Wir wanderten zuerst zu dem vorerwähnten Nestorianischen Gedenkstein, der ungefähr 1½ Kilometer vor dem westlichen Vorstadttore steht. Ich hatte mir diesen weltbekannten Zeugen der Einführung des Christentums in China in bezug auf seine Aufbewahrung ungefähr so vorgestellt, wie man bei uns zu Hause mit derartigen ehrwürdigen, hochinteressanten Zeugen einer vergangenen Zeit verfahren würde, und fand ihn mit noch einigen andern Grabsteinen abseits der Straße inmitten des Schutt- und Trümmerhaufens eines alten taoistischen Tempels. Da man von dieser Sorte täglich eine größere Menge und stets im gleichen Zustande sehen kann, würde man beim Vorbeireiten nie auf den Gedanken kommen, daß hier der Gedenkstein steht, über den Bücher geschrieben und Vorlesungen auf Universitäten gehalten worden sind. Ohne meinen Führer hätte ich ihn wahrscheinlich auch nie gefunden. Bezeichnend für die Interesselosigkeit chinesischer Behörden ist es, daß z. B. Goo-ta-jen, der Vorstand des Yamens für die auswärtigen Angelegenheiten Hsi Ngan Fus, auch nicht die entfernteste Ahnung von der Existenz des Steines hatte, obwohl er sonst in seiner Art ein hochgebildeter Chinese ist. Später erzählte mir Missionar Shorrock, daß auf Reklamationen katholischer Missionare hin in Peking 1000 Taels für eine würdige Aufstellung des Steines und ein Schutzdach gegen Regen und Wind bewilligt worden sind. Doch bis Peking ist es weit. Man baute einfach aus schlechten Ziegeln im Höchstwerte von 25 Taels ein Häuschen darüber, das jetzt schon lange wieder verfallen ist. Der Rest des Geldes blieb wahrscheinlich auf dem langen Wege von Peking nach Hsi Ngan Fu in den verschiedensten Taschen hängen. Ich finde diesen Vorgang bezeichnend.

Theater in Hsi Ngan Fu. Schauspieler

Der Stein selbst ist in Form und Ausstattung wie die noch jetzt üblichen chinesischen Grabsteine. Die beiden Figuren am oberen Ende, anscheinend Drachendarstellungen, umschließen ein christliches Kreuz. Die Inschrift ist in chinesischen Schriftzeichen, jedoch sind stellenweise Sätze in syrischer Schrift eingefügt, besonders auf den schmalen Seiten des Steins. Wir sahen uns die Reste des uralten Tempels an und wanderten dann zurück, vorbei am Exerzierplatz, wo kompanieweise, wahrscheinlich zur Ermutigung der Soldaten und des Volkes, Salven mit Platzpatronen geschossen wurden, oder wie man das zur Zeit der Vorderlader bei uns bezeichnet haben mag, denn solche führt die hiesige Infanterie. Außerdem wurde mit einer Unmenge Fahnen gearbeitet, aber nicht etwa Winkerflaggen. Die meisten Kompanien, es war hier eine ganze Anzahl tätig, gaben ihre Salven ab, als ich mitten vor der Front war. Ob sie mich erschrecken wollten oder ob es eine Ehrung sein sollte, konnte ich nicht feststellen; ich knipste sie dafür mit dem Kodak. Offiziere waren nirgends dabei; wahrscheinlich war es noch zu früh, oder der heute wehende kalte Wind hielt sie ab.

Unser Weg führte uns unterdessen weiter zum Arsenal in die Südwestecke der Stadt. Dabei ging es eine Zeitlang an der Stadtmauer entlang, und ich hatte Gelegenheit, zu sehen, daß auch Hsi Ngan Fu einst eine nicht unbedeutende Kanalisation gehabt hat, die jetzt im Verfall ist. Das Arsenal bot absolut keinerlei Sehenswertes; warum es eigentlich Arsenal heißt, weiß ich nicht, denn es hat nichts von denjenigen Sachen in seinen recht spärlichen Räumen, die man sonst darin vermuten würde. Der Vorstand im Mandarinenrange entschuldigte sich ununterbrochen bei mir, daß gar nichts Interessantes zu sehen wäre; ich konnte ihm eigentlich nur beistimmen. Außer einigen Schraubstöcken und einigen nicht im Betrieb befindlichen, gänzlich verkommenen amerikanischen Maschinen für Waffenreparatur konnte ich nichts entdecken. Überall klebten Neujahrszettel an den Maschinen; Neujahr entschuldigte jetzt ihren Nichtbetrieb. In der übrigen Zeit wartet man wahrscheinlich sehnsüchtig auf Neujahr und betreibt sie ebenso wenig. Das Hauptgebäude ist im europäischen Stil solide erbaut. Der Vorstand erzählte, daß schon lange Maschinen erwartet würden, aber der Weg über die Berge sei so furchtbar schwierig; warum man sie nicht auf dem Wasserwege schickt, leuchtete mir nicht ein. Am Ende könnten sie dann womöglich ankommen, und das wäre doch recht unangenehm, da ist es so schon besser. Nachdem ich meine höchste Bewunderung über den hervorragenden Zustand des Arsenals ausgedrückt und mein Führer erklärt hatte, daß ich als deutscher Artillerieoffizier das gewiß ganz genau beurteilen könne, wobei ich mir kaum das Lachen verbeißen konnte, empfahlen wir uns, ohne dem schlechten Tee und dem noch schlechteren Zuckerwerk des Vorstandes entgehen zu können; das ist eben beim Chinesen unvermeidlich.

