen, jedes Geschäft, und sei es auch noch so dringend, wird aufgeschoben, die Rennen entschuldigen alles. Der schöne Rennplatz, dessen Tribüne und Richterhäuschen wiederhergestellt sind, nachdem sie von den Boxern 1900 gänzlich heruntergebrannt waren, prangt im Fahnenschmuck. Paddocks, Ställe und Toto usw. sind noch provisorisch, werden aber jetzt wohl, wo ich dieses schreibe, auch schon massiv hergestellt sein, denn die Mittel für die neuen Bauten waren schon seinerzeit sichergestellt. Der deutsche Klub hat sein eigenes Erfrischungszelt draußen, in dem auch er noch eine Privatlotterie für die Championstakes aufgelegt hat. Alles wandert zu Roß, Rad, Wagen oder zu Fuß, die Damen natürlich in großer Toilette, zum Rennplatz, deutsche, französische oder englische Militärmusik läßt ihre fröhlichen Weisen ertönen, kurzum, es ist genau so wie bei uns zu Hause, nur vielleicht mit dem Unterschiede, daß sich alles gegenseitig kennt.