Am nächsten Morgen wartete ich von 7 bis 8½ Uhr auf den mir von Goo-ta-jen versprochenen, ganz besonders guten Karren, der natürlich nicht ankam; schließlich machte ich mich selbst auf den Weg zum Yamen, traf aber auf der Hauptstraße einen mir bekannten Beamten, der behauptete, der Karren käme sofort. Wir gingen zum Gasthause zurück, und ich erhielt den Paß für den Wagen mit der Anweisung, den Führer ordentlich zu verhauen, wenn er sich widerspenstig zeigen sollte. Unterdessen wurde es 9 Uhr, und statt der Karre erschien Goo-ta-jen auf der Bildfläche. Er kam sicherlich nur aus Neugierde, ließ sich meine Waffen zeigen und stellte sich, als ob er von dem gestrigen Pferdehandel nichts mehr wüßte. Unterdessen kam der Karren, der erbärmlich aussah und noch miserabler bespannt war. Goo-ta-jen hatte natürlich keine Ahnung, daß es sein Karren sei, und mußte erst darüber belehrt werden. Dann war es ihm sichtlich unangenehm, da er mir vorgelogen hatte, er hätte Karren und Tier aus seinem eigenen Stall selbst ausgesucht. In Wirklichkeit hatten seine Leute für ganz billiges Geld irgendeinen gerade zufällig nach Lantschau Fu fahrenden Karrenführer halb gepreßt. Ich dachte, einem geschenkten Gaul sieht man nicht ins Maul, und ließ aufladen.
Wir marschierten durch das Westtor ab. Die Witwe, die ich heute ritt, hatte seit gut drei Wochen keinen Reiter mehr gehabt und ging daher sehr unruhig. Goo-ta-jen bat mich, das Tier doch einmal vorzutraben, aber die Stute galoppierte ununterbrochen und war nicht zum Trabe zu bringen. Die Chinesen lachten und hatten sicher ein Gefühl der Genugtuung, nicht auf das fremde Pferd hineingefallen zu sein. Ich ärgerte mich gründlich, wahrte aber nach chinesischer Sitte das Gesicht und lachte mit. Am Tore verabschiedete ich mich und erhielt von Goo-ta-jen nochmals den Rat, den die Karre treibenden Chinesen ordentlich zu prügeln, da er sonst nichts täte. Ich sagte ihm, daß ich, außer in Notwehr, niemals einen Menschen schlüge, wodurch sich Goo-ta-jen gar nicht rühren ließ, sondern nunmehr meinem Mafu denselben Rat erteilte.
In der Provinz Schensi
16 Marschtage = 692 Kilometer. Tägliche Durchschnittsleistung 43,25 Kilometer.
[IV. KAPITEL.]
In der Provinz Schensi.
Am nächsten Morgen erwachte ich in Hsienanyi mit greulichen Kopfschmerzen infolge des die ganze Nacht rauchenden Kangs. Die alte Druckstelle der Witwe war wieder derartig dick angelaufen, daß sie nicht mehr geritten werden konnte. Das glücklichste wäre doch gewesen, wenn sie mir der Mandarin abgekauft hätte, dann wären beide Teile befriedigt gewesen; denn der Chinese hätte sich niemals daraufgesetzt, sondern nur vor seinen Freunden mit dem teuren europäischen Pferde renommiert, und die gute Witwe hätte sicher in dem chinesischen Stall ein beschauliches Leben geführt.
Es ging heute weiter auf einem recht langweiligen Wege; überall sah man noch vom Dunganenaufstande her zerstörte Dörfer. Rechts am Horizont wurden Hügelreihen sichtbar. Mittagsrast hielten wir in Yang-kia-tschwang, und abends waren wir in Fung Hsia. Es war zuletzt recht langsam gegangen. Die beiden speziell von Goo-ta-jen ausgesuchten Maultiere erwiesen sich als ein paar uralte, faule, müde Tiere, der Karren fiel halb auseinander, dagegen zeigte sich der mir so warm empfohlene Führer als ein netter, anständiger Mensch; wenigstens ein Trost. Als wir abends in dem Gasthaus ankamen, fielen die Tiere in der Schere vor Müdigkeit um, sie fraßen beide überhaupt nichts. Mein Mafu brachte mir zum Nachtisch eine ganze Menge wundervoller Feigen, meine Vorliebe für diese Frucht kennend. In dieser Gegend gab es sonst nur noch die gelben Kakis. Er hatte die Feigen unserm Fuhrmann gestohlen, der damit in Lantschau Fu ein Privatgeschäft machen wollte. Ich erfuhr erst, woher sie waren, als ich sie längst gegessen hatte.