Familie, vom Neujahrsgebet zurückkehrend
Ich schickte meinen Mafu mit Paß und Visitenkarte zum Yamen, um das Bad benutzen zu dürfen. Sofort wurde mir ein äußerst höflicher Beamter mitgesandt, der uns durch die Stadt führte. Ungefähr einen halben Kilometer außerhalb der Stadtmauer, gerade am Fuße der Berge, gelangten wir an einen großen Gebäudekomplex mit teilweise roten Mauern, also kaiserliches Eigentum. Wir ritten durchs Tor in einen Yamen, wo ich einem andern ebenso höflichen Beamten anvertraut wurde, der meinen Mafu nach den Ställen wies und meine fernere Führung übernahm. Durch zwei weitere Höfe gelangte ich zu einer geschlossenen Halle mit vier kleinen Nebenräumen. Man bot mir sofort Tee und einen der Nebenräume zur Wohnung an, was ich dankend annahm. Auf meine Bitte, mir nun die Anlage ansehen zu dürfen, wurde sofort alles zur Besichtigung geöffnet. In den an dem ersten Hof gelegenen Räumen befindet sich ein mächtiges Bassin mit einer Quelle, die einen circa 25 cm starken, ziemlich starken Strahl sprudelt. Dieser Baderaum ist für die mittleren Klassen der Bevölkerung männlichen Geschlechts vorbehalten. In Adamskostümen planschen sie riesig vergnügt in dem heißen Wasser herum und spritzen und ducken sich unter, genau so, wie wir es als Jungen in der Schwimmanstalt getrieben haben. Durch mich und meinen Photographenapparat ließen sie sich nicht im mindesten stören. Außerdem sind an diesem Hof Küchen- und Dienerschaftsräume. Der zweite Hof mit seinen Räumlichkeiten ist für die "oberen Zehntausend" bestimmt. Drei Nebenräume der oben erwähnten Halle sind zu Wohnzwecken hergerichtet und dementsprechend ausgestattet, den Kang ersetzt eine hölzerne Pritsche. Der vierte Raum ist Baderaum; eine circa 20 cm starke Quelle strömt in ein 1½ m langes und 2 m breites Bassin aus Stein, zu dem eine breite steinerne Treppe herabführt.
An den zweiten Hof schließt sich ein weiterer offener Raum, in dem wieder eine Quelle in ein in chinesischem Stil unregelmäßig geformtes großes Bassin fließt. Daran nach Süden folgt ein hoher überwölbter Raum, der wiederum ein Bassin mit Quelle umschließt; letzteres ist acht mal zehn Meter groß. Über der Wölbung ist ein Tempel, an dessen äußerer Seite, der Quelle zugekehrt, Unmengen von Dankgebeten Geheilter, auf rote Seide oder Papier geschrieben, angebracht sind. Außerdem befinden sich in dem ganzen Komplex noch mehrere Quellen; sie sind alle gleichmäßig warm, ich maß sie auf 42 Grad Celsius; das Wasser ist ganz leicht schwefelhaltig, sonst kristallklar. Es badet sich sehr angenehm darin. Nach Osten zu schließt sich ein Gebäudekomplex an, der besonders für Angehörige des kaiserlichen Hauses vorbehalten ist, er wurde mir bereitwilligst geöffnet. Es ist ein reizendes Durcheinander von pittoresken Pavillons auf kleinen Inseln, von Felsaufbauten, Tempelchen und Baderäumlichkeiten. Das fließende Wasser ist in Teiche geleitet, die natürlich nicht gefroren sind und in denen Scharen von Goldfischen munter spielen. An einem besonderen Hof befinden sich die für die Allerhöchsten Herrschaften bestimmten Wohnräume, denen sich noch solche für die Leibwache anschließen. Die Einrichtung sämtlicher Räume ist einfach, aber in recht guter Ordnung gehalten und — recht sauber. Da ich durch meinen Besuch beim Yamen offizielle Persönlichkeit war, wurde ich auch weiterhin dementsprechend behandelt; wo ich hinging, hatte ich stets mehrere, meiner Wünsche wartende Leute hinter mir. Vergessen habe ich noch zu erwähnen, daß sich nach Westen zu ein Bade-Yamen für die holde Weiblichkeit anschließt; der Kuli badet außerhalb im abfließenden Wasser, sein Bad beschränkt sich meist auf ein Abwischen des Gesichts und auf ein Fußbad. Der Gebrauch des Bades ist überall frei, abgesehen natürlich von dem hier in China fast noch mehr als in Europa üblichen Trinkgeld. Nachdem ich meine Sachen untergebracht hatte, stürzte ich mich sofort in die heißen Fluten, dankbar dem Geschick, das mich hierher führte, und ich muß sagen, daß ich mich nicht erinnern kann, jemals so angenehm gebadet zu haben wie hier im Innern Chinas.
