Kurz hinter Wönn An kam mir ein Mandarinkarren entgegen, und aus demselben sprangen zwei recht gut angezogene junge Chinesen, die mich mit deutschen Worten freundlichst begrüßten. Ich bekannte sofort, daß, ich Deutscher sei, zumal ich in meiner Nordpolfahrerausrüstung immerhin für alles andere gehalten werden konnte, als für einen Offizier. Die Freude war groß, ich mußte umdrehen, um der sehr liebenswürdigen Einladung in das Haus des einen nach Wönn An Folge zu leisten. Noch niemals bin ich von gänzlich unbekannten Chinesen mit einer derartigen Herzlichkeit aufgenommen und weiterhin behandelt worden. Man sieht also, daß der Umweg noch zu einem guten Ende führte.
Mein Mafu grinste, wahrscheinlich schadenfroh, ich weiß es aber nicht genau, da er bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit grinste. Jedenfalls glaubte er, infolge meiner so plötzlich umgeschlagenen Laune, nun auch seinerseits etwas dazu beitragen zu müssen, indem er das Pferdeputzen am andern Morgen durch einen verlängerten Schlaf ersetzte. Die beiden jungen Chinesen hatten in Peking Deutsch gelernt; natürlich mußten sie sich in mein unvermeidliches Fremdenbuch eintragen, was denn auch in deutscher Schrift, mit einem Riesenklecks als Beigabe, erfolgte. Ich wurde nun erst ordentlich abgefüttert, was mir sehr wohl tat; dann mußte ich die ganze Stadt unter ihrer Leitung besichtigen und wurde noch einigen Verwandten und Bekannten, alles sehr gut gestellte Kaufleute, vorgeführt. Den Abend verbrachte ich so in ganz angenehmer Gesellschaft; natürlich mußte ich alle Schreibstudien usw. ansehen und kann nur meine Hochachtung vor dem Fleiß der erst sechzehnjährigen Menschen ausdrücken.
Abmarsch von Tientsin
Am nächsten Morgen, den 7. Januar, nahm ich Abschied. Mein Mafu vergaß noch den Zeiß, wahrscheinlich in seinem Trennungsschmerz; Gott sei Dank wurde er mir im Galopp nachgebracht, es wäre doch ein sehr harter Verlust gewesen. In den nächsten Tagen marschierte ich nun über Jönn kiu, Sü-ning, Anping nach Tschönn ting fu. Ich nahm immer noch nicht mehr als 30 Kilometer täglich, da die Tiere infolge des ungewohnten harten Nachtlagers recht müde waren, auch war der gute dicke Pony, wie schon erwähnt, von der Witwe rechts hinten lahm geschlagen, so daß er uns etwas aufhielt. Viel zu erzählen ist aus den kleinen Löchern eigentlich nicht. Die Menschen waren überall dort, wo fremde Garnison gelegen hatte, und das war fast bei allen der Fall, geradezu ekelhaft zudringlich, wie es mir niemals früher in gleichem Maße begegnet ist. Sehr gut zog sich der Mandarin von Anping aus einer Affäre; er schickte mir, als ich kaum zehn Minuten im Orte war, ein ganz vorzügliches Diner, das ich dankend annahm. Der Mafu erwies sich nicht gerade als eine Perle besonderen Ranges. Pferdeputzen vermied er möglichst, nebenbei war es ihm ganz gleichgültig, ob die Pferde getränkt waren oder nicht, so daß man ihm dauernd auf die Finger sehen mußte. Außerdem sprach er ein Chinesisch, das mir reichlich unverständlich war, Kalganer Platt. Er war nicht nur schmierig, sondern auch feige; jeden Abend kam er untersuchen, ob ich auch die Mauserpistole unter das Kopfkissen gelegt habe.
Abmarsch von Tientsin
Am 8. und 9. Januar hatten wir Staubsturm, am 10. Januar fanden wir in Wu-die ein miserables Unterkommen. Das Volk ist hier ganz besonders frech; überall hörte man das Yang-quetze (fremder Teufel), und mehrfach wurde mit Steinen nach mir geworfen, bis ich mir einen der Hauptübeltäter herausgriff und ihn etwas unsanfte Bekanntschaft mit meiner Reitpeitsche machen ließ. Außerdem schickte ich zum Yamen und ließ dem Mandarin sagen, daß, falls ich nicht sofort Ruhe bekäme, ich mich direkt bei dem Vizekönig in Tientsin beschweren würde; das half, denn ich bekam einige Infanteristen als Posten und hatte von nun an Ruhe. Am 11. Januar kamen wir in Tschönn ting fu an und in demselben Gasthaus, wie im Oktober, unter. Ich wurde auch sofort wiedererkannt und freundlich bewillkommnet. Am Abend traf noch ein sehr hoher Mandarin, der nach Hsi Ngan Fu zog, mit unendlichem Troß ein. Die Diener spielten sich als Hauptstädter ganz besonders wichtig auf.
Am nächsten Morgen stellte sich Kavalleriebegleitung ein, die mir der Yamen gegen meinen Willen geschickt hatte. Die Leute benahmen sich sehr anständig und halfen mir, wo sie nur konnten. Ich kann auch den Kavalleristen, die ich fernerhin zur Begleitung bekam, nur dasselbe Zeugnis ausstellen; nie hat mich einer angebettelt, im Gegenteil, sie verweigerten sogar die Annahme von Essen oder Futter für ihre Pferde und waren stets ängstlich besorgt, daß ich ihnen auf die zur Rückkehr als Ausweis mitgegebene Visitenkarte etwas Anerkennendes schrieb.