Meine Karawane. Nepomuk eingespannt
Bei mir fing jetzt die Erkältung an herauszukommen, ich hatte etwas Fieber und fühlte mich recht unwohl. Die Nacht schlief ich kaum. Das Zimmer war mitten in den Lehm hineingebaut, wie hier allgemein üblich; es war aber geräumig und sehr sauber. Es ging weiter durch langweiliges Gelände, das nur zuweilen durch sehr tief eingeschnittene Löß-Schluchten unterbrochen wurde. Überall war terrassenförmiger Anbau, ich zählte einmal bis 28 Terrassen übereinander. Auf jeder derselben liegen die Höhlen-Wohnungen immer eine neben der anderen. In Yung-dju-hsien machten wir Mittagsrast, und bald versammelte sich eine große Volksmenge um mich. Die Mistsammler benutzten die Gelegenheit, um hinter uns den Misthaufen des Gasthauses zu stehlen, was zu einer rechthandgreiflichen Auseinandersetzung mit dem Wirte führte. Da die beiden Maultiere des Karrens trotz der leichten Last am Umfallen waren, spannte ich meinen Nepomuk noch dazu in die Karre. Ein Freund des Karrenführers hatte die Geschirre geliehen; Nepomuk ging so, als ob er nie etwas anderes getan hätte, sicher war er früher schon einmal eingespannt gewesen.
Auch auf dem weiteren Wege waren die Dörfer stets in den Lehm hineingebaut. Abends kamen wir nach Tai yüe. Mir war sehr elend zumute, nur fehlte merkwürdigerweise der Appetit nicht. Über Nacht tat mir ein Prießnitz-Umschlag sehr gute Dienste, und am 12. Februar morgens fühlte ich mich erheblich besser. Je höher wir kamen, um so kälter wurde es. Während um Hsi Ngan Fu herum eine milde, angenehme Temperatur geherrscht hatte, in der kalte Tage sehr selten waren, fiel hier das Thermometer morgens wieder auf minus 12 Grad, und wir hatten dazu einen unangenehmen Nordwest. Die Chinesen schlugen die ganze Nacht über Gongs und Trommeln zur Neujahrsfeier und brannten Feuerwerk ab, so daß ich wiederum kaum zum Schlafen kam.
Teil der großen Mauer bei Fing-tschall
Nepomuk eingespannt, ging es über zwei hohe Pässe nach Kingtschau, wo ein Nebenzweig der großen Mauer über die Berge geht, und von dort marschierten wir zum Kin Ho hinab und in seinem Tale aufwärts, entlang dem Südhange der Berge. Das Tal ist zwei bis drei Kilometer breit und überall mit großen Obstpflanzungen bestanden. Ganz besonders werden Birnen und Aprikosen angebaut, die im getrockneten Zustande ausgeführt werden. Die an den Talhängen im Lehm eingebauten Wohnungen liegen zum Teil in Etagen übereinander. Ich kann mir das nur so erklären, daß zur Hochwasserzeit das Wasser sehr hoch steigt, die Leute daher möglichst hoch wohnen wollen. Eine andere Erklärung bietet der Holzmangel der Gegend, so daß dadurch die Einwohner gezwungen werden, sich in dem sehr haltbaren Lehm Wohnungen zu graben. Manche der vorspringenden Bergnasen waren wie durchsiebt von menschlichen Wohnungen, und zwar meist ganz unregelmäßig durcheinander. In den Sandsteinfelsen sah man zuweilen runde Strudel oder Windlöcher. Die Bevölkerung treibt etwas Rindviehzucht; jedoch war Milch im Verkauf nicht zu haben.
Wohnungen im Löß bei Kingtschau
Nach 55 Kilometern Marsch langten wir in Tschangwu Hsien, einer ziemlich großen Stadt, an; trotzdem war Fleisch nicht zu kaufen. Die Straßen und alle Läden waren mit Laternen erleuchtet, Gruppen von Menschen in allen möglichen Verkleidungen zogen unter endlosem Getrommel herum, genau so, wie bei uns zur Fastnacht. Ich mischte mich in meinem Schafspelz unter die Menge; die Leute erkannten mich zwar, kümmerten sich aber weiter gar nicht um mich. Meine Pferde waren heute recht müde, ebenso ging es auch mir; ich schlief die Nacht trotz des Lärms ganz vorzüglich und wachte am 13. Februar morgens frisch und gesund auf, meine schwere Erkältung war vollkommen überwunden. Es ging weiter durch eine ganz glatte, kaum von einigen Hügeln unterbrochene Ebene. In einem Orte war Theater, zu dem hauptsächlich geschmückte Weiber, auf Karren, auf Eseln reitend, von allen Himmelsrichtungen zusammenströmten; sie trugen hier einen Kopfputz, der wie eine Ulanen-Tschapka aussah, nur ist der Deckel nicht quadratisch, sondern länglich. Es war entsetzlich staubig, was sich besonders unangenehm fühlbar machte, als wir am Abend nach Kingtschau, im Tale des Kin Ho, durch unendlich lange, in den Löß tief eingeschnittene Hohlwege hinabstiegen.