In den Gasthäusern und auf den Straßen war das ausschließliche Interesse der Leute auf mein großes Pferd gerichtet, wo ich mich nur sehen ließ mit meiner Witwe Bolte, brüllte alles gleich: "meio jiba" (der Schwanz fehlt). Das gute Tier hatte nämlich eine kupierte Rübe, war also nach chinesischem Schönheitsbegriff vollkommen entstellt. Ach, wenn die gute Witwe einen langen Fasanenschweif gehabt hätte, dann hätte ich mich nicht täglich über die entsetzliche Freude der Chinesen über das "schwanzlose" Tier zu ärgern brauchen. Das ist eben Geschmacksache, wir Europäer lieben nun einmal kurze Schwänze beim Pferd, und deswegen gleich zu behaupten, das Tier hätte gar keinen Schwanz, war eigentlich unverschämt.

Chinesische Gebirgsartillerie in Taiyuanfu

Meine tägliche Speisekarte war meist höchst einfach. Leider bin ich selbst kein großer Koch, und mein Mafu Tsai war auch alles andere eher, als ein Kochkünstler. Heute z. B. war hier wieder einmal kein Fleisch aufzutreiben; es gab Hsiau-mi (Grütze) mit Zucker, dann fünf Eier, Brötchen und Tee; zum Nachtisch gabs gefrorene Kakis, die bekannten gelben Früchte. Mit meiner braven Stütze kämpfte ich einen täglichen Kampf um das allmorgendliche Pferdeputzen. Er meinte, es wäre nicht notwendig, ich meinte das Gegenteil, leider sah ich es schon kommen, daß ich bei der bekannten Dickfelligkeit des Chinesen in solchen Sachen doch noch unterliegen würde. Wahrhaft glänzend dagegen war sein Appetit zu nennen, um den ich ihn beneidete; seine allmorgendliche Rechnung für Essen betrug immer die Hälfte mehr als die meinige, obwohl er mich nicht beschwindelte.

Die nächsten Tage brachten keine Abwechslung; am 23. Januar morgens entließ ich meine beiden Kavalleristen aus Taiyuanfu. Sie waren sehr besorgt, daß ich ihnen auch etwas Gutes auf die als Ausweis mitgegebene chinesische Visitenkarte schrieb. Da sie sich in jeder Beziehung als nützlich und hülfreich erwiesen hatten, tat ich es auch gern. Der Druck der Stute war wieder derartig angelaufen, daß ich es vorzog, mir vom Yamen eine Karre geben zu lassen. Da sämtliches Gepäck, auch die Packtaschen der Pferde, auf die Karre gepackt wurden, ging die Reise jetzt sehr viel schneller vorwärts. Ich hatte auch wieder die alte Regel eingeführt, daß der Mafu zum Quartiermachen vorausgeschickt wurde; abends fand ich dann einen geheizten Kang vor, das Pferdefutter war eingekauft, und er hatte sich bereits erkundigt, was es zu essen gab.

Chinesischer Ehrenbogen in Schansi Ping yang schöng

Man sah schon viele gänzlich zerstörte Dörfer; denn der letzte Aufstand der mohammedanischen Chinesen hat seine Schrecknisse bis hierher getragen. Auch am 24. Januar gab es keine Abwechslung, höchstens wurde der Weg noch staubiger. Die in den Feldern verteilten Grabdenkmäler wurden ansehnlicher, teilweise waren es wunderhübsche Ehrenbogen. Die Gräber selbst sind meist von den alten Bäumen umstanden. Einmal begegneten wir einem Trupp Infanterie, der einen guten militärischen Eindruck machte, weniger gut sah die Bagage aus, auf der sich eine Menge faules Volk herumsielte. In Li-hsing-hsien, wo ich übernachtete, schickte mir der Yamen eine Wache über Nacht. Es geht hier wieder in die Berge.

Am 25. Januar fing es kurz nach dem Abmarsch an zu schneien. Man begreift es kaum, wie die Maultiere die schweren, mit Waren beladenen Karren die steilen Böschungen herauf bekommen. Allmählich färbte sich alles weiß; Paß folgte auf Paß, und man konnte hier beurteilen, welche Schwierigkeiten eine Expedition nach Hsi Ngan Fu im Frühjahr 1901 gehabt hätte. Alle paar hundert Schritte bieten sich Stellungen, die schon an sich natürliche Festungen sind und von geringen Kräften gegen eine Armee verteidigt werden könnten. Nebenbei hätte die Verpflegung größerer Truppenmengen in diesem Landstrich die größten Schwierigkeiten gemacht, und diejenigen, welche glaubten, daß nach Erstürmung der sogenannten Schansi-Pässe der Weg nach Hsi Ngan Fu frei lag, waren meiner Meinung nach stark im Irrtum. Die Schwierigkeiten hätten hinter Taiyuanfu erst recht begonnen. Das Schneetreiben wurde immer stärker, und als wir gegen 4 Uhr den letzten Paß hinter uns hatten, schickte ich den Mafu voraus. In den Hohlwegen blieb der Karren im hohen Schnee mehrfach stecken, die Dunkelheit brach herein, und die Tiere waren so müde, daß sie kaum noch vorwärts kommen konnten. Ich war daher sehr froh, als wir gegen 6 Uhr in Cho Hso Hsien anlangten, wo alles schon vorbereitet war. Die Gegend hier soll sehr unsicher sein; Räuberbanden trieben gerade zu jetziger Zeit ihr Unwesen und plünderten die Reisenden aus. Mir gab der Yamen daher zwei mit langen Spießen bewaffnete Infanteristen und fünf Kavalleristen mit. Wir hatten am 26. Januar kaum die Stadt verlassen, als uns laut schreiend ein Mann nachgelaufen kam, der behauptete, vom Yamen zu sein und in der unverschämtesten Weise Geld forderte. Ich verlangte den Ausweis von ihm, natürlich hatte er nichts, womit er sich ausweisen konnte, und mußte schließlich unter dem Gelächter meiner Begleiter und ohne Geld wieder abziehen.

Es schneite heute noch dichter als gestern, dabei hatten wir schärfsten Nordwind. Rechts war wieder der Fönn-Ho, der hier schon bedeutend breiter ist. Einmal lag in einem der schmalen Hohlwege ein krepierendes Maultier; die Karrenführer fuhren ihm rücksichtslos über die Beine, mich dauerte das arme Tier, und ich gab ihm den Gnadenschuß. Die Chinesen lachten natürlich und begriffen meine Handlungsweise nicht.