Theater in Hsi Ngan Fu. Schauspieler.

Unser weiter Weg führte uns zu den schwedischen Missionaren, obwohl ich im allgemeinen solche Besuche nicht schätze, da ich mir immer etwas aufdringlich vorkomme. Jedoch mein Führer ließ nicht locker, ich mußte heran, ob ich wollte oder nicht, und richtig hat mir diese Missionarsgruppe von der Swedish Alliance Mission gar nicht gefallen. Gleich beim Eintritt hatte ich genug: ein kleiner Hof, Schmutz, Unordnung und eine Menge kleiner Kinder. Ich wurde hereingenötigt, die Tische waren ohne Decken, die schleunigst erst aufgedeckt wurden; in der einen Sofaecke schlief ein Säugling, in der anderen ein Köter. Allmählich versammelten sich zwei Herren und drei Damen, natürlich alle in chinesischer Kleidung, und nachdem ich kurzen Bescheid über woher und wohin gegeben und eine Tasse Kaffee dankend angenommen hatte, drückte ich mich schleunigst, um eine Erfahrung reicher und das bestätigt findend, was schon andere, z. B. Sven Hedin, vor mir gesehen haben.

Wir gingen dann zum kaiserlichen Palast; eigentlich sollten Kaiserin und Kaiserin-Mutter im Fu-tai-Yamen, als dem größten und geräumigsten Yamen der Stadt, wohnen. Der Fu-tai hatte alles zur Aufnahme hergerichtet, aber der Kaiserin-Witwe war die Lage nicht zur Verteidigung geeignet genug; sie zog den später vom Hofe bewohnten Yamen vor, der schon viele, viele Jahre leer stand und von dem man im Volksmunde sagte, es spuke darin. Das scheint die Kaiserin jedoch nicht zurückgehalten zu haben, und wie man jetzt sieht, hat ihr der Spuk auch nichts angehabt. Der Yamen liegt in dem Teil der Stadt, in dem vorherrschend Mohammedaner wohnen, also im nordwestlichen Viertel; er besteht ebenso aus mehreren hintereinander liegenden Höfen mit Gebäuden dazwischen, wie jeder andere chinesische Yamen auch. Man sieht ihm an, daß es noch nicht sehr lange her ist, daß er geräumt wurde, denn alle Malereien usw. sind noch wie neu; anderseits sah ich mehrfach in den Räumen oder außerhalb Renovierungsarbeiten vollziehen. Schwarzseher schlössen daraus auf einen baldigen neuen Aufstand und eine abermalige Verlegung des Hofes nach Hsi Ngan Fu. Der Kenner weiß, daß vom Kaiser auch nur kurze Zeit bewohnt gewesene Räume dadurch geheiligt sind und gleichsam als Tempel auf Staatskosten in Ordnung gehalten werden. Haarscharf nimmt man es hiermit jedoch nicht, denn ich sah auf dem Herwege mehrfach kaiserliche Rasthäuser bewohnt und Hund und Schwein vergnügt in den Höfen herumlaufen, in denen der Sohn des Himmels über die Wandelbarkeit des Schicksals, also über seine liebe Mutter nachgedacht hatte.

Der kaiserliche Yamen liegt nicht etwa auf freiem Platze, sondern ist von Gebäuden dicht umgeben. Man sieht zuerst einen langen offenen Hof mit Sperrbäumen umgeben; im Hofe zwei Steinlöwen, die "Wächter", vor einem Tor, das geschlossen ist. Ich ging durch eine Seitentür auf der östlichen Seite hinein; mein Führer zeigte oder übergab einem Beamten Herrn Shorrocks und meine chinesische Visitenkarte mit der Bitte, uns den Palast ansehen zu dürfen. Die englischen Missionare scheinen sich hier eines guten Rufes zu erfreuen, denn sofort wurde alles geöffnet. Wir traten ein und schritten durch ein weiteres dreiteiliges Tor in einen zweiten Hof, der an beiden Seiten Dienerschaftsgebäude hat. Ein ferneres Tor in der natürlich roten Mauer brachte uns in einen dritten Hof, der, zuerst schmal, nach ungefähr 30 Metern rechtwinklig nach beiden Seiten ausspringt, und vor uns lag der erste Thronsaal, einfach ausgestattet im Innern, mit einem ganz einfachen, hölzernen, breiten, vergoldeten Sessel und einem Wandschirm dahinter, der sehr schöne eingelegte Arbeiten zeigte. Außerdem waren in diesem Raume viele mit Drachenstickereien überdeckte Stühle und einige Spiegel. Rechts und links, in je zwei kleineren, aber auch höchst einfach eingerichteten Nebenräumen konnte man einige sehr schöne Porzellanvasen auf Tischchen sehen. Die Wände zierten von der Kaiserin-Mutter selbst auf Seide gemalte riesige Schriftzeichen. Die übrigen Kuriositäten scheint man nach Peking mitgenommen zu haben, denn in fast allen Zimmern konnte man die einstigen Behälter aufgeschichtet stehen sehen.