Unterdessen war bereits in meinem Wohnraum das vom Yamen gesandte unvermeidliche Diner aufgebaut, das übrigens ganz vorzüglich war. Als Nachmittagsspaziergang wanderte ich, mit photographischem Apparat und Zeiß bewaffnet, zum Lau-mutjin-miau, dem auf einem die Stadt überhöhenden Berggipfel gelegenen hübschen Tempel. Meine Hoffnung auf einen Sonnenstrahl erfüllte sich leider nicht, so daß mir dadurch die berühmte Fernsicht von des Tempels Terrasse aus entging und auch mein Apparat keine Arbeit bekam. Für uns Europäer ist nur eins an der ganzen Anlage zu bedauern, nämlich, daß sie nicht nahe der Küste liegt und damit für uns die Heilkraft der Quellen nicht ausgenutzt werden kann. Der Chinese benutzt die Bäder sehr eifrig; zu Roß, zu Fuß und zu Karren sah ich von allen Seiten Leute heranströmen; dementsprechend ist denn auch der Trubel vor der Anlage, wo sich natürlich eine Unmenge fliegender Händler niedergelassen hat und ihre mehr oder minder duftenden Waren ausbietet. Wer den zweiten Hof unbefugt betritt, wird von einem sonst sehr freundlichen alten, weißbärtigen Diener mittels drei Meter langem Bambus sofort wieder hinausbefördert. Diese Beschäftigung, nebenbei seine einzige, scheint ihm einen Riesenspaß zu machen, denn ich sah ihn den ganzen Tag auf der Lauer sitzen.
Bei herrlichstem Wetter marschierten wir am 6. Februar gegen sieben Uhr morgens ab; das Thermometer zeigte plus vier Grad, und man fühlte sich in der wärmenden Sonne sehr wohl. Der Weg ist auch ferner schlecht, recht steinig und ausgefahren. Wir überschritten auf einer 300 m langen Steinbogenbrücke den Ba-ho. Der Übergang war sehr schlüpfrig, so daß die Tiere fortwährend am Hinfallen waren; ich ließ sie an den Köpfen führen. Leute dazu bekam man überall, da an beiden Enden der Brücke sich Verkäufer niedergelassen hatten, die den sowieso schmalen Durchgang noch mehr erschwerten. Das Flußtal ist hier mehrere Kilometer breit, und in ihm tummeln sich unendliche Scharen von Wildgänsen, Störchen und großen, wohlschmeckenden, rostbraunen Enten. Letztere waren schon paarweise zusammen, eigentlich recht früh. Ich schoß einmal, natürlich vorbei, da es für eine Mauserpistole doch etwas zu weit war. Einmal kamen wir an einem Rasthaus des Kaisers vorbei, das er auf seinem Rückzug nach Peking eine Nacht bewohnt hat; es war noch leidlich in Stand gehalten. Eigentlich ist es durch das Wohnen des Kaisers darin geheiligt und darf von keinem gewöhnlichen Sterblichen mehr benutzt werden. Ganz genau scheint man es jedoch hiermit nicht zu nehmen.
