In Hung-tung-hsien, wo wir abends ankamen, war das Volk unhöflich und frech, so daß ich erst recht deutlich werden mußte. Die Leute drängten sich an mich heran und befühlten meine Sachen; das dauerte so lange, bis ich einem ordentlich über die Finger hieb, dann ließen sie mich in Ruhe. Der Mandarin ist ein Tientsiner, von mir nahm er gar keine Notiz. Wir standen dicht vor dem chinesischen Neujahr und die Kaufleute wollten schon nichts mehr verkaufen. Wie sollte das erst übermorgen am Neujahrstage werden!
Die Nacht zum 27. Januar kam mir recht kalt vor. Trotz der miserablen Wege hatten wir doch täglich meist zwischen 50 und 60 Kilometer gemacht. Da der Mafu auf dem Karren fuhr, wenn ich ihn nicht vorausschickte, konnten zwei von meinen Tieren immer geführt werden, daher waren ihnen die anstrengenden Tage sehr gut bekommen, sie sahen frisch aus und waren munter. Der Weg war auch fernerhin scheußlich, teilweise überschwemmt und mit einer dünnen Eisdecke bedeckt, durch welche die Tiere durchbrachen und sich die Fesseln verletzten.
Meinem Mafu hatte man die europäischen Handschuhe gestohlen; da der Chinese Handschuhe nicht kennt, mußte er von jetzt ab zur Strafe seiner Eitelkeit an den Fingern frieren; er hatte sich nämlich einen Rock mit kurzen Aermeln nach europäischer Sitte machen lassen. Ausserdem gaben ihm die Handschuhe stets ein höheres Ansehen vor seinen Landsleuten; er legte sie fast nie ab. Ich bekam auf dem ferneren Wege Zank mit meinem Fuhrknecht, der seine eigenen Wege fahren wollte; ich zwang ihn, auf der Hauptstraße zu bleiben. Natürlich gerieten wir in einen scheußlichen Sumpf; man muß eben die Chinesen machen lassen, was sie wollen. Ich beobachtete auch hier wieder, daß die meisten Leute quer über die Felder fuhren, der eigentliche Weg wurde fast nie benutzt.
Neujahrs-Glückszettel an allen Häusern zu Neujahr
Überall bereitete man sich auf Neujahr vor; die Bäcker backten Brot in Buddha- und Pagodenform, die Fenster wurden überall neu geklebt und fromme Sprüche auf rotem Papier an alle Pfosten, Ecksteine und Türen angemacht. Das Volk, besonders die Jugend, hielt Umzug mit Musik, teilweise in Verkleidungen, und überall wurden Böller und Flintenschüsse gelöst zur Vertreibung der bösen Geister.
Meine beiden Ponies waren am Abend weggelaufen; das Einfangen dauerte eine gute Stunde; hinterher gab es eine gehörige Tracht Prügel. Am 28. Januar morgens hatten wir wieder einmal 20 Grad Kälte, mit aufgehender Sonne aber wurde es ganz angenehm. Die Gasthäuser waren teilweise schon geschlossen. In einem Hohlwege blieben wir stecken; die zur Fahrtrichtung schräge Rampe war so glatt, daß der Karren bei jedem Versuch, an einem andern, ihm entgegenkommenden, vorbeizufahren, gegen diesen rutschte; es half nichts, wir mußten den Abhang abgraben. Auch das Reiten war infolge der schlüpfrigen Wege sehr unangenehm. Vor mir reiste ein Japaner, von dem mir in allen Dörfern erzählt wurde, daß er eine sehr große Exzellenz sei. Später in Hsi Ngan Fu stellte er sich als ein ganz kleiner Hülfslehrer an der dort neu zu errichtenden Hochschule heraus. Jedenfalls hatte er es gut verstanden, sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen. Wahrscheinlich befand er sich im Besitz einer sehr zahlreichen Bagage, was ihn in den Augen der Chinesen sofort zu einem großen Mann stempelte; denn auch hier gilt das Sprichwort: Kleider machen Leute.
