In der Stadt wurde überall getrommelt und Gongs zur Neujahrsfeier geschlagen. Der Mafu hatte meine Briefe nach der Küste auf dem Yamen abgegeben; mir selbst schickte der Yamen wiederum ein Diner. Neben meiner Stube hatte im nächsten Zimmer eine Hündin Junge, die die ganze Nacht quarrten; erst opferte ich mein Fleisch, um sie zu beruhigen, das half nichts; daraufhin stand ich wieder auf und beförderte sie hinaus ins Freie. Die Mutter hatte sie bald wieder zurückgeschleppt, und sie quarrten noch mehr, woraufhin ich mich in mein Schicksal ergab.

Am 7. Februar morgens holte mich einer der chinesischen Hilfslehrer aus der Mission zum Führen durch die Stadt ab. Ich fand in ihm einen freundlichen, des Ortes bis ins kleinste kundigen Mann und erhielt auch die Aufschlüsse über die Stadt, die ich haben wollte. Die Stadt ist eingeteilt in fünfzehn Bezirke, hat 40 Li Mauerumfang und gegen 300 000 Einwohner, jedoch sind die Angaben darüber sehr schwankend, wie stets bei chinesischen Städten; 20 000 davon sind Mohammedaner, 20 000 sind Mandschu, der Rest Chinesen. Die Stadt hat sowohl in der Politik wie im Handel stets eine bedeutende Rolle gespielt, im Handel weniger selbst produzierend, wie als Zentralsammelstelle und Durchgangspunkt für Waren. Ihre Gründung reicht bis in unbekannte Zeiten zurück, sicher steht fest, daß die erste Han-Dynastie von 202 vor Christo bis 24 nach Christo regiert hat und Schangan, das war der damalige Name, den man übrigens heutzutage auch noch recht häufig hört, besonders als Hauptstadt vorzog. Neben Schangan bestanden damals noch andere Hauptstädte. Später residierte hier die Sui-Dynastie von 589 bis 613 und die Tang-Dynastie von 618 bis 906. Unter letzterer erreichte die Stadt ihre höchste Blüte. Wir finden unter ihr die Einführung des Christentums, über dessen Verbreitung ein im Jahre 781 errichteter, beim Ausheben eines Grabes 1625 zufällig wieder aufgefundener Stein Kunde gibt. Er berichtet über "die berühmte Religion von Tatsin".

Als Missionen wirken hier: die englische Baptist-Mission, die schwedische Alliance-Mission und römisch-katholische Missionen. Die Tätigkeit der Missionen liegt mehr außerhalb der Stadt, auf dem Lande; soweit ich die Sache beurteilen konnte, schien mir die protestantische Mission keinen großen Erfolg zu haben, während die katholischen Missionen schon seit Generationen arbeiten und sehr fest fundiert sind.

Die zu oder von der Stadt führenden Hauptstraßen sind: von Peking, Honan, Lantschau Fu, Sze-tschuan, Hankau; auf diesen Straßen werden besonders ausgeführt: Felle, Tabak, Schuhwerk, Opium, Tee, Papier, Obst und auch sehr viel medizinische Sachen, die aus dem Westen kommen; als Einfuhrartikel sah ich meistenteils nur europäischen Schund.

Während des mohammedanischen Aufstandes von 1871 bis 1875 durch welchen alle Dörfer auf einer Strecke von Tausenden von Kilometern verwüstet wurden — man sieht sie noch jetzt überall in Trümmern liegen —, waren alle Landleute in die Stadt geflüchtet. Man hielt die mohammedanischen Einwohner in der Stadt als Geiseln fest, gab ihnen Essen und Soldaten als Wache, drohte jedoch den außerhalb der Stadt die undenkbarsten Scheußlichkeiten verübenden mohammedanischen Horden, sofort alle Glaubensgenossen in der Stadt hinzurichten, falls auch nur versucht werden sollte, die Stadt zu stürmen. Wer chinesische Verhältnisse kennt, weiß ganz genau, daß die Chinesen sofort ihre Drohung erfüllt hätten, und dadurch entging die Stadt der Belagerung und Erstürmung. In dem Unterdrückungsfeldzug kaiserlicher Truppen hat sich der General Tung-fu-hsiang infolge seines rücksichtslosen Vorgehens gegen die Mohammedaner einen Namen gemacht. Er ist auch hier noch von den kaiserlichen Truppen lächerlich gefürchtet, und man hofft, daß, im Falle eines angriffsweisen Vorgehens des jetzt aufrührerischen Generals, die Mohammedaner gegen ihren alten Unterdrücker aufstehen werden; denn auf die kaiserlichen Truppen ist doch wenig Verlaß. Der Gouverneur von Pingliang Fu und der kaiserliche General in Kuyuen sollen bereits Waffen unter die Mohammedaner verteilt haben, nachdem die eigenen Truppen zum Teil zu dem besseren Sold zahlenden Tung-fu-hsiang desertiert sind. In ganz Hsi Ngan Fu sind nur 16 000 Soldaten und 16 schwere Kanonen und gar keine Feldartillerie. Als vor ungefähr einem halben Monat die Gerüchte auftauchten, daß Tung-fu-hsiang binnen kurzem angreifen würde, und sich bereits eine Panik der Bevölkerung bemächtigte, wurden zur Ermutigung des Volkes täglich von den Wällen Salven geschossen und den ganzen Tag exerziert, was denn auch seine Wirkung zur Beruhigung der Bevölkerung nicht verfehlt hat. Die Missionare haben durch Spione, die sie im feindlichen Lager unterhalten, sicher festgestellt, daß Tung-fu-hsiang augenblicklich 20-30 000 Gewehre besitzt und über 200, teils moderne Kanonen verfügt. Goo-ta-jen, der oberste Beamte für auswärtige Angelegenheiten in Hsi Ngan Fu, erklärte mir auf meine Frage, woher denn Tung-fu-hsiang das Geld zur Unterhaltung seiner Truppen und zum Einkauf von Waffen habe, daß er im Jahre 1900, als er noch der mächtige Freund der Kaiserin-Witwe war, bei der Plünderung von Tientsin über eine Million Taels bar geraubt und die Arsenale geleert habe. Nebenbei ist bekannt, daß Tung-fu-hsiang sein sämtliches, nicht unbeträchtliches Vermögen, bestehend aus Grundstücken und Kapitalanlage, in Pfandhäusern flüssig gemacht hat. Welche Stellung der kaiserliche General in Kuyuen ihm gegenüber einnimmt, zeigt folgendes: Der General hatte aus Peking Befehl, ihn zu fangen; er hatte nichts Eiligeres zu tun, als Tung-fu-hsiang um eine Unterredung unter freiem Himmel zu bitten und ihm das Schreiben aus Peking zu zeigen. Sowohl der General wie der erste Beamte in Pingliang Fu hängen das Mäntelchen nach dem Wind, sie können es mit beiden Seiten nicht verderben; denn wenn Tung-fu-hsiang eines Tages marschiert und die beiden fängt, schlägt er ihnen unbedingt den Kopf herunter. Im übrigen baut er Befestigungen um Heichengtse und kauft alles Getreide im Lande auf, so daß die Preise trotz der voraussichtlich guten Ernte um 70 bis 80 % gestiegen sind.

Goo-ta-jen, Mandarin in Hsi Ngan Fu

Hsi Ngan Fu besitzt Telegraphen nach Hankau und Tientsin. Die große Linie nach Westen hat Telegraphenanschluß nach Kuyuen.

Theater in Hsi Ngan Fu
Schauspieler