Ich war dieses Mal auch in mehreren Kuriositätenläden und kann nur jedem Sammler zuraten, einen Ausflug nach Taiyuanfu zu machen; denn hauptsächlich in Jett, Bronze und Porzellan findet er hier eine Auswahl zu billigen Preisen, wie wir sie nur seiner Zeit im letzten Drittel des Jahres 1900 in Peking erlebt haben. Das waren damals noch schöne Zeiten für den Sammler, als man, ahnungslos vom wirklichen Wert, die vom klugen Chinesen sorgfältig zusammengestohlenen Sächelchen billig kaufte. Aber auch für den Briefmarkenfreund hat die chinesische Regierung liebevoll gesorgt. Da besteht ein nett eingerichtetes Postamt, auf dem man sein sämtliches Geschreibsel zu billigem Preise an einen vorzüglich Englisch sprechenden Chinesen zur Beförderung los werden kann. Sonst ist hier wenig Interessantes; daß die Tempel zusammenfallen, die Löwen oder Hunde vor denselben schon halb in die Erde versunken sind, ist ja eigentlich selbstverständlich in China. Erwähnenswert ist höchstens eine Waffenfabrik, die nach Kruppschen Modellen schlechte Gewehre und Kanonen fertigt. Ich möchte nicht unter der Bedienung desjenigen Geschützes stehen, das zum ersten Male scharf feuert; ich halte für sicher, daß infolge der glänzenden Wirkung auf die eigene Bedienung der Rest der Batterie auf ein weiteres Schießen verzichten wird, doch: ut desint vires tamen est laudanda voluntas.

Taiyuanfu. Drachenmauer aus Porzellan im Chang Chuang Miau (Großer Stadttempel)

Die Universität, in der ich so freundlich aufgenommen wurde, blüht und gedeiht; sie zählt jetzt schon 200 Studierende, gegen 45 im Oktober vorigen Jahres. Sie erfreut sich der Gunst des Gouverneurs, was viel, wenn nicht alles für eine derartige Anstalt bedeutet. Bemerken muß ich dabei, daß man den schlechten Sekt, den er zu seinen sonst opulenten Diners gibt, auch hier im Innern nicht schätzt; die Kopfschmerzen sollen von denen, die man von der gleichen Marke in Deutschland bekommt, nicht zu unterscheiden sein. Die Studenten machen in Jura, Chemie, Sprachen, Ingenieurwesen usw. ihre Studien, nebenbei treiben sie auch Sport; ich sah Fußball, Tennis usw. spielen. Die Hörsäle sind mit den modernsten Erzeugnissen ausgestattet, man sieht da unter anderm ein Lesezimmer mit einer sehr reichhaltigen Zeitungsauslage, ein chemisches Kabinett, ein naturwissenschaftliches und anderes mehr. Vorläufig sind die Studenten noch in einem gemieten Yamen, mit übrigens sehr schönen Räumen, untergebracht. Die Neubauten auf eigenem Grund und Boden sind schon im Gange und ihre Fertigstellung steht noch im Laufe dieses Jahres zu erwarten. Schlechte Beispiele verderben gute Sitten, so sagt man auch hier; denn, nachdem der Gouverneur Chau-fu in Tsing-tau die Schulen besichtigt und Prämien ausgeteilt hat, konnte der hiesige Gouverneur dies natürlich auch nicht unterlassen, sehr zum Leidwesen der Studenten. Selbstredend sind auch chinesische, fremder Sprachen mächtige Hilfslehrer vorhanden. Einer derselben beteiligte sich am Fußballspiel, ohne seinen kostbaren Pelz auszuziehen; natürlich trat er sich bald auf seinen langen Frack und fiel zum allgemeinen Gaudium lang hin; tout comme chez nous.

Von Tung-fu-hsiang und Tuan waren wiederum erneute Gerüchte, die sich mehr und mehr verdichteten, hierher gelangt; erster wirbt im weiten Umkreise um seinen jetzigen Standort Heichengtse in Kansu Rekruten. Er kauft Getreide und Tiere im Lande auf, und da es dabei mehrfach zu Tätlichkeiten zwischen seinen Parteigängern und der Bevölkerung gekommen ist, zog ich vor, ihm nach Süden zu auszuweichen und hierbei die Gelegenheit zu benutzen, mir Hsi Ngan Fu, die alte berühmte Kaiserstadt, anzusehen. Meine Pferde hatten sich in zwei Ruhetagen sichtlich erholt und waren frisch und munter.

Am 21. Januar früh nahm ich Abschied von der gastfreien Universität, um mich meinem neuen Reiseziele Hsi Ngan Fu zuzuwenden. Ich beabsichtigte, die Stadt in 18 Tagen zu erreichen. Drei Herren der Universität begleiteten mich zu Pferde noch bis zum Tor hinaus. Außerhalb desselben fand gerade eine Parade der gesamten Garnison statt. Diese sahen wir uns schnell noch an, dann verabschiedete ich mich auch von meinen Begleitern und zog auf den knietiefen staubigen Wegen weiter. Auch mir wäre ein Regen nicht unangenehm gewesen, das Land hatte denselben dringend notwendig. Der Staub überzieht bald alles grau in grau, man kann sich durch nichts vor ihm schützen. Die Sänftenträger der Kaiserin-Witwe, die hier vor einem Jahre entlang gezogen ist, sind nicht zu beneiden gewesen, wenn man bedenkt, daß jedem Versagenden ohne weiteres der Kopf heruntergeschlagen wird.

Infanterie im Marsch. Taiyuanfu

Beim Geldwechseln wurden mir eine Menge zu kleiner Cash in den Cashrollen gegeben; ich hatte es zuerst nicht gemerkt, erst später fiel es mir unangenehm auf, da kein Mensch das zu kleine Geld nehmen wollte. Das ganze Land ist hier von Kanälen durchzogen, die quadratisch angelegt sind; augenblicklich sind die meisten derselben völlig versandet, ebenso wie die hier überall vorhandenen Schleusen gänzlich vernachlässigt sind; wie es zur Zeit der Frühjahrsbestellung aussehen mag, weiß ich nicht, wahrscheinlich auch nicht anders. Die Kanäle werden vom Fönn-Ho gespeist, in dessen Tale wir jetzt entlang marschierten. Der Verkehr war nicht sehr stark, aus dem Süden kommende Karren zogen nach Kalgan mit Tabak, Fett in Behältern, die wie unsere großen Petroleumbehälter aussehen, außerdem noch Salz. Aus Norden wird Seife in großen Stücken gebracht; die Chinesen nennen es Seife, in Wirklichkeit ist es ein schwammartiger, weicher Stein, der in Formen gepreßt ist mit der Firmenmarke darauf.