In Tung kwan, wo wir Mittagsrast machten, schickte der Yamen, der von meiner Anwesenheit jedenfalls gehört hatte, unaufgefordert ein Diner; also schien mein Mafu auch früher nicht darum gebettelt zu haben. Auf der Straße herrschte überall noch Festtrubel. Beim Verlassen der Stadt hatte ich den für China ziemlich überraschenden Anblick einer Rauferei, zu der Hasardspiel die Ursache gewesen war. Wir sind übrigens in die Provinz Schensi eingetreten; überall wird viel Reis gebaut.
Für einen Jäger wäre hier eine schöne Ausflugsgelegenheit, besonders Federwild ist recht zahlreich; ich sah zum Beispiel heute Wildgänse, rostbraune große Enten in Menge, Bussarde, Falken, wilde Tauben, Elstern, ganz schwarze Krähen, solche mit weißem Halsring, Mandelkrähen, Dohlen, Störche, Fischreiher, Spechte, Paradiesvögel und eine Menge kleine Vögel; dann noch einen großen rötlichen Vogel, der aufgebäumt war und, als ich ihm mit der Mauserpistole eins aufbrennen wollte, mit mißtönendem Geschrei langsam abstrich, ich kenne seinen Namen nicht. Alle diese Tiere, deren Mannigfaltigkeit der Arten ich tatsächlich nicht übertreibe, sind lächerlich vertraut; es scheint sie außer mir hier kein Mensch mit dem Schießprügel zu ängstigen. In den Bergen haust der Wolf und der Leopard, ob in ebensolchen Mengen, habe ich nicht feststellen können; mir haben es nur die Leute erzählt, ich hoffe es im Interesse derselben nicht. Da ich mir meine wenigen Patronen für später sparen wollte, unternahm ich noch nichts; Hasen sah ich überhaupt noch nicht, bei Tung kwan einmal einen Fuchs. Bei Pu tschau fu fand ich Trappen oder Bastarde, die hier vorkommen sollen.
Mittagessen in Tung kwan
Am 2. Februar abends in Chuarry miau angekommen, besah ich mir am nächsten Morgen einen schönen alten Stadttempel, in dem als besondere Sehenswürdigkeit eine ungefähr acht Meter lange, aus einem Stück geschnittene Schwarzsteintafel mit Fuß und Kopf gezeigt wird; leider ist sie durch scheußlich häßliche daran geklebte Zettel vollkommen entstellt. Sie erzählt von den Heldentaten des Kaisers Kien-lung. Beim Weitermarsch freute ich mich auf der Straße über die Menge von hübsch angeputzten, auf Eseln reitenden Frauen, bis ich erfuhr, daß es nicht Tai-tais, sondern von Kunstreisen über Neujahr zurückkehrende Damen der Halbwelt seien. Mittagsrast machten wir in einem kleinen Nest, in dessen Tempel oder vielmehr davor viele Hunderte von Menschen, besonders Weiber, um ein gesegnetes neues Jahr beteten; es war das reine Volksfest. Später, auf dem Rückwege, konnte man manchmal bis vier Menschen auf einem Ochsen oder Maultier reiten sehen.
Eine hübsche Chinesin
Wir trafen auf dem weiteren Wege einen Reiter auf einem bildhübschen Schimmel; der Chinese hatte sofort erkannt, daß mir das Tier gefiel, und bot es mir für 150 Taels zum Kaufe an. Er behauptete, sein Pferd sei das schnellste in der ganzen Gegend; ich meinte dagegen, meine große Stute sei schneller, er wollte sofort um 50 Taels wetten. Ich überlegte schon, ob ich nicht auf die Wette eingehen sollte, als mein Mafu hinter mir sagte: "Herr, laß dir erst das Geld vorzeigen." Natürlich hatte der Kerl keinen Pfennig, machte dumme Ausreden und drückte sich baldigst.
Die Felder wurden in dieser Gegend schon grün, und wir hatten eine angenehme, warme Frühlingsluft. Nachmittags waren wir in Chua Dscho, wo das Unterkommen wieder einmal sehr viel Schwierigkeiten machte. Als wir schließlich unter Dach und Fach waren, fragte der Yamen an, ob wir nicht dort wohnen wollten. Nun war es natürlich zu spät, dafür schickte er Essen und Beleuchtung. Am 4. Februar legten wir annähernd 50 Kilometer zurück.
Am folgenden Tage dachte ich eigentlich direkt nach Hsi Ngan Fu zu marschieren, aber gewöhnlich kommt es anders, als man denkt, wie es ja meistenteils im Leben zu sein pflegt, besonders in demjenigen des Soldaten. Ich hatte meinen Mafu nach Ling tun vorausgeschickt, um das Karrenwechseln, was ich dort beabsichtigte, zu beschleunigen. Bei bedecktem Himmel und 2 Grad Kälte zog ich morgens los. Ein alter Mann, den ich nach dem Wege fragte, ließ sich mit mir in eine Unterhaltung ein, und als ich ihm erzählte, ich ritte nach Hsi Ngan Fu, riet er mir, unbedingt vorher Ling tun mit seinen heißen Quellen anzusehen. Ich folgte seinem Rat und bereue es keineswegs. Wir ritten links ab vom Wege auf die südlich gelegene Gebirgskette zu, deren Abhänge stellenweise noch mit Schnee bedeckt sind. Zuerst ging es durch hügeliges Gelände mit ausgedehnten Obstpflanzungen, dann durch ein Vorplateau mit Ackeranbau, hübsch unterbrochen durch Busch- und Baumparzellen, die die Gräber umgeben. Die Äcker waren schon leicht grün, bei einem bißchen Phantasie konnte man sich in eine Art englischen Park versetzt glauben. Gegen 10 Uhr ritten wir in die Stadt Ling tun Hsien ein, die in ihrem Äußeren sich durch nichts von anderen chinesischen Städten unterscheidet. Die uns Deutschen so lieben, charakteristischen Baustile bei alten Häusern in den verschiedenen Provinzen unserer schönen Heimat fehlen hier gänzlich.