Durch einen Hohlweg gelangten wir steil aufsteigend zu einem etwa 50 Meter sich über die Talsohle erhebenden Plateau, und vor uns lag auf etwa 5 Kilometer Hsi Ngan Fu. Der bis jetzt stinkend faule Karrenführer schien durch den so lange ersehnten Anblick ermutigt zu sein, denn mit einem Male fuhr er im schlanken Trabe los. Vorbei an einigen Soldatenlagern, gelangten wir zur Ling tuner Vorstadt. Unterwegs hatte ich schon viele Leute nach dem bekannten alten Christenstein gefragt, der hier stehen muß, es konnte mir aber keiner Auskunft geben. Später erst stellte sich heraus, daß der Stein auf der Westfront liegt. Am Haupttore angelangt, hielt uns die Wache auf, fragte uns nach Namen, Nation, woher und wohin, dann ging es durch das mächtige dreiteilige Tor auf der mit breiten Steinquadern gepflasterten, ostwestlich laufenden Hauptstraße in die Stadt. Die Wache hatte uns einen Beamten als Führer mitgegeben. Auch hier findet wieder scharfe Scheidung zwischen Chinesen und Mandschu statt, letztere nehmen das nordöstliche Viertel ein. Daß diese Scheidung eine tatsächliche ist, sah man gleich an den unverkrüppelten Füßen der Frauen auf der Mandschu-Stadtseite. So gelangten wir bis zur Mitte der Stadt, über die ein vierteiliger Bogen erbaut ist. Wir bogen links ab in die Chinesenstadt, in ein Gewirr von Gäßchen mit unendlich lebhaftem Treiben. Hsi Ngan Fu macht hier unbedingt den Eindruck der Großstadt; weniger großstädtisch kamen mir die Herbergen vor, vor denen wir bald hielten. Trotzdem sie meist den stolzen Namen Ta-kuan-dienn führten, also große Beamtenherberge, waren es doch meist nur schmutzige, dumpfe Löcher mit ganz unglaublichen Ställen. Die besten Zimmer waren stets von reisenden Mandarinen besetzt. Weiter vorbei am Futai-Yamen, wo Tausende sich um kleine Verkaufsstände herumdrängten, um bunten Neujahrs-Krimskrams zu kaufen, vorbei an der vizeköniglichen Wache, die sich in ihrer hochroten, bestickten Uniform sehr hübsch ausnahm und laut unverschämte Bemerkungen über mich machte, kamen wir schließlich zur Westfront und fanden endlich nach langem Suchen eine einigermaßen annehmbare Unterkunft für Mann und Pferd in einer kleinen Herberge. Mein Führer meinte zwar, sie sei keineswegs standesgemäß, das störte mich jedoch weniger. Ich ließ zuerst die Wohnung etwas säubern, die Fenster neu kleben, ließ dann die Pferde füttern und mir selbst einen Happen besorgen.
Ein Mann, der gerade nicht den besten Eindruck machte, drängte sich an mich heran, er hatte gehört, daß ich nach Kaschgar ging und wollte mich durchaus dorthin begleiten. Ich nahm ihn als Führer zu Dr. Smith, an den mich eine Empfehlung aus Taiyuanfu wies. Den Mafu schickte ich mit Paß und Visitenkarte zum Yamen, um mich anzumelden. Durch unendlich viele Straßen mit einem bunten Getriebe, wie ich es kaum jemals in Peking gesehen habe — es wurden meist Laternen in den unmöglichsten Formen, wie Drachen, Vögel, Fische, zu dem in fünf Tagen stattfindenden Laternenfest verkauft —, gelangten wir zum Yamen des Dr. Smith, der hier ein sehr gutgehendes Hospital aufgemacht hat. Natürlich war er gerade gestern abgereist; also weiter zum Missionar Shorrock, der in der östlichen Vorstadt wohnte, gerade dort, wo wir hereingekommen waren. Ich wurde von dem Missionar und seiner Frau, die beide chinesische Kleidung trugen, auf das liebenswürdigste empfangen. Natürlich sollte ich das Neueste erzählen, wußte aber weniger als die Leute selbst; dagegen hörte ich von unserm Freunde Tung-fu-hsiang, daß er sich zur Verteidigung und nicht zum Angriff rüstete und zusammen mit Prinz Tuan sich in Heichengtse fest verschanzt habe. Missionar Shorrock versprach mir für morgen einen Führer durch die Stadt. Ich selbst mußte gleich zurück, da mit Eintritt der Dunkelheit die Stadttore geschlossen werden und man ohne Gnade ausgesperrt wird. Bemerken muß ich hierzu, daß der Missionar in der Vorstadt wohnte, während ich selbst innerhalb der Stadt untergekommen war.
Missionar Shorrock, Hsi Ngan Fu