"Nickel", 13j. mongolischer Pony-Wallach, Sieger vieler Rennen

Neben dem von Engländern gegründeten und von der gesamten Fremden-Kolonie unterhaltenen Verein, dem "Tientsin Race Club", gab es noch einen "Deutschen Reiter-Verein", der jährlich an zwei oder drei Tagen Rennen abhielt, in denen es sich zum Teil um Rennen für große Pferde, zum Teil um Hindernisrennen für Ponies handelte. Also Hoppegarten und Karlshorst im Kleinen. Der Rennplatz des "Deutschen Reiter-Vereins" war nur ein provisorischer und lag innerhalb des von den deutschen Truppen besetzten Geländes. Diese Renntage trugen mehr einen intimen Charakter, da die hauptsächlichsten Konkurrenten aus deutschen Offizierställen kamen und nur vereinzelt fremde Uniformen oder der Dreß auftauchte. Es wurde hier lediglich um Ehrenpreise geritten, die Lotterien und der Totalisator fielen fort. Auch hier hatte ich das Glück, viele Erfolge zu haben. Besonders mein australischer Wallach "Jakob" wird noch in aller Erinnerung sein, der unter andern "Signorita", bis zu diesem Zeitpunkt Tientsins bestes Pferd, spielend schlug, ebenso der Fuchspony "Dr. H.", ferner "Flieger", "Nickel", "Teja" und andere mehr. Der gute Schimmelwallach Nickel (13 Jahre) hatte mir schon in Peking im ersten Jahre manch schönen Ehrenpreis eingebracht. Jetzt habe ich eine ganze Anzahl solcher Preise in Silber, Bronze und Cloisonné zusammen, schöne und liebe Andenken an den Rennsport in China von 1900 bis 1902.


Unter Hangen und Bangen verstrichen die Tage nach dem letzten Pekinger Ritt. Ich beantragte bei der Gesandtschaft einen Paß vom Wei-wu-pu — dem Auswärtigen Amte Chinas —, aber noch ging eine Woche der Ungewißheit hin. Endlich am 24. Dezember traf ich zufällig auf der Victoria Road, der Hauptverkehrsstraße, Herrn Major v. Falkenhayn, der mir im Vorbeireiten zurief: "Soeben ist Telegramm aus Berlin gekommen, Ihr Urlaub nach Zentralasien ist genehmigt." Das war für mich das schönste Weihnachtsgeschenk. Niemand war glücklicher als ich, da ich nun alle Schwierigkeiten überwunden glaubte. Ich bestellte sofort den Paß zur Reise durch Rußland im deutschen Konsulat, sah mich nach geeigneten Tieren für mich um und dachte an meine Ausrüstung. Doch noch manches unerwartete Hindernis stellte sich mir entgegen, ehe ich Tientsin endgültig verließ.

Am 27. Dezember wurde ich wieder einmal zur Brigade gerufen und erhielt die Mitteilung, daß mir der General infolge der politischen Lage in den Westprovinzen des Reiches nicht gestatten könne, meinen Urlaub anzutreten. Mein Gesuch um den chinesischen Reisepaß war auf der Gesandtschaft eingelaufen und auch an das chinesische Auswärtige Amt weitergegeben worden. Inzwischen waren vom englischen Generalkonsul aus Hankau telegraphische Nachrichten eingetroffen, daß die Provinzen Kansu und Schensi sich im Aufstande befänden, und zwar infolge erneuter Umtriebe des Generals Tung-fu-hsiang und des Prinzen Tuan, sowie daß die dortigen Missionare ihre Frauen zurückgezogen hätten und selbst bereit seien, jeden Moment die Flucht zur Küste anzutreten. Auf diese Nachricht hin schrieb der stellvertretende Gesandte, Legationsrat v. d. Goltz, an das Brigade-Kommando, wie er es unter solchen Umständen nicht für erwünscht halten könne, daß ein Offizier durch jene Provinzen ritte, und daß ich entweder einen andern Reiseweg wählen oder warten müsse, bis beruhigendere Nachrichten vorlägen. Das war ein recht harter Strich durch die Rechnung, aber ich gab die Hoffnung trotzdem nicht auf, da sich solche Alarmnachrichten meistenteils hinterher als weit übertrieben oder sogar als ganz falsch erwiesen hatten.

Wir hatten an diesem Tage den ersten Renntag des "Winter-Sport-Vereins", und es sollte mir zum letzten Male auf chinesischem Boden gelingen, eins meiner Tiere zum Siege zu steuern. "Peter" kanterte in einem 1200 Meter Flachrennen einfach dem ganzen Felde weg und gewann leicht wie er wollte. "Dr. H." wurde einmal dritter hinter einem totes Rennen laufenden Ponypaar und einmal zweiter. Das war wenigstens noch ein hübscher Abschluß, der meine etwas gesunkene Laune wieder hob.

In den nächsten Tagen machte ich mich daran, eine neue Reiseroute mit der sibirischen Eisenbahn zu studieren, aber ich hatte Glück, denn schon die Zeitungen brachten Dementis der Alarmnachrichten, und am 29. Dezember erhielt ich Nachricht, daß ein neues Schreiben seitens der Gesandtschaft eingelaufen sei, welches alle früheren Angaben als erfunden bezeichnete, daß die Provinzen Schensi und Kansu ruhig seien und daß somit meinem beabsichtigten Ritte nichts mehr im Wege stände. Auf Befragen blieb ich selbstredend bei meinen früheren Absichten bestehen und hatte nur noch die endgültige Genehmigung des Generals abzuwarten. Diese traf am 30. Dezember ein, und zugleich wurde mir mein chinesischer Reisepaß ausgehändigt. Ich stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als ich diesen endlich in Händen hatte, denn nun konnte ich wirklich fort. Es war aber auch höchste Zeit, denn ich hatte noch keinen Pony und mußte auch noch meine gesamte Ausrüstung zusammenstellen. Letztere war fast dieselbe wie im Herbst zum Ritt durch Schansi, nur einiges kam hinzu, wobei ich als wesentlichstes den Karabiner, photographischen Apparat und mehr Pelzsachen anführen will[1]. Dank der Liebenswürdigkeit und dem Entgegenkommen der Kameraden war ich bald im Besitz guter, erprobter Tiere, von denen sich später besonders der von Leutnant Brandt erstandene und nach ihm "Schorsch" getaufte Pony, der gute Dicke, besonders bewähren sollte. Es war ein Dunkelfuchs, 8 Jahr alt und 13 hands (52 Zoll) groß; als zweiten Pony nahm ich einen 13jährigen, 13,1 hands (53 Zoll) großen Dunkelbraunen, namens "Nepomuk" mit. Dieser war als Beißer und Schläger bekannt, hatte aber vier tadellose Beine und galt als sehr ausdauernd. "Schorsch" war ein gutes Gebrauchstier, sehr gutmütig, nicht schnell, hat mir aber von meinen drei Tieren, zu welchen eine edle 8jährige dunkelbraune australische Stute "Witwe Bolte" gehörte, die bei weitem besten Dienste geleistet.

[1] Die Gesamtausrüstung siehe [S. 78].