Partie aus dem Kaiserpalast Hsi Ngan Fu

Die Dimensionen der Räume und der Höfe sind nicht entfernt so kolossal wie in Peking, aber wenn mir auch dort die Größenverhältnisse imponiert hatten, so gefiel mir dieser Palast doch besser, er ist, ich möchte sagen, gemütlicher und zeigt nicht solche "kalte Pracht" wie jener in Peking. Doch weiter: Hinter dem ersten Thronsaal liegt ein weiterer Hof und ein zweiter, ähnlich ausgestatteter Thronsaal, für Empfänge der Kaiserin-Witwe bestimmt, mit kleinem Thron und in heller Farbe gehaltenen, mit Seide ausgeschlagenen Nebenräumen, in dessen einem zur Linken das kaiserliche Bett steht. Ein einfaches, nicht sehr langes, drei viertel Meter hohes Holzbett mit in Holz geschnitztem Himmel darüber, im Bett selbst nicht etwa eine Springfedermatratze, sondern eine wattierte dicke Decke als Unterlage. Auch hier einige Wandbehänge, Vögel im Baum darstellend, unter Glas, einige blue and white-Vasen, eine herrliche große Sang de boeuf und einige Kuriositäten, Schränke mit Intarsienarbeit, das ist alles. Hinter dem Schlafzimmer befindet sich ein dunkler, leerer Raum, der als Badezimmer gedient hat.

An den zweiten Thronsaal nach Osten schließt sich ein weiterer Hof an, in den man, durch das Seitengebäude gehend, gelangt. Hier ist ein Felsengarten, am südlichen Ende ein langes Gebäude, das kaiserliche Privaträume enthält. An dieses Gebäude, wiederum nach Süden, entsprechend dem dritten Hauptsaal, reiht sich ein Gebäude an, das für die Kaiserin-Witwe bestimmt ist. Die Räume sind steif und einfach ausgestattet, einige Stühle, Hocker, Spiegel, Tischchen, auf diesen meist große Uhren oder Vasen, auf dem Boden der übliche große Drachenteppich, weiter enthalten sie nichts. In den Nebenräumen ist auch die Ausstattung nichts als Schund. Nach Osten folgt noch ein zu Wohnzwecken bestimmtes kaiserliches Privatgebäude, vor ihm liegt ein hübscher, großer Felsengarten mit Wasserbassin, hoher künstlicher Terrasse mit schöner Aussicht und einem Gartenhäuschen. Man hört den Straßenlärm bis hierher schallen, und oft wird der Kaiser wohl hier gesessen und den ihm bis dahin unbekannten Äußerungen des Volkslebens gelauscht haben.

Kaiserpalast Hsi Ngan Fu. Zweiter Thronsaal

Auf dem Rückweg begegnete mir Goo-ta-jen, der mir sofort sehr freundlich die Hand gab. Er war mit großem Gefolge hier; wahrscheinlich trieb ihn nur die Neugierde her, den Fremdling zu sehen. Wir gingen nun über den mächtigen freien Platz, wo vor tausend Jahren und mehr stets der Kaiserpalast gestanden hat und der jetzt nicht mehr bebaut werden darf, nach dem mitten in der Stadt liegenden Hospital von Dr. Smith. Das Hospital ist ein großer, schöner Yamen, dessen Zwischenräume nicht, wie sonst, schmutzige Höfe, sondern hübsche Gärten zieren. Das Hospital geht augenblicklich ein, da Dr. Smith Familienverhältnisse halber nach England verreist ist. Ich frühstückte mit Missionar Shorrock, der mich hier erwartete, im Yamen, dann erhielt ich den Besuch Goo-ta-jens, der unter den üblichen Förmlichkeiten von 2 bis 6 Uhr abends dauerte. Ich erkältete mich hierbei schauderhaft und hatte nebenbei das Gefühl, von dem Missionar als willkommenes Mittel betrachtet zu werden, um mit einem hohen, einflußreichen Mandarin recht eingehend Rücksprache zu nehmen. Auch den Abend verbrachte ich bei Missionar Shorrock. Den ganzen nächsten Morgen, am 8. Februar, wurde ich wiederum durch den Besuch Goo-ta-jens festgehalten, so daß ich zu meinem großen Ärger vierundzwanzig Stunden verlor. Da ich außerdem der Andacht in der Mission beiwohnen mußte, büßte ich noch weitere mir wertvolle 1½ Stunden ein.

Hsi Ngan Fu
Goot-ta-jen

Schließlich empfahl ich mich und ritt zu meinem Gasthaus zurück, wo mein Mafu bereits in größter Angst auf meine Rückkehr wartete. Er hatte Auftrag erhalten, den gedrückten Pony womöglich zu verkaufen und sich nach einer billigen Karre zur Gepäckbeförderung nach Lantschau Fu umzusehen. Für den Pony, der Schläger und Beißer und nebenbei auch ziemlich bejahrt war, waren ihm nicht mehr als 10 Taels geboten worden, was mir zu wenig war. Praktisch, wie der Chinese zu sein pflegt, hatte sich der Mafu, der Karre wegen, an den Yamen Goo-ta-jens gewandt, und letzterem muß ich unbedingt gefallen haben, denn er stellte mir eine seiner eigenen Karren bis Lantschau Fu zur Verfügung, was ich nach chinesischer Sitte nicht zurückweisen konnte. Außerdem hatte Goo-ta-jen anfragen lassen, ob ich nicht mein großes Pferd verkaufen wollte. Der Mafu hatte es in seinem Leichtsinn gleich hingebracht und dort gelassen, worüber ich weniger erfreut war; nebenbei war er auf der Straße hingefallen und hatte sich das Knie verletzt, so daß er nicht reiten konnte und entsetzlich wehleidig tat. Ich glaube, das Fahren auf der Karre, wobei er tagsüber so schön schlafen konnte, hatte ihm gefallen. Gott sei Dank hatte ich noch einen Begleiter vom Yamen mit, den ich sofort mit einem englischen Brief zu Goo-ta-jen mit der Bitte sandte, mir entweder 500 Taels oder das Pferd zurückzuschicken. Die 500 Taels kamen nicht, dafür aber das Pferd.