Vormittags sind drei Rennen, dann gibt es Lunch oder vielmehr Tiffin im großen Saale der Haupttribüne, wonach die Rennen ihren weiteren Verlauf nehmen. Man muß sich zu dem Tiffin, an dem alles, was sich zur guten Gesellschaft rechnet, teilnimmt, vorher ein Billet kaufen. Das Saal-Innere bietet ein hübsches buntes Bild. An langen Tafeln mit numerierten Plätzen sowie auch an einzelnen kleinen Tischen sitzen die Damen in luftigen Toiletten, die Herren in hellen Sportanzügen, und dazwischen die Offiziere in Uniformen aller Länder. Dem nicht entsprechend ist gewöhnlich das Tiffin; man bekommt so gut wie nichts, wenn man nicht seinen eigenen Boy zur Bedienung mitbringt, und muß zufrieden sein, wenn man eine kalte Schüssel erreicht. An ein Aufstehen ist nicht zu denken, wenn man nicht einen Sturm der Entrüstung hervorrufen will, da alles sich gegenseitig fast auf dem Schoß sitzt, und um zu seinem Platz zu gelangen, muß man eine halsbrechende Kletterpartie unternehmen. Aber trotzdem herrscht angeregteste, heitere Stimmung, der selbst kein Eintrag geschieht, wenn inzwischen sich ein recht unangenehmer Staubsturm entwickelt. Ein Teil der Rennstall-Besitzer schlägt in reservierten Boxes der Ställe selbst Buffets auf, wozu kalte Küche und Getränke mitgebracht werden.

Die Preise der Rennen bestehen meist in Geldpreisen, zuweilen in Ehrenpreisen, die jedoch stets an den Besitzer des siegenden Tieres gehen.

Publikum auf dem Rennplatze an einem Renntage

An den kleineren Renntagen im Winter gab es regelmäßig ein sogenanntes "Ladies Nomination-Rennen". In diesem ritt man für eine vorher angegebene Dame der Gesellschaft, der von dem siegenden Reiter der Preis als Geschenk überreicht wurde. Ich hatte im Winter 1901/02 zweimal das Glück, auf diese Weise Damen einen silbernen Ehrenpreis zu Füßen legen zu können. — An diesen Renntagen wurden auch einige scherzhafte Rennen eingeschoben. So z. B. ein Hürdenrennen, bei dem man zum Schluß durch einen Schirm von Seidenpapier springen mußte, was nicht so einfach ist; ferner gab es sogenannte "leading races", in welchen man ein zweites Tier an der Hand mitnehmen mußte. Zuweilen führten auch die Kosaken ihre hübschen Reiterspiele auf. Auf dem Platze fehlen natürlich die Buchmacher nicht. Nach Schluß der Rennen sucht jeder so schnell als möglich nach Haus zu kommen — tout comme chez nous —, und den Abend und die ganze Nacht herrscht im Astor House (dem vornehmsten Hotel Tientsins) und den Klubs reges Leben; das gewonnene Geld muß eben untergebracht werden.

"Jakob", brauner australischer Wallach Frühjahr 1902 — den Tientsin Race Club Cup im Canter gewinnend

Ich hatte das Glück, im Frühjahrsmeeting 1902 mehrere Rennen mit Totila zu gewinnen, und war damit bis zu diesem Zeitpunkte der einzige deutsche Offizier, dem es seit unserer Ankunft in China geglückt ist, ein Rennen in den offiziellen Tientsiner Meetings zu gewinnen. Als Favorit ging ich mit Totila in das Hauptrennen, die Champion stakes, wurde aber leider von einem Pony, mit dem ich gar nicht gerechnet hatte, auf den zweiten Platz verwiesen. Für mich werden diese Ponyrennen stets eine der schönsten Erinnerungen in China sein. Wir deutschen Herrenreiter gingen zuerst mit einem etwas überlegenen Lächeln an die Rennen auf dem mongolischen Pony heran und sahen uns bei unserm ersten Auftreten fast stets auf die letzten Plätze verwiesen. Das Lächeln verschwand bald. Wir sahen ein, daß nicht zu scherzen war, daß diese Konkurrenzen zur peinlichsten Vorbereitung und zum schärfsten Kampf herausforderten und daß der gesamte, so außerordentlich intensive Training auf der in Jahrzehnten gemachten Erfahrung beruhte. Wir mußten vollkommen neu lernen, denn auch das Reiten des Tieres, und hier wieder besonders das Finishreiten, ist ein ganz anderes als beim Pferde. Das Reiten strengt auf dem Pony sehr viel mehr an, als auf dem großen Pferde, und es gehört dazu für den eigenen Körper ein ebenso scharfes Training wie für den Pony. Ich habe die letzten sechs Wochen vor dem Rennen überhaupt keinen Alkohol zu mir genommen, übrigens mich nebenbei niemals wohler gefühlt als in dieser Zeit. Sehr vieles Zufußgehen brachte den Lungen die genügende Arbeit. Mein Gewicht brauchte ich nicht herunterzubringen, denn ich war sowieso schon zu leicht und mußte dies meist durch Gewichte oder schweren Sattel ausgleichen. Mein Lehrmeister in allen das Pony-Training angehenden Sachen war Herr Felix Boos, dem ich nicht genug dankbar sein kann, denn ohne seine täglichen Ermahnungen und Ratschläge hätte ich niemals die oben erwähnten schönen Erfolge errungen. Schwer genug ist es Herrn Boos, glaube ich, manchmal gefallen, denn ich war nicht gerade der folgsamste Schüler, sondern hatte meist meine eigenen Ansichten, die ja nicht immer die richtigsten waren, was ich aber erst hinterher einsah. Wie manches Mal wollte ich den Pony nicht mehr besteigen, wenn mich unser bester chinesischer Reiter im Stall "Li-san" wieder einmal mit dem schlechteren Pony in der Arbeit im Finish um einen Kopf schlug, und ich hab's schließlich doch gelernt. Aber auch hier gilt das Sprichwort: "Aller Anfang ist schwer."