Unser Karrenführer fuhr heute wie wild, so daß wir schon gegen 5 Uhr in Chu ma tscheng anlangten. Er wollte noch am Abend bei seiner Familie zurück sein. Wir mußten erst die ganze Stadt absuchen, ehe wir ein annehmbares Zimmer fanden; um 7 Uhr hatten die armen Pferde noch immer kein Futter. Die Chinesen rühren eben zu Neujahr keinen Finger für einen Fremden. Überall haben sie kleine Altäre aufgebaut, vor denen sie ihren Kotau machen und beten. Der Mandarin des Ortes, der jedenfalls dachte, daß für mich nichts zu bekommen wäre, schickte mir eine große Portion Hammelfleisch, die ich dankend annahm. Die ganze Nacht über ging das Geknatter des Feuerwerks zur Neujahrsfeier; ich kam kaum zum Schlafen. Morgens hatten wir 22 Grad Kälte; ich hatte vergessen, über Nacht meine Tinte einzupacken, die natürlich ausgefroren war, ebenso war mein Schwamm gleich einem Stein. Alles war heute geschlossen, man konnte nichts zum Frühstück bekommen, erst am Mittag wurde auf Klopfen hin geöffnet; die Chinesen waren heute faul und müde, da sie die ganze Nacht nicht geschlafen hatten; der Fuhrmann schlief auch unterwegs mehrfach ein, was sich jedesmal dadurch bemerkbar machte, daß die Karre stehen blieb.
Um vier Uhr nachmittags waren wir in Wönn Hsi Hsien, dessen Yamenbeamter seit drei Tagen aus Tientsin hier angelangt war. Liebenswürdigerweise schickte er mir Holz, Kohlen, Licht und ein sehr gutes Essen. Am Abend war wieder dasselbe Geknalle und Feuerwerk wie gestern. Reisende oder sonstige Karren kamen nicht an. Ich hatte mir ein Kohlenbecken zum Heizen ins Zimmer stellen lassen, bekam aber, als ich mich hinlegte, infolge der sich entwickelnden Kohlenoxydgase solches Herzklopfen, daß ich es wieder hinaustun mußte. In der Stadt wurden am 30. Januar morgens wenigstens Fleisch und die weichen, weißen, runden Brötchen verkauft, sonst blieb auch heute alles noch geschlossen, und nur ab und zu sah man eine halb geöffnete Tür. Wir hatten morgens bei ungefähr 10 Grad Kälte wundervolle klare Luft, so daß man im Osten die schwach bewaldeten Berge und dahinter die hohen schneebedeckten Bergkuppen sehr gut erkennen konnte; bald jedoch verschwanden sie wieder im Dunst. Die Leute bewegten sich in Feiertagskleidern auf der Straße, überall wurde öffentlich Karten gespielt, die Tai-tais (Frauen) hielten großen Klatsch ab. Der Tag blieb auch weiterhin schön. Im Gasthause, in dem wir Mittagsrast machten, mußte ich unsern Karrenführer anborgen, da kein Mensch Silber wechseln konnte. Uns angeschlossen hatte sich ein Mann, der Steuern nach Pu tschau fu brachte. Meinem Mafu hatte er gesagt, die Gegend wäre sehr unsicher und ich möchte doch mein großes Gewehr, das ich verpackt hatte, herausnehmen, damit die Leute es sähen. Ich glaube, er war sehr froh, seiner eigenen Sicherheit halber mit uns reisen zu können. Über Mittag tauten die Wege auf und befanden sich schließlich in einem ganz unbeschreiblichen Zustande. Gegen 4 Uhr langten wir in Pe-chau-hsien an, wo sich alsbald ein Yamenbeamter einstellte, der mir irgend etwas begreiflich machen wollte, was ich nicht verstand, da er Südchinesisch sprach. Schließlich kam mein Mafu dazu, und nachdem sich dieser mit dem Beamten verständlich gemacht hatte, verwandelte sich die Angelegenheit in ein